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Kap. 25-27 [Wilke spricht]

Zum Thema "Essen gehen": So wird es wohl leider wieder kommen

Samstag 18. April 2020, von Andreas Venzke

Hier scheint Wilke tatsächlich einmal wieder vorweggenommen zu haben, wie sich in Zukunft eine der Grundlagen jeglicher Zweisamkeit ändern wird: Der Abstand wird noch größer. Das Schweigen auch?

 

Andreas Venzke: Wilkes Tag

Die Salatgeschichte

 

25. Die Salatgeschichte marschiert vorwärts

Schon als wir den Kaiser betreten, droht meine Stimmung zu kippen. Da hat doch jemand auf den Aushang geschrieben: „Heute bieten wir ihnen:“ – und „Ihnen“ also klein geschrieben. Ich habe vor dem Lokal das Tagesangebot nur überflogen und gleich fünf oder noch mehr Rechtschreibfehler festgestellt. Ist denn die deutsche Sprache wirklich so bedroht?
Wir stehen im Speisesaal, noch mit Kronleuchter, die Wände holzverkleidet, frische Blumen auf den massiven, vielleicht noch eichenen Tischen, gemütlich immer noch, nur dass die Gäste fehlen. Wir müssen uns entscheiden, wo wir sitzen. Einige Tische sind so gestellt, dass einer von zwei Gästen, wenn man sich gegenübersitzen will, die Wand anstarren muss. Andere Tische für zwei Personen sind wohl eher als Beistelltische gedacht, so eng sitzt man daran. Es sind auch keine Holztische.
Meine Frau zeigt auf einen Platz am Fenster, als auch schon der Kellner neben uns steht. Wie mich das reizt! Warum muss er sich zu uns stellen und uns zu einer Entscheidung drängen, wo doch kaum ein Tisch besetzt ist? Soll er doch uns die Freiheit des Handelns überlassen!
Und ist der Kellner eigentlich Deutscher, frage ich mich. Immerhin haben wir uns für ein Lokal mit gutbürgerlicher Küche entschieden, um eben mal nicht Pizza, Falafel oder Sushi zu essen – wobei das für mich sowieso nicht in Frage käme. Irgendwie kann der Kellner mit seinen schwarzen Haaren und seinem Akzent doch kein Deutscher sein. In der gesamten Gastronomie trifft man kaum noch deutsche Kellner, da die Deutschen anscheinend zu fein für eine solche Arbeit geworden sind. Hat das jetzt auch den Kaiser betroffen, frage ich mich. Dann wäre ja wirklich bald Schluss mit der deutschen Küche.
Ich beschließe, dass wir uns an einen Tisch in der Mitte setzen.
„Bitte, gern, wie Sie wünschen“, sagt der Kellner und sieht meine Frau seltsam an, die mal wieder die Schultern hochzieht.
Ich weiß nicht, warum sich die Leute dagegen sträuben, in der Mitte eines Raums zu sitzen. Von da hat man nicht nur die beste Übersicht, sondern wird auch am besten gesehen. Da kommt der Kellner nicht so leicht an einem vorbei, wenn man bestellen oder auch nur den Teller ersetzt haben will.
Auch an diesem Platz ist der Kellner sofort an unserem Tisch, kaum dass ich die Speisekarte zugeklappt habe. Ich schlucke aber den Ärger hinunter, so viel Druck ausgesetzt zu sein und hier fast genötigt zu werden. Schließlich habe ich Hunger.
Als sich auch meine Frau unter diesem Druck schnell entschieden hat, weise ich den Kellner dezent auf die wirklich schweren Rechtschreibfehler auf der Speisekarte hin. Ich will da nur hilfsbereit sein, weil doch schon der äußere Eindruck zählt. Wer geht denn in einem Restaurant, einem deutschen, wieder essen, wenn schon die Speisen nicht richtig geschrieben sind?
Der Kellner hört sich das zwar an, aber ich habe nicht das Gefühl, dass er meine Hilfe anzunehmen bereit wäre. Er könnte sich ja auf der Karte Notizen machen. Er hat ja einen Stift dabei.
