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Kap. 13 [Wilke spricht]

"Längst Billionen!" (Wie man einen Haushalt führt)

Donnerstag 11. Juni 2020, von Andreas Venzke

Schulden und noch mehr Schulden! Wilke treibt das um, und er hat privat etwas dagegen gestellt. Aber dass es wirklich so weit kommen würde wie heute zu Corona-Zeiten, hätte wohl auch er sich nicht vorstellen können.

 

Andreas Venzke: Wilkes Tag

Wie man einen Haushalt führt

 

13. Wie man einen Haushalt führt

Ich höre am Telefon, wie Corinna, meine Schwiegertochter, zum zweiten Mal fragt, ob ich auch zuhöre.
„Ja“, sage ich, „was soll denn so eine Frage?“
Ich habe noch ein Enkelkind zu erwarten, höre ich dann und schweige. Ob ich noch dran sei.
Enkelkind!, geht es mir durch den Kopf und mir wird schwindelig.
Ich wanke in die Küche, gebe mit verdrehten Augen meiner Frau das Telefon zurück und gehe wieder hinaus.
Ich höre sie noch sagen: „Ich weiß nicht, was er jetzt wieder hat. – Und Ben? Hat der sich inzwischen ...? Na super!“
Im Wohnzimmer lasse ich mich in den Sessel fallen, wie mit aller Last der Welt beschwert. Ich atme so tief durch, dass es mir in den Lungenspitzen schmerzt. Mein Arzt sagte einmal, meine Atemprobleme könnten auch von meinem hohen Blutdruck stammen. Schon deswegen seien die roten Tabletten so wichtig – zum Glück war es heute morgen die blaue, denke ich, die nicht ganz vollständig war.
Die Nachricht von meiner Schwiegertochter bringt mich völlig durcheinander. Denn ich muss deswegen nun mein Finanzsystem umstellen. Wie oft habe ich es schon erklärt, damals sogar meinem Arbeitskollegen, weil mir in meiner Familie sowieso keiner bis in die Verästelungen folgen will. Manche können ja kaum den Baum ausmachen, erkennen schon gar nicht, auch wenn es nur eine Eiche wäre.
Dabei ist das System nicht so schwer zu verstehen: Ich habe meine Finanzposten und jedem Posten ist ein bestimmter Betrag zugewiesen. Über das Jahr verteilt sind als Posten für die Geburtstage der Kinder und für Weihnachten pro Person jeweils fünfzig Euro vorgesehen, für Sonderausgaben wie Geld für ein neues Auto feste monatliche Beträge.
Überhaupt sind auch alle anstehenden Ausgaben erfasst und auf sie wird monatlich hingespart. Wenn ich mit meiner Frau in den Urlaub fahre, ist dafür als Sonderausgabe gespart worden. Der Urlaub selbst wird so durchgerechnet, dass etwa ein Betrag von 1500 Euro über einen Zeitraum von vierzehn Tagen verwendet werden kann, was, gut gerechnet, 107 Euro pro Tag entspricht. An jedem Tag wird Protokoll geführt, was jeweils ausgegeben wurde, sodass ich immer weiß, ob wir im Plus oder im Minus sind. Nach diesem Prinzip berechne ich überhaupt unsere Finanzen. An jedem Abend wird auf Heller und Pfennig aufgeschrieben, was am Tag eingenommen und ausgegeben wurde. Leider hebt meine Frau nicht immer alle Einkaufsbons auf. Das muss ich dann hochrechnen.
Eiserne Pflicht ist bei mir, dass ich fünfhundert Euro stifte, wenn ein Enkelkind zur Welt kommen sollte. Allerdings ist die Auszahlung des Geldes mit einer Anweisung verbunden, nämlich dafür einen Wickeltisch oder ein Kinderbettchen zu kaufen, zum Beispiel. Unter keinen Umständen darf das Geld für ein Instrument meines Sohnes oder zur Bezahlung von Schulden verwendet werden. Ben und auch meine Schwiegertochter sollen endlich verstehen, wie man rechnet, wie man einen Haushalt führt.
Ich vertrete mein Abrechnungssystem vehement, und ich weiß: Irgendwann wird auch mein Herr Sohn begreifen, dass ein solches System zum Leben gehört wie die Luft zum Atmen. Der wird es auch irgendwann annehmen, spätestens wenn sie richtig eine Familie gegründet haben – wenn also der Vater einer ordentlichen Arbeit nachgeht, wenn die Mutter das Kind nicht nur in irgendeiner Wickelstube versorgen lässt und wenn überhaupt alles in Ordnung gebracht ist. Und dass sie jetzt, vor diesem Hintergrund, schon wieder schwanger ist, überlege ich. Rechnen die denn gar nicht?
Nach meiner Finanzmethode könnte man auch alle Staatshaushalte sanieren. Schuldenmachen käme da gar nicht in Frage. Schwarze Null – das könnte dem entsprechen. Das könnte von mir sein, wenn das aber nicht nur bedeuten würde, sich nicht neu zu verschulden. Wenn die Leute überhaupt erst mal verstehen würden, was der Staat da treibt! Wer weiß denn schon, wie das Land verschuldet ist? Milliarden? Ach was: Längst Billionen! Nur müssen ja alle über ihre Verhältnisse leben! Ist es da nicht längst Zeit für den großen Schnitt? An mir wird sich noch zeigen, was es heißt, richtig zu wirtschaften.
Angesichts meines Finanzsystems können mir Sonderausgaben wie für die Geburt eines Enkelkindes große Schwierigkeiten bereiten. Da muss ich vielleicht die Raten für die neue Couchgarnitur umlegen oder für die in fünf Jahren vorgesehene Wohnungsrenovierung.
Meine Frau kommt zu mir, strahlt geradezu und fragt, ob ich mich nicht freue, noch ein Enkelkind zu haben.
Wieder nur ein Vorwurf, denke ich und löse mich aus meiner Erstarrung.
Aber ich unterdrücke diesen Gedanken und sage laut, was mir hilft, ihn abzuschütteln: „Und wir gehen trotzdem essen. Ich kann da umschichten. Man muss nur solide wirtschaften können.“
Meine Frau starrt mich seltsam an, als wüsste sie nicht genau, wovon ich rede. Sie scheint sich irgendwie zu verändern, kommt es mir in den Sinn.
„Doch, schon, ich freue mich!“, sage ich und habe das Gefühl, ich sähe durch meine Frau hindurch wie durch Fensterglas.
Wenigstens kann ich dahinter etwas erkennen, und ich füge noch hinzu: „Nur wirft das unseren Finanzplan erst mal über den Haufen.“
„Du wirst das schaffen!“, antwortet sie fast tonlos, und ich erkenne die Sorge, die auch sie deswegen umtreibt.