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Kap. XIV+XV: "Live" [Ben spricht]

Samstag 28. März 2020, von Andreas Venzke

Andreas Venzke: Wilkes Tag

 

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XIV. Eine sehr gute Stilübung

Was allein der Empfang ausmacht! Wie oft habe ich schon im Kulturausschuss angemahnt, die Sitzreihen in unserem Konzerthaus endlich auszutauschen. Wie fühlt es sich denn an, wenn man als zahlender Gast das Gefühl hat, man müsste sich auf quietschenden Holzbohlen niederlassen? Natürlich musste mir da jemand entgegenhalten, in einer Art Sessel würden die Leute doch nur alle Spannung verlieren. Da ist sogar was dran. Doch haben wir nun mal als zahlende Gäste vor allem das Bildungsbürgertum, das altgewordene. Denen muss man es bequem machen, in jeglicher Hinsicht. Die wollen das, was sie kennen, goutieren, daran höchstens noch ihren Geschmack verfeinern. Ich will da nicht mehr rebellisch sein. Ich sehe das inzwischen ganz pragmatisch.
Ich habe mich das Treppenhaus hochgeschleppt wie ein Bergsteiger auf dem Weg zum Gipfel. Es ist heiß, und ich merke mal wieder, dass ich den Sommer eigentlich nicht mag. Er ist übertrieben und kündigt auch immer schon an, dass alles nun wieder ins Gegenteil umschlägt. Ich mag es jung und frisch.
Als ich die Tür zur Praxis mit einiger Wucht aufdrücke, betrete ich geradezu eine andere Welt. Ich spüre ein wohliges Kribbeln angesichts der Tatsache, dass ich sozusagen wieder in der Zivilisation bin. Es ist angenehm kühl. Alles ist hier sauber, nichts riecht unangenehm, leise höre ich Vivaldis Die Vier Jahreszeiten: nichts so Originelles, aber doch herrlich vertraut.
Die Arzthelferin hinter dem Schalter reißt erstaunt die Augen auf, als sie mich sieht.
„Wir haben eigentlich schon geschlossen“, sagt sie ziemlich empört.
„Ich hatte einen Unfall“, entgegne ich.
„Ich dachte, die Tür wäre zu.“
„Ich hatte einen Unfall“, wiederhole ich und versuche, meine Stimme wirklich leidend klingen zu lassen.
Mit einer Hand halte ich mich am Schalter fest, mit der anderen halte ich mein Knie.
„Da müssten sie später ...“, sagt die Helferin und schaut mit schnellen Blicken an meinem verdreckten und zerrissenen Jackett entlang.
Ich mache zwei Schritte zurück, damit sie mein Gesamtbild begutachten kann.
„Was ist?“, ertönt plötzlich eine Stimme laut.
Ein Mann in weißem Kittel kommt aus dem Zimmer hinter dem Schalter. Er ist sehr gepflegt gekleidet, die Haare sorgfältig gescheitelt, die Brille, rahmenlos, kaum sichtbar, über Unterkiefer und Kinn zieht sich eine sorgfältig rasierte Linie Bart. Sein verärgerter Gesichtsausdruck bekommt schnell einen Zug ins Neugierige, oder sogar Spöttische.
Ich habe gerade das Gefühl, nicht länger stehen zu können, weil es mir vor Schmerz das Blut aus dem Kopf zieht. Ich humpele nach vorn und halte mich mit beiden Händen am Schalter fest.
Sofort ist der Arzt bei mir und stützt mich. Er riecht dezent nach Rasierwasser, aus dem Mund nach Kaffee.
„Helfen Sie mit!“, sagt er laut zu der Arzthelferin, die allerdings ihren empörten oder sogar angewiderten Gesichtsausdruck nicht ablegt.
Er führt mich durch eine Tür in ein Behandlungszimmer. Als ich mich auf einem Stuhl niederlasse, kommen mir fast die Tränen.
„Beruhigen Sie sich!“, sagt der Arzt und macht zu der Helferin eine kurze Handbewegung, dass sie sich entfernen könne.
„Der Frühling!“, entfährt es mir. „Das ist eigentlich das schönste Motiv.“
„Frühling?“, fragt der Arzt. „Ich würde sage, es ist gerade Hochsommer.“
„Der von den Vier Jahreszeiten“, erkläre ich. „Wie hier die Stimmen der Natur nachgeahmt werden, das ist künstlerisch wirklich schön nachgebildet, auch wenn es sozusagen nur eine sehr gute Stilübung ist.“
Der Arzt nickt mir irgendwie erstaunt zu und sagt nur: „Aha, ich verstehe.“
Ich kann gerade nicht anders, als mich dem herrlichen Gefühl meiner Rettung zu überlassen, und schließe die Augen.