Aber er hört sich das nur lächelnd an und sagt höchstens mal: „Sie haben recht“, oder: „Das werden wir natürlich ändern.“
Auch hilft eine andere Methode von mir nicht weiter.
Als mich der Kellner fragt, ob ich auch einen Salat wolle, in wirklich gutem Deutsch, führe ich die Hände an die Ohren, wackele damit und sage: ”Bin ich denn ein Kaninchen?”
Der Kellner versteht nicht, grinst aber pflichtbewusst.
Ich sage: „Er ist kein Kaninchen, muss es von mir heißen, isst also auch keines –“
Der Kellner sieht mich geradezu verständnislos an, und ich gebe es auf, mich mit ihm unterhalten zu wollen. Meine Frau ist mir hier sowieso keine Hilfe. Sie sieht eher den Kellner als mich unterstützend an.
Auf jeden Fall hilft mir auch dieser Versuch nicht bei der Frage, woher der Kellner wohl kommt. Vielleicht stammt er ja ursprünglich aus dem tiefsten Schwarzwald, wo die Leute eher klein und dunkelhaarig sind, und angesichts ihres nachdenklichen, sinnenden Wesens beim Sprechen kaum die Zähne auseinander bekommen, wobei sie dann immer noch nicht zu verstehen sind.
Immerhin werden wir überraschend schnell bedient. Weil das doch gut klappt, ist uns damit eigentlich die Grundlage für ein Gespräch geraubt. Das bedroht mir fast diesen Moment meines besonderen Tages.
Wir sitzen uns dann gegenüber, essend, trinkend, nichtssagend.
Ich weiß nicht genau, was meine Frau darüber denkt, was sie genau darüber denkt. So ganz normal ist es vielleicht nicht, sich beim Essen schweigend gegenüber zu sitzen, zumal wenn man dafür auch noch eine Menge Geld bezahlt, also für Essen und ja, für Bedienung, für die natürlich auch. Doch ich zumindest gerate immer wieder in diesen Sog der Leere. Früher habe ich dagegen angekämpft, nicht in das Verstummen hineingerissen zu werden. Fast verzweifelt habe ich nach Themen gesucht, die uns über Wasser halten könnten. Aber manchmal kommt es mir vor, als würde sich meine Frau eigentlich von Anfang an hilflos treiben lassen.
Gerade kommt einmal wieder der Kellner vorbei und fragt, ob alles recht sei.
Aber er ist in dieser Situation auch kein Rettungsring, nicht einmal eine dahintreibende Planke, an der man sich festhalten könnte. Sein ganzer Eindruck ist eigentlich einer von Hochnäsigkeit. Fast kommt es mir so vor, als würde er den Sog sogar noch verstärken. Immerhin könnte er doch ein Gespräch anfangen, wenigstens Ansätze davon, und nicht nur immer seine Höflichkeitsfloskeln von sich geben.
Mir brennt die Frage auf der Zunge, woher er kommt, also woher er wohl wirklich kommt. Denn irgendwie ist er in Deutschland aufgewachsen. Er macht beim Sprechen keine Fehler und betont auch nicht an den falschen Stellen.
Als er nach seiner Frage, an jedem Tag wohl hundertmal gesprochen, ob es schmecke, wieder geht, wird der Schweigestrudel nur noch stärker.
Eigentlich wollte ich meiner Frau noch mal genau auseinandersetzen, dass heute ein besonderer Tag werden soll. Und ich denke wieder daran, dass ja schon dieses Ereignis, endlich mal wieder essen zu gehen, dazugehört. Da sollte man das doch wortreich betonen. Sie könnte ja auch mal fragen. Aber ihr Schweigen zieht an mir wie ein Tsunami auf dem Weg zurück ins Meer.
