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	<title>Andreas Venzke</title>
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	<description>Willkommen auf meiner Website!
Hier bitte nichts Spektakul&#228;res erwarten! Ich bin Schriftsteller ...
Aber ich kann hier ein bisschen mehr bieten als nur die Buchstaben auf dem Papier. Gem&#228;lde von J&#246;rg Herz Um mich geht es, um
ANDREAS VENZKE.
Entsprechend der Wikipedia sind die wichtigsten Daten zu mir:
Andreas Venzke, geboren 1961 in Berlin, legte 1979 sein Abitur ab und schrieb sich anschlie&#223;end an der FU Berlin ein. Er studierte Germanistik, Publizistik und Kunstgeschichte. Nach dem Studium arbeitete er zun&#228;chst f&#252;r das Geschichtsmagazin Damals, f&#252;r dpa und f&#252;r die Spielzeit des SDR, au&#223;erdem f&#252;r verschiedene Tageszeitungen. Nebenher &#252;bersetzte er B&#252;cher wie das Bordbuch des Kolumbus. Seit 1988 lebt Andreas Venzke, der inzwischen verheiratet und Vater von drei Kindern ist, als Schriftsteller in Freiburg im Breisgau.
Und was den Schriftsteller angeht: Es liegt etwas Neues vor, seltsam passend zur Zeit, wie jemand Bestimmter sagen w&#252;rde: Etwas ganz Gro&#223;es!</description>
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		<title>Andreas Venzke</title>
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		<title>Kap. 13 [Wilke spricht]</title>
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		<dc:date>2020-06-11T12:48:44Z</dc:date>
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		<dc:language>de</dc:language>
		<dc:creator>Andreas Venzke</dc:creator>



		<description>
&lt;p&gt;Schulden und noch mehr Schulden! Wilke treibt das um, und er hat privat etwas dagegen gestellt. Aber dass es wirklich so weit kommen w&#252;rde wie heute zu Corona-Zeiten, h&#228;tte wohl auch er sich nicht vorstellen k&#246;nnen. &lt;br class='autobr' /&gt;
Andreas Venzke: Wilkes Tag &lt;br class='autobr' /&gt;
13. Wie man einen Haushalt f&#252;hrt &lt;br class='autobr' /&gt;
Ich h&#246;re am Telefon, wie Corinna, meine Schwiegertochter, zum zweiten Mal fragt, ob ich auch zuh&#246;re. &#8222;Ja&#8220;, sage ich, &#8222;was soll denn so eine Frage?&#8220; Ich habe noch ein Enkelkind zu erwarten, h&#246;re ich dann und (&#8230;)&lt;/p&gt;


-
&lt;a href="https://andreas-venzke.de/wilkes-tag/text-und-horproben/" rel="directory"&gt;Text- und H&#246;rproben&lt;/a&gt;


		</description>


 <content:encoded>&lt;img src='https://andreas-venzke.de/sites/venzke/local/cache-vignettes/L150xH40/arton82-721b3.jpg?1678898960' class='spip_logo spip_logo_right' width='150' height='40' alt=&#034;&#034; /&gt;
