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Martin Luther

Die Freiheit des Wortes und das Lauffeuer der Reformation

Montag 28. November 2016, von Andreas Venzke

Liebe junge Leser,

ich weiß, wie schwer es ist, euch zu erreichen – und euch überhaupt richtig anzusprechen. Weiter unten findet ihr ein paar Informationen über mein neustes Buch über Martin Luther. Ehrlich gesagt, habe ich keine Ahnung, wie man sich in eurem Alter für ein solches Thema interessieren kann. Trotzdem weiß ich, dass es etliche unter euch geben muss, die vor einem solchen Buch bzw. einem solchen Thema nicht zurückschrecken. Viele sind ja in eurem Alter auf Sinnsuche. Vielleicht passt ein solches Buch dann, über Luther, die Religion, über den Sinn des Lebens. (Immerhin ist es gleich nach Erscheinen von der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur e. V. als "Buch des Monats" ausgezeichnet worden.)

Hier also ein paar Informationen für die von euch, die ganz einfach wissen wollen, worum es geht.

In meinem neuen Buch geht es um Martin Luther. Der lebte vor 500 Jahren, stammte aus der Mitte Deutschlands und hatte Angst vor dem Tod. Denn der Tod lauerte damals überall. Es gab Pestseuchen, an denen die Menschen wie die Fliegen starben. Alle, ob jung oder alt, arm oder reich, mussten immer fürchten, am nächsten Tag unter der Erde zu liegen. Und sie mussten fürchten, dann in die Hölle zu kommen. Denn alle glaubten an die Bibel und an das „Wort Gottes“. In der Bibel steht, dass die Menschen von Geburt an Sünder sind und dass sie weiter Sünden begehen. Am Ende des Lebens wird dann Gott entscheiden, ob man für seine Sünden in den Himmel oder die Hölle kommt.

Luther wollte so leben, dass er nicht in de Hölle kommt. Daher wollte er es Gott völlig rechtmachen: Er ging ins Kloster. Dort versuchte er alles auszuschließen, was sündhaft sein könnte. Aber er litt deswegen furchtbar. Er betete ständig, er beichtete seine Sünden, er aß wenig oder gar nichts und versuchte, nicht an Frauen zu denken. Schließlich fand er einen neuen Weg zu Gott. Er sagte sich, dass Gott kein rächender Gott ist, sondern ein gnädiger. Man kann Gott nicht gefallen, wenn man immer versucht, es ihm recht zu machen. Man muss nur an ihn glauben. Dann ist man nach dem Tod gerettet und kommt nicht in die Hölle. Denn Gott ist ein Gott der Gnade und nicht der Strafe.

Nun sagte aber die Kirche zu seiner Zeit, dass man mit Gott handeln könnte: Wenn man „gute Werke“ tat, also anderen Leuten half, viel betete, immer den Gottesdienst besuchte, dann würde Gott einen dafür belohnen – und man würde nicht in die Hölle kommen. Es gab sogar Händler, die einem das versprachen: Man musste dafür nur der Kirche in Rom Geld spenden. Das empörte Luther so, dass er begann, gegen den Papst und die ganze Kirche zu wettern. Er schrieb einigen Gelehrten (in seinen 95 Thesen am 31. Oktober 1517) über seine neuen Ansichten. Diese gefielen der Kirche gar nicht. Luther sollte davon Abstand nehmen. Das aber empörte ihn erst recht. Er sah sich in seinem Urteil bestätigt. Deswegen sprach er sich ganz offen gegen den Papst aus, den er nun sogar mit dem Teufel gleichsetzte. Also schloss ihn die Kirche aus ihrer Gemeinschaft aus. Luther musste fortan befürchten, gefangen und hingerichtet zu werden. Er hatte aber inzwischen mächtige Beschützer, die ihn in Sicherheit brachten. Luther blieb mit seinen Ideen am Leben ...

Hier nun ein paar Gedanken zu meinem Buch, die etwas weiter führen und etwas „theoretischer“ sind:

Es ist bestimmt nicht übertrieben, wenn man feststellt: Das Jahr 2017 wird sehr besonders, und zwar ganz abgesehen von allen politischen Umbrüchen, die wohl anstehen. Der 500-jährige Jahrestag der Reformation am 31. Oktober 2017 ist das Ereignis. Es geht um den Zustand der christlichen Kirche, um ihre Aufspaltung, um neue Impulse für den Glauben, um neue Fragestellungen – und vielleicht wieder neue Konflikte. Bezugspunkt wird immer eine Person sein: Martin Luther.