Wiederum ist mir auch klar: Das Leben ist Wiederholung, und Wiederholung gibt Sicherheit. Und das Leben ist ein Kampf, den es zu bestehen gilt, und wenn das Leben dann abgeschlossen ist, heißt es in der Todesanzeige: Er hat den Kampf verloren. So bin ich auch auf diesen Kampf immer vorbereitet, und ich habe auch dafür alle Waffen immer parat. Auch alle Finten denke ich immer mit. Vielleicht ist das auch ein Grund, überlege ich jetzt, warum es bei mir in einem Gespräch wenig Spontanität geben kann. Auch ich wirke also etwas an diesem Sog. Nur wäre ich halt nie ein treibendes Boot, noch dazu ohne Riemen.
Ich kann meine Gedanken nicht wirklich ausdrücken, weil ich von einer Erfahrung geprägt bin: In Worte gefasst, können sie plötzlich schutzlos dastehen und niedergestreckt werden. So gibt mir die Wiederholung Schutz. Wenn also wirklich einmal eine Situation entsteht, die schlecht zu kalkulieren ist, weil man etwa mit einer fremden Person Essen gegangen ist, und wenn dabei dann irgendwie grüner Salat auf den Tisch kommt, sage ich: „Wenn meine Oma grünen Salat gemacht hat, hat sie von dem nur die Spitzen genommen. Den Rest hat sie den Hühnern überlassen.“
Das bietet Gesprächsstoff und damit auch Sicherheit. Aber selbst in meiner Familie hat meine Frau schon lange keinen grünen Salat mehr gemacht.
In einem Restaurant ist mir das meist die größte Hilfe. Wenn da einer grünen Salat bestellt, was ja immer anzunehmen ist, besonders heute, in diesen ökologisch aufgeladenen Zeiten, dann sitze ich dort vielleicht mit meiner Schwiegertochter als fremder Person, was mich meistens verunsichert, schon weil sie kaum einmal Wein trinkt, geschweige ein Bier - und reagiere entsprechend auf den Salat, den sie bestellt.
Ich kann dann ausholen. Ich erzähle von der Landwirtschaft, von Großbauern, von der Enteignung und Vertreibung durch die Kommunisten – und erst zum Schluss meiner Ausführung, ja eigentlich erst bei dem Satz „Wenn meine Oma ...“, sehe ich meine Schwiegertochter scharf an. So schaffe ich es mit meiner Salatgeschichte, die Aufmerksamkeit fünf Minuten lang auf mich zu ziehen, weil alle anderen, wenn andere mal dabei sind, gebannt zuhören, auch wenn sie die Geschichte, wie meine Schwiegertochter, vielleicht schon mal gehört hatten.
So habe ich wieder eine Schlacht gewonnen und nehme nach der Pointe erst einmal einen tiefen Schluck Bier. In diesem Kampf bleibe ich mit meinem einzigen Kameraden, meiner Frau, immer allein zurück, weil auch die, die diese kleine humoristische Attacke vielleicht noch nicht gekannt haben sollten, am Ende mir gegenüber die Waffen gestreckt haben und schweigen. Ich hingegen habe den Abend gestaltet, habe mich zu Größe aufgeschwungen, habe kein Scharmützel verloren, habe einmal wieder auf der ganzen Linie gesiegt. So etwas wie die Salatgeschichte gibt mir alle Sicherheit, weil sie eben auch so sicher dasteht. Ich kann damit nicht verlieren. Jedes Wort an ihr ist geschliffen und auf seine Wirkung bedacht. Da bleibt kein Versteck für einen Hinterhalt. Die Salatgeschichte marschiert vorwärts und nichts kann sie aufhalten. Ich bin meiner Oma manchmal regelrecht dankbar, dass sie so verschwenderisch mit dem Salat umgegangen ist. Bestimmt hatten auch ihre Eier den besten Geschmack. Aber da fehlte mir schlicht der Vergleich. Öko waren sie bestimmt.
Nur hat meine Frau keinen grünen Salat bestellt, einen Salatteller zwar, aber ausdrücklich ohne grünen Salat. Eigentlich hat sie damit das Schweigen selbst gewollt. Sie selbst hat sich in ein Kanu gesetzt, das Halteseil gelöst und sich der Strömung überlassen. Was soll ich da noch machen? Da bleibe ich hilflos am Ufer zurück.