		&lt;div class='rss_texte'&gt;&lt;p&gt;&lt;i&gt;Schulden und noch mehr Schulden! Wilke treibt das um, und er hat privat etwas dagegen gestellt. Aber dass es wirklich so weit kommen w&#252;rde wie heute zu Corona-Zeiten, h&#228;tte wohl auch er sich nicht vorstellen k&#246;nnen.&lt;/i&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; &lt;/p&gt;
&lt;h2 class=&#034;spip&#034;&gt;&lt;strong&gt;Andreas Venzke: Wilkes Tag&lt;/strong&gt;&lt;/h2&gt;&lt;div class=&#034;spip_document_145 spip_document spip_documents spip_document_audio spip_document_avec_legende player&#034; data-legende-len=&#034;63&#034; data-legende-lenx=&#034;x&#034;
&gt;
&lt;figure class=&#034;spip_doc_inner&#034;&gt; &lt;div class=&#034;audio-wrapper&#034; style='width:400px;max-width:100%;'&gt; &lt;audio class=&#034;mejs mejs-145 &#034; data-id=&#034;daddda77dfc38aa43e8a74bb90173f81&#034; src=&#034;sites/venzke/IMG/mp3/wilke-13.mp3&#034; type=&#034;audio/mpeg&#034; preload=&#034;none&#034; data-mejsoptions='{&#034;alwaysShowControls&#034;: true,&#034;loop&#034;:false,&#034;audioWidth&#034;:&#034;100%&#034;,&#034;duration&#034;:380}' controls=&#034;controls&#034; &gt;&lt;/audio&gt; &lt;/div&gt;
&lt;figcaption class='spip_doc_legende'&gt; &lt;div class='spip_doc_titre crayon document-titre-145 '&gt;&lt;strong&gt;Wie man einen Haushalt f&#252;hrt
&lt;/strong&gt;&lt;/div&gt; &lt;div class='spip_doc_credits crayon document-credits-145 '&gt;Andreas Venzke/Wilkes Tag (2020)
&lt;/div&gt;
&lt;/figcaption&gt;&lt;div class=&#034;base64javascript199955709969de2c7a09ff47.80055071&#034; title=&#034;PHNjcmlwdD4gdmFyIG1lanNwYXRoPSdwbHVnaW5zLWRpc3QvbWVkaWFzL2xpYi9tZWpzL21lZGlhZWxlbWVudC1hbmQtcGxheWVyLm1pbi5qcz8xNjc4ODk1MzM0JyxtZWpzY3NzPSdwbHVnaW5zLWRpc3QvbWVkaWFzL2xpYi9tZWpzL21lZGlhZWxlbWVudHBsYXllci5taW4uY3NzPzE2Nzg4OTUzMzMnOwp2YXIgbWVqc2xvYWRlcjsKKGZ1bmN0aW9uKCl7dmFyIGE9bWVqc2xvYWRlcjsidW5kZWZpbmVkIj09dHlwZW9mIGEmJihtZWpzbG9hZGVyPWE9e2dzOm51bGwscGx1Zzp7fSxjc3M6e30saW5pdDpudWxsLGM6MCxjc3Nsb2FkOm51bGx9KTthLmluaXR8fChhLmNzc2xvYWQ9ZnVuY3Rpb24oYyl7aWYoInVuZGVmaW5lZCI9PXR5cGVvZiBhLmNzc1tjXSl7YS5jc3NbY109ITA7dmFyIGI9ZG9jdW1lbnQuY3JlYXRlRWxlbWVudCgibGluayIpO2IuaHJlZj1jO2IucmVsPSJzdHlsZXNoZWV0IjtiLnR5cGU9InRleHQvY3NzIjtkb2N1bWVudC5nZXRFbGVtZW50c0J5VGFnTmFtZSgiaGVhZCIpWzBdLmFwcGVuZENoaWxkKGIpfX0sYS5pbml0PWZ1bmN0aW9uKCl7ITA9PT1hLmdzJiZmdW5jdGlvbihjKXtqUXVlcnkoImF1ZGlvLm1lanMsdmlkZW8ubWVqcyIpLm5vdCgiLmRvbmUsLm1lanNfX3BsYXllciIpLmVhY2goZnVuY3Rpb24oKXtmdW5jdGlvbiBiKCl7dmFyIGU9ITAsaDtmb3IoaCBpbiBkLmNzcylhLmNzc2xvYWQoZC5jc3NbaF0pO2Zvcih2YXIgZiBpbiBkLnBsdWdpbnMpInVuZGVmaW5lZCI9PQp0eXBlb2YgYS5wbHVnW2ZdPyhlPSExLGEucGx1Z1tmXT0hMSxqUXVlcnkuZ2V0U2NyaXB0KGQucGx1Z2luc1tmXSxmdW5jdGlvbigpe2EucGx1Z1tmXT0hMDtiKCl9KSk6MD09YS5wbHVnW2ZdJiYoZT0hMSk7ZSYmalF1ZXJ5KCIjIitjKS5tZWRpYWVsZW1lbnRwbGF5ZXIoalF1ZXJ5LmV4dGVuZChkLm9wdGlvbnMse3N1Y2Nlc3M6ZnVuY3Rpb24oYSxjKXtmdW5jdGlvbiBiKCl7dmFyIGI9alF1ZXJ5KGEpLmNsb3Nlc3QoIi5tZWpzX19pbm5lciIpO2EucGF1c2VkPyhiLmFkZENsYXNzKCJwYXVzaW5nIiksc2V0VGltZW91dChmdW5jdGlvbigpe2IuZmlsdGVyKCIucGF1c2luZyIpLnJlbW92ZUNsYXNzKCJwbGF5aW5nIikucmVtb3ZlQ2xhc3MoInBhdXNpbmciKS5hZGRDbGFzcygicGF1c2VkIil9LDEwMCkpOmIucmVtb3ZlQ2xhc3MoInBhdXNlZCIpLnJlbW92ZUNsYXNzKCJwYXVzaW5nIikuYWRkQ2xhc3MoInBsYXlpbmciKX1iKCk7YS5hZGRFdmVudExpc3RlbmVyKCJwbGF5IixiLCExKTsKYS5hZGRFdmVudExpc3RlbmVyKCJwbGF5aW5nIixiLCExKTthLmFkZEV2ZW50TGlzdGVuZXIoInBhdXNlIixiLCExKTthLmFkZEV2ZW50TGlzdGVuZXIoInBhdXNlZCIsYiwhMSk7Zy5hdHRyKCJhdXRvcGxheSIpJiZhLnBsYXkoKX19KSl9dmFyIGc9alF1ZXJ5KHRoaXMpLmFkZENsYXNzKCJkb25lIiksYzsoYz1nLmF0dHIoImlkIikpfHwoYz0ibWVqcy0iK2cuYXR0cigiZGF0YS1pZCIpKyItIithLmMrKyxnLmF0dHIoImlkIixjKSk7dmFyIGQ9e29wdGlvbnM6e30scGx1Z2luczp7fSxjc3M6W119LGUsaDtmb3IoZSBpbiBkKWlmKGg9Zy5hdHRyKCJkYXRhLW1lanMiK2UpKWRbZV09alF1ZXJ5LnBhcnNlSlNPTihoKTtiKCl9KX0oalF1ZXJ5KX0pO2EuZ3N8fCgidW5kZWZpbmVkIiE9PXR5cGVvZiBtZWpzY3NzJiZhLmNzc2xvYWQobWVqc2NzcyksYS5ncz1qUXVlcnkuZ2V0U2NyaXB0KG1lanNwYXRoLGZ1bmN0aW9uKCl7YS5ncz0hMDthLmluaXQoKTtqUXVlcnkoYS5pbml0KTtvbkFqYXhMb2FkKGEuaW5pdCl9KSl9KSgpOzwvc2NyaXB0Pg==&#034;&gt;&lt;/div&gt; &lt;/figure&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt; &lt;/p&gt;
&lt;h2 class=&#034;spip&#034;&gt;13. Wie man einen Haushalt f&#252;hrt&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Ich h&#246;re am Telefon, wie Corinna, meine Schwiegertochter, zum zweiten Mal fragt, ob ich auch zuh&#246;re.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Ja&#8220;, sage ich, &#8222;was soll denn so eine Frage?&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich habe noch ein Enkelkind zu erwarten, h&#246;re ich dann und schweige. Ob ich noch dran sei.&lt;br class='autobr' /&gt;
Enkelkind!, geht es mir durch den Kopf und mir wird schwindelig.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich wanke in die K&#252;che, gebe mit verdrehten Augen meiner Frau das Telefon zur&#252;ck und gehe wieder hinaus.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich h&#246;re sie noch sagen: &#8222;Ich wei&#223; nicht, was er jetzt wieder hat. &#8211; Und Ben? Hat der sich inzwischen ...? Na super!&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
Im Wohnzimmer lasse ich mich in den Sessel fallen, wie mit aller Last der Welt beschwert. Ich atme so tief durch, dass es mir in den Lungenspitzen schmerzt. Mein Arzt sagte einmal, meine Atemprobleme k&#246;nnten auch von meinem hohen Blutdruck stammen. Schon deswegen seien die roten Tabletten so wichtig &#8211; zum Gl&#252;ck war es heute morgen die blaue, denke ich, die nicht ganz vollst&#228;ndig war.&lt;br class='autobr' /&gt;