 

XV. Ein paar Binsen über die Klassische Musik

Der Arzt ist vielleicht doch nur ein Schaumschläger, was jedenfalls die Musik angeht. Da wollen ja so viele mitreden. Und warum? Weil sie mit ihren Musikkenntnissen beeindrucken wollen. Meinem Vater schwellt ja die Brust, wenn er die Bedeutung der klassischen Musik betont, für ihn immer gleichbedeutend mit Bach, Mozart, Beethoven, also dem deutschen Anteil daran, diesem überaus bedeutenden Anteil. Wagner spart er aus, weil der vielleicht über seinen Horizont geht. Dabei ist Wagners Musik doch eigentlich die Verkörperung des deutschen Kleinbürgerideals, nämlich alles seelenhaft zu verbinden und unter ein Leitmotiv zu stellen, und das mit Rückgriff auf irgendwelche mystischen Stoffe, germanische, damit Gegenwart und Zukunft gar nicht erst ins Blickfeld geraten und das zu bewahrende Gesamtkunstwerk so schön hervortritt. Aber vielleicht ist sogar ihm das zu pathetisch.
Doch die deutsche klassische Musik an und für sich hat für ihn all das Tiefe, hat sich aus der Seele Bahn gebrochen, in einem schöpferischen Akt – im Unterschied zu Verdi, der ja nur an der Oberfläche schöpfte und die Geschmackserwartungen des Publikums bediente. Den Gefangenenchor hört er trotzdem gern, weil der nun mal, wie er es so ergriffen sagen kann, den tiefen Glauben an die Freiheit so berührend ausdrückt. Das Dreiviertelgeschunkel der Streicher im Hintergrund dürfte ich ihm gegenüber aber gar nicht erwähnen. Dann würde sich wieder etwas ganz anderes aus seiner Seele Bahn brechen.
Und Vivaldi? Da sieht er wirklich nur die Effekthascherei und das oberflächliche Spiel mit der Form – womit er nicht mal Unrecht hat. Trotzdem ist Vivaldis Musik wunderbar melodisch und in einer Art verfeinert, dass sein Spiel mit der Form nun mal künstlerisch ist. Kunst halt!
Und der Arzt erkennt nicht einmal, dass im Akt des Frühlings gleich mal drei Geigen erklingen, fein aufeinander abgestimmt, eigentlich ein schöner Ausdruck für den Geist des aufgeklärten Bürgertums, wenn nämlich alle Stimmen sich gleichberechtigt zu Wort melden dürfen und gleiches Gewicht haben.
Für diesen Arzt dient also diese Art Musik nur dazu, sozusagen ein Zeichen zu setzen: In meiner Praxis geht es absolut seriös zu. Hier wird ernsthaft gearbeitet. Der Pöbel hat hier nichts zu suchen.
Die klassische Musik dient als Distinktionsmerkmal. Verstehen tun sie die wenigsten, die Immobilienspekulanten und Aktiengewinnler schon mal gar nicht, auch nicht so ein Mediziner, der sich wahrscheinlich strebsam aus seinem kleinbürgerlichen Elternhaus befreit hat.
Über Musik muss man mit demjenigen Publikum reden, das es sich erlauben kann, ruhig über dem hektischen Lauf der Dinge zu stehen, weil man sich auf den jahrhundertelang vererbten Familienbesitz sozusagen ausruhen kann – oder weil man als Ehefrau sich auf die erspekulierten Millionen seines Mannes verlassen kann, um hier ein Beispiel zu nehmen, das, politisch korrekt, wahrscheinlich so nicht mehr konstatiert werden darf. In diesen Fällen muss man die Muße nicht erst bemühen. Sie steht sozusagen ständig im Raum. Und ohne sie kann man nun mal nicht zu den Feinheiten der Musik vordringen. Wie soll das einer bewerkstelligen, der nach der Arbeit auch mal für die Familie kochen soll oder dem Kleinen das Fahrrad flicken muss oder endlich das versprochene Gartenhäuschen zu bauen hat? In der Hinsicht, wirklich nur in dieser, sollte man solchen Kreisen doch ihre Art lassen. Sie tragen die Musik, meine Musik sozusagen.
Und nun versucht dieser Arzt, die Untersuchung mit mir bewusst locker zu gestalten, indem er ein paar Binsen über die klassische Musik verbreitet. Ich aber will wissen, was mit meinem Knie los ist.
Wie das passiert sei, fragt er zum zweiten Mal, und ich versuche ihm in den schläfrigen Passagen des zweiten Satzes zu erklären, dass ich wie gegen eine Wand gefahren bin.
Mit dem Knie gegen eine Wand, will er wissen, mal wieder in so ein Gewittergrummeln hinein, und streckt mein Knie leicht, sodass ich unwillkürlich aufschreie.
„Nein Mist“, entfährt es mir, „gegen eine verdammte Autotür von so einer Dummbratze!“
Der Arzt sieht mich verwundert an, ehe er wieder an meinem Bein dreht und fragt, warum ich denn nicht die Polizei und einen Arzt gerufen hätte.
„So schlimm ist das doch nicht“, sage ich und versuche zu lächeln.
Der Arzt kneift die Augen zusammen und sieht mich, unterlegt von der klagenden Geige des zweiten Satzes, nun irgendwie verdächtig an.
Ich müsse doch Höllenschmerzen gehabt haben, da im Knie bestimmt Bänder gerissen seien oder die Kniescheibe eine Fraktur habe.
Er fängt an, mein Knie mit einer Mullbinde zu umwickeln und erklärt, ich müsse sofort in die Klinik, um das genauer untersuchen zu lassen. Da müsse ein MRT gemacht werden. Außerdem müsse man doch in diesem Fall die Polizei informieren, weil ja hier die Verkehrsregeln verletzt worden seien und außerdem Schmerzensgeld zu fordern sei – und wie ich überhaupt heiße und wo ich wohne.
„Der Sommer geht mir wirklich auf die Nerven“, sage ich. „So abrupt müssen doch die anderen Streicher nicht auf das Mückengequitsche der Violine antworten, und außerdem läuft das viel zu schnell. Ist bestimmt Karajan.“
Der Arzt starrt mich an wie einen Irren.
Dann murmelt er: „Aber sie haben recht: Es ist Karajan.“
Er befestigt schnell eine Klemme an der Mullbinde.
Er könne mehr nun nicht tun, sagt er ziemlich langsam und fährt sich mit zwei Fingern einmal seine ganze Bartlinie entlang.
Mit dem Ende des zweiten Satzes steht er ziemlich schnell auf, geht durch die Tür und sagt im Flur laut zu der Arzthelferin, sie solle die persönlichen Daten aufnehmen und sich danach erkundigen und eine Überweisung für das Krankenhaus machen und auch die Polizei anrufen.
Ich bleibe wie erstarrt auf meinem Stuhl sitzen. Die Hitze ist unerträglich geworden. Da kann man kaum richtig nachdenken. Ich höre, wie der dritte Satz anfängt und springe auf, als müsste ich Schutz suchen. Eigentlich ist es wunderbar anarchisch, wie Vivaldi den dritten Satz gestaltet hat: Kein Thema mehr, alles läuft durcheinander, hoch und runter, jeder kann alles aus seinem Instrument rausholen.
Polizei, wiederhole ich innerlich, als ich in dem Gewitter die Stimme der Helferin höre, die sagt: „Hier ist die Orthopädiepraxis Schuhmacher, ja, Schuhmacher, Arzt, Or-tho-pä-die! Wir haben hier einen Patienten ...“
Da stürme ich schon an ihr vorbei. Der Verband hält mein Knie gut in Form. Ich kann fast normal laufen und bin schon durch die Tür und stürme das Treppenhaus hinunter, wie Luther angesichts seines Gewittererlebnisses. Nur habe ich die Möglichkeit zu entkommen.
Hinter der Pergola steht noch mein gut verstecktes Fahrrad. Ich schwinge mich darauf und bin schon über alle Berge. Die Hitze ist stark. Der Sommer ist kaum erträglich. Aber ich höre schon die fröhlichen Stimmen des Herbstes.

© Andreas Venzke