26. Die Essensarbeit

Wer mich je essen gesehen hat, weiß eigentlich sofort, wie die deutsche Küche beschaffen ist: Sie macht satt. Jedenfalls war das früher so – hier und heute immerhin auch noch.
Ich habe kein Problem damit, zuzugeben, worum es mir beim Essen geht: Dass es satt macht. Muss ich das extra betonen? So weit ist es vielleicht gekommen in unserer verfeinerten Kultur, dass man so etwas Selbstverständliches kaum mehr aussprechen kann. Ich habe zwar die Speisekarte gelesen, habe versucht, mich nicht zu stark von den Rechtschreibfehlern ablenken zu lassen, bin die Gerichte hoch und runter durchgegangen: Gekräuterte Poularde, Lammfilet an Mandel und Pfifferlingen, Carpaccio mit Limonen-Vinaigrette ... Schließlich habe ich doch Schnitzel mit Kartoffeln bestellt. Warum soll ich mich auf ein neues Gericht einlassen?
Meine Frau hat mal versucht, als Ben noch klein war, etwa Spargel mit Bechamel-Soße zu servieren. Das hat sie aber schnell aufgegeben, als ich alle Zutaten bis auf die Kartoffeln zur Seite schob.
Was es mir beim Essen am unangenehmsten macht, ist die Arbeit dabei. Man muss das ja in sich hineinbekommen, wenn man satt werden will, also richtig satt, so dass der Teller leergegessen ist.
Jetzt steht mir wieder der Schweiß auf der Stirn. Es ist eigentlich auch nicht zu überhören, wie ich esse. Zwar folge ich nicht Luther, weil er mit seinem Spruch natürlich polemisch war und sich damit ja auf die Folgen des Essens bezog, aber im Prinzip hatte er recht: Bei mir ist es eben nicht zu überhören, wie ich esse. Weil die Essensarbeit meinen Pulsschlag in die Höhe treibt, muss ich schnell atmen, was ich aber mit dem Vorgang des schnellen Kauens schlecht in Übereinstimmung bringen kann. So atme ich durch die Nase und setze zwischendurch immer wieder wie in Atemnot aus, wenn ich schlucke oder, wie meine Frau wieder sagen würde, schlinge.
Gerade flüstere ich ihr noch einmal zu: „Woher wohl der Kellner kommt?“
Doch sie guckt nur zur Decke, als würde sie das gar nicht interessieren.
Weil sie sonst nichts sagt und nur in ihrem großen Salat stochert, der hauptsächlich aus mit Tomatenscheiben verziertem Kraut zu bestehen scheint, getüncht in eine vorfabrizierte Soße aus dem Eimer, mache ich mir so meine Gedanken.
Ich brauche Fleisch. Es gibt mir Kraft. Gemüse ist etwas irgendwie Verdächtiges, politisch links Stehendes, geradezu Subversives. Es sind immer dieselben, die das Grünzeug proklamieren: Weltverbesserer, Umstürzler, Grüne – obwohl ich den Führer der Grünen durchaus mag. Der denkt eigentlich richtig deutsch.
Leider verstehe ich vom Essen wenig – wobei ‚leider’ hier wohl der unpassende Ausdruck ist. Ich bin halt nicht verzärtelt. Meine Frau hingegen – die ist eine gute Köchin.
Ich sage ihr oft genug: ”Wenn du eins kannst, dann ist das kochen!”
Dieser Satz ist mir richtig in Fleisch und Blut übergegangen. Habe ich ihn am Anfang mal ironisch betont, weil ich natürlich nicht erwarten kann, dass meine Frau Chef de Cuisine wäre?
Ich weiß, dass sie früher deswegen immer entgegnete: ”Das sagt man nicht. Das geht zu weit.”
Aber ich habe ihr das immer wieder gesagt, weil es nun mal stimmt, und ich hoffe, sie fasst diesen Satz als Kompliment auf. Denn so ist er ja gemeint.
Bleibt hier noch die Frage, warum ich eigentlich am liebsten Schweinefleisch esse. Meine Frau sagte mal, alle kannibalisch tätig Gewordenen meinten, dass Menschenfleisch so ähnlich schmecke wie Schweinefleisch. Na und? Kann ich mir vorstellen. Es gibt bei mir durchaus eine Lust darauf. Dabei muss das Fleisch für mich verarbeitet sein, sozusagen, in Form von Wurst zum Frühstück und Abendessen oder zum Mittagessen als Schnitzel paniert oder zum Würstchen gepresst. Als reine Form erscheint es immer nur Sonntags, wenn es Kassler gibt oder sogar mal Eisbein, das ja kaum noch jemand kennt. Schweinefleisch ist einfach etwas Männliches. Sogar Rindfleisch hat ja etwas Schwächliches an sich, wenn man nur an die Gras fressenden Kühe denkt. Und Fisch, geschweige Schnecken und Muscheln und so etwas Widerliches? Das kommt nicht umsonst von den Franzosen, heute noch die ganzen Mittelmeervölker eingeschlossen. Wie die Muslime das halten? Keine Ahnung. Die sind da bestimmt erst recht speziell.
Wie verschroben muss eigentlich ein ganzes Volk sein, das Muscheln, Schnecken und Frösche isst, denke ich bei mir, als ich mir das letzte Stück Schnitzel in den Mund schiebe. Obwohl ich schnell gegessen habe, ist es schon fast kalt.
Als ich einen tiefen Zug von meinem Bier nehme, denke ich: Wenn ein Volk Schnecken noch zu einer Delikatesse hochstilisiert, wie völlig verweichlicht, dekadent, verzogen, ja, verweiblicht müssen solche Leute dann sein. Ich stelle mir vor, wie so ein französischer Mann, womöglich noch mit seinem Hündchen auf dem Schoß, ein Gabelchen mit spitzen Fingern in so ein Schneckenhäuschen einführt. Bei dem Gedanken kaue ich noch einmal mit Lust mein letztes Stück Fleisch durch und spüle es mit dem letzten Schluck Bier hinunter. Hat eigentlich gut geschmeckt.