Die Nachricht von meiner Schwiegertochter bringt mich v&#246;llig durcheinander. Denn ich muss deswegen nun mein Finanzsystem umstellen. Wie oft habe ich es schon erkl&#228;rt, damals sogar meinem Arbeitskollegen, weil mir in meiner Familie sowieso keiner bis in die Ver&#228;stelungen folgen will. Manche k&#246;nnen ja kaum den Baum ausmachen, erkennen schon gar nicht, auch wenn es nur eine Eiche w&#228;re.&lt;br class='autobr' /&gt;
Dabei ist das System nicht so schwer zu verstehen: Ich habe meine Finanzposten und jedem Posten ist ein bestimmter Betrag zugewiesen. &#220;ber das Jahr verteilt sind als Posten f&#252;r die Geburtstage der Kinder und f&#252;r Weihnachten pro Person jeweils f&#252;nfzig Euro vorgesehen, f&#252;r Sonderausgaben wie Geld f&#252;r ein neues Auto feste monatliche Betr&#228;ge.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#220;berhaupt sind auch alle anstehenden Ausgaben erfasst und auf sie wird monatlich hingespart. Wenn ich mit meiner Frau in den Urlaub fahre, ist daf&#252;r als Sonderausgabe gespart worden. Der Urlaub selbst wird so durchgerechnet, dass etwa ein Betrag von 1500 Euro &#252;ber einen Zeitraum von vierzehn Tagen verwendet werden kann, was, gut gerechnet, 107 Euro pro Tag entspricht. An jedem Tag wird Protokoll gef&#252;hrt, was jeweils ausgegeben wurde, sodass ich immer wei&#223;, ob wir im Plus oder im Minus sind. Nach diesem Prinzip berechne ich &#252;berhaupt unsere Finanzen. An jedem Abend wird auf Heller und Pfennig aufgeschrieben, was am Tag eingenommen und ausgegeben wurde. Leider hebt meine Frau nicht immer alle Einkaufsbons auf. Das muss ich dann hochrechnen.&lt;br class='autobr' /&gt;
Eiserne Pflicht ist bei mir, dass ich f&#252;nfhundert Euro stifte, wenn ein Enkelkind zur Welt kommen sollte. Allerdings ist die Auszahlung des Geldes mit einer Anweisung verbunden, n&#228;mlich daf&#252;r einen Wickeltisch oder ein Kinderbettchen zu kaufen, zum Beispiel. Unter keinen Umst&#228;nden darf das Geld f&#252;r ein Instrument meines Sohnes oder zur Bezahlung von Schulden verwendet werden. Ben und auch meine Schwiegertochter sollen endlich verstehen, wie man rechnet, wie man einen Haushalt f&#252;hrt.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich vertrete mein Abrechnungssystem vehement, und ich wei&#223;: Irgendwann wird auch mein Herr Sohn begreifen, dass ein solches System zum Leben geh&#246;rt wie die Luft zum Atmen. Der wird es auch irgendwann annehmen, sp&#228;testens wenn sie richtig eine Familie gegr&#252;ndet haben &#8211; wenn also der Vater einer ordentlichen Arbeit nachgeht, wenn die Mutter das Kind nicht nur in irgendeiner Wickelstube versorgen l&#228;sst und wenn &#252;berhaupt alles in Ordnung gebracht ist. Und dass sie jetzt, vor diesem Hintergrund, schon wieder schwanger ist, &#252;berlege ich. Rechnen die denn gar nicht?&lt;br class='autobr' /&gt;