Ich hatte die Chance, mein erfolgreiches Buch über den Reformator (Luther und die Macht des Wortes) ganz neu herauszugeben, komplett überarbeitet, erweitert, aktualisiert und als Hardcover in wunderschöner Form neu gestaltet und gedruckt ...

Dazu habe ich versucht, Luthers Leben noch konsequenter als das einer extremen Persönlichkeit darzustellen: Da ist jemand auf der Suche nach dem richtigen, gottgefälligen Leben, mit dem Ziel, nicht in der Hölle zu enden. Luther findet schließlich eine Lösung, eine theologische, die eigentlich eher sophistisch ist und sich auf eine Aussage von Paulus bezieht: Dass der Mensch gerecht wird allein durch den Glauben.
Weil Luther für diese neue Glaubenslehre so sehr kämpft, wird er zum Eiferer, der sich am Ende fast notwendig betrogen vorkommen muss. Dabei geht er rücksichtslos gegen sich (als Mönch), aber auch (als Reformator) gegen andere vor.

Vor diesem Hintergrund stelle ich Luther im Grunde als einen Radikalen heraus. Er wähnt sich im Recht und ist davon überzeugt, den christlichen Glauben neu er- und gefunden zu haben. Als das aber längst nicht von allen akzeptiert wird, vom Vatikan nicht, von den Humanisten nicht (Erasmus von Rotterdam), auch nicht von religiösen Eiferern (Thomas Müntzer), besonders von den Juden nicht, die nicht einmal Jesus Christus anerkennen wollen, als sich auf der Grundlage seiner Lehre auch das allgemeine Volk empört und auf Erden Gerechtigkeit verlangt (Bauern), zeigt Luther ganz andere Seiten als die „christliche“.

Luthers Leben und Glauben bewegen sich zwischen zwei Positionen: Einer geradezu absoluten Hingabe an das Wort Gottes und der Kritik an den kirchlichen Strukturen. Erst recht habe ich dazu bestimmte Aspekte betont, besonders die anschaulichen:
- Die Angst vor Tod und Hölle
- Die Suche nach dem „richtigen“ Glauben
- Die Wucht des Kampfes gegen die römische Kirche
- Die Arbeit mit und an der Bibel (Übersetzung)
- Die gesellschaftlichen Konsequenzen der Reformation

Und noch stärker habe ich in der „Handlung“, also in der Darstellung von Luthers Leben, auch die Spannungselemente betont, vor allem in Form von Fragen, die sich Luther selbst gestellt hat: Wie kann der Mensch ein gottgefälliges Leben führen, wie verhindern, nicht in die Hölle zu kommen, was steht eigentlich genau in der Bibel, was für ein Gott wird dort dargestellt (nämlich, so Luther, kein strafender), wie ist das alles zu verstehen?
Diese Art Fragen zu Luthers Leben beantworten sich auch immer durch seinen Charakter: Dieser wütende, polternde Mensch hat bis zum Schluss gekämpft, zuerst für den „richtigen“ Glauben, dann gegen die, die diesem entgegenstanden.

Am Ende entsteht ein zwiespältiges Bild zu Luther und seiner Lehre, und wiederum eine Frage: Kann solch ein Streiter für das Wort Gottes heute (noch) Vorbild sein?

Das Buch ist an sich ein schöner Ausdruck seiner Zeit. Ein halbes Jahrhundert vor dem Beginn der Reformation hatte Johannes Gutenberg den Buchdruck erfunden. Ohne diese Erfindung wäre die Ausbreitung von Luthers Ideen gar nicht denkbar gewesen. Nun zeigt heute der Arena-Verlag, wozu der Buchdruck noch immer (besser: erst recht) in der Lage ist: Die Bedeutung dieser Erfindung im Namen Martin Luthers noch einmal besonders zu würdigen. Das Buch ist ein kleines, aber feines Beispiel für die weiterhin bestehende große Bedeutung der Buchdruckerkunst.