27. Fast aus dem Hinterhalt überfallen

Nachdem ich die Frage des Kellners über mich ergehen lassen habe, ob wir noch einen Kaffee wollten, und ich stattdessen noch einen Schnaps bestellt habe, kommt der Moment, den ich, wie ich gestehen muss, immer irgendwie fürchte: Ich zahle. Hastig kippe ich den Schnaps hinunter, um auch so das Gefühl zu haben, alles ist abgeschlossen und nichts übrig. Ich darf nun nicht abgelenkt sein. Wenn es ans Zahlen geht, komme ich immer in eine Zwickmühle.
Eigentlich möchte ich dem Personal trauen und die Rechnung, wie sich das anstandshalber gehört, nicht kontrollieren. Man muss doch davon ausgehen, dass man wenigstens im Restaurant nicht übers Ohr gehauen wird. Gleichzeitig ist da aber dieser Kellner, der sich irgendwie nur als Deutscher verkleidet zu haben scheint, der sich schon so angepasst hat, dass man gar nicht mehr erkennt, wo er eigentlich herkommt. Wenn ich wüsste, dass er ein Pole oder Ukrainer oder so etwas wäre, würde ich natürlich sofort kontrollieren. Aber wenn der doch Deutscher ist? Wie sieht denn das aus, wenn man die Rechnung überprüft? Als ob man nicht genug Geld hätte! Oder als ob man geizig wäre!
So liegt die Rechnung eine ganze Weile auf dem Tisch, wie absichtlich ungeöffnet, damit ich da nicht verstohlen hineinsehen könnte. Endlich fasse ich mir ein Herz, nehme sie auf wie vielleicht einen toten Vogel, sehe meine Frau an und atme durch. Ich habe im Kopf immer wieder überschlagen, wieviel wir wohl bezahlen müssten. Nun stelle ich erleichtert fest, dass die Summe in etwa stimmt.
Diese Erleichterung geht bei mir tief. Sie rührt von dem Gefühl her, dass es doch noch so etwas wie Ehrlichkeit gibt und dass weiterhin meine Finanzen stimmen werden, meine Plus- und Minus-Rechnung. Ich bin nun durchaus bereit, gutes Trinkgeld zu geben.
Das ist aber ein weiterer aufregender Augenblick bei diesem Prozess des Bezahlens. Die entscheidende Frage lautet: Was ist ein angemessenes Trinkgeld? Immer wieder kann man lesen, es sollte um die zehn Prozent betragen. Dabei ist zehn Prozent doch ordentlich. Acht Prozent wäre eigentlich auch angemessen, denke ich mir und versuche auszurechnen, welchen Gesamtbetrag das ergäbe und ob wir damit im Plus oder Minus wären. Danach rechne ich auch sieben Prozent durch.
Auf einmal kommt der Kellner zum Kassieren, das heißt, er stellt sich unauffällig in den Hintergrund. Sofort fühlt ich mich unter Druck und die Zahlen wirbeln mir plötzlich durch den Kopf. Wem würde das nicht so gehen? Das gehört doch wahrscheinlich auch wieder zu so einer Strategie, den Kunden zu überrumpeln, höflich, immer höflich.
Mit einem Tonfall von Verachtung nenne ich dem Kellner eine Zahl und sinke schwer in meinem Stuhl zusammen. Im Grunde ist dieser Moment des Tages für mich verdorben. Denn ich muss feststellen, dass ich in der Eile, die doch der Kellner verursacht hat, fast elf Prozent Trinkgeld gegeben habe, womit ich beim Posten ’Essengehen’ nun ordentlich im Minus bin.
Als ich die Restauranttür mit viel Druck schließe, sage ich meiner Frau: „Eigentlich hat mich der Kellner fast aus dem Hinterhalt überfallen. Der ist bestimmt auch kein Deutscher. Man kann eben nicht vorsichtig genug sein.“
„Aber man muss auch mal was wagen“, erwidert meine Frau irgendwie nachdenklich und fügt noch schnell an: „Was für ein schöner Tag eigentlich.“
„Du hast so recht“, sage ich, „so recht.“
Denn sie ist es nun, die mich wieder auf die Spur meines Tages zurückbringt, und ich wiederhole lächelnd: „Man muss auch mal was wagen.“

© Andreas Venzke