Nach meiner Finanzmethode k&#246;nnte man auch alle Staatshaushalte sanieren. Schuldenmachen k&#228;me da gar nicht in Frage. Schwarze Null &#8211; das k&#246;nnte dem entsprechen. Das k&#246;nnte von mir sein, wenn das aber nicht nur bedeuten w&#252;rde, sich nicht &lt;i&gt;neu&lt;/i&gt; zu verschulden. Wenn die Leute &#252;berhaupt erst mal verstehen w&#252;rden, was der Staat da treibt! Wer wei&#223; denn schon, &lt;i&gt;wie&lt;/i&gt; das Land verschuldet ist? Milliarden? Ach was: L&#228;ngst Billionen! Nur m&#252;ssen ja alle &#252;ber ihre Verh&#228;ltnisse leben! Ist es da nicht l&#228;ngst Zeit f&#252;r den gro&#223;en Schnitt? An mir wird sich noch zeigen, was es hei&#223;t, richtig zu wirtschaften.&lt;br class='autobr' /&gt;
Angesichts meines Finanzsystems k&#246;nnen mir Sonderausgaben wie f&#252;r die Geburt eines Enkelkindes gro&#223;e Schwierigkeiten bereiten. Da muss ich vielleicht die Raten f&#252;r die neue Couchgarnitur umlegen oder f&#252;r die in f&#252;nf Jahren vorgesehene Wohnungsrenovierung.&lt;br class='autobr' /&gt;
Meine Frau kommt zu mir, strahlt geradezu und fragt, ob ich mich nicht freue, noch ein Enkelkind zu haben.&lt;br class='autobr' /&gt;
Wieder nur ein Vorwurf, denke ich und l&#246;se mich aus meiner Erstarrung.&lt;br class='autobr' /&gt;
Aber ich unterdr&#252;cke diesen Gedanken und sage laut, was mir hilft, ihn abzusch&#252;tteln: &#8222;Und wir gehen trotzdem essen. Ich kann da umschichten. Man muss nur solide wirtschaften k&#246;nnen.&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
Meine Frau starrt mich seltsam an, als w&#252;sste sie nicht genau, wovon ich rede. Sie scheint sich irgendwie zu ver&#228;ndern, kommt es mir in den Sinn.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Doch, schon, ich freue mich!&#8220;, sage ich und habe das Gef&#252;hl, ich s&#228;he durch meine Frau hindurch wie durch Fensterglas.&lt;br class='autobr' /&gt;
Wenigstens kann ich &lt;i&gt;dahinter&lt;/i&gt; etwas erkennen, und ich f&#252;ge noch hinzu: &#8222;Nur wirft das unseren Finanzplan erst mal &#252;ber den Haufen.&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Du wirst das schaffen!&#8220;, antwortet sie fast tonlos, und ich erkenne die Sorge, die auch sie deswegen umtreibt.&lt;/p&gt;&lt;/div&gt;
		
		</content:encoded>


		

	</item>
<item xml:lang="de">
		<title>Kap. 35+36 [Wilke spricht]</title>
		<link>https://andreas-venzke.de/wilkes-tag/text-und-horproben/article/kap-35-36-wilke-spricht</link>
		<guid isPermaLink="true">https://andreas-venzke.de/wilkes-tag/text-und-horproben/article/kap-35-36-wilke-spricht</guid>
		<dc:date>2020-05-21T16:04:14Z</dc:date>
		<dc:format>text/html</dc:format>
		<dc:language>de</dc:language>
		<dc:creator>Andreas Venzke</dc:creator>



		<description>
&lt;p&gt;Es scheint fast, als ob Wilke hier pl&#246;tzlich ganz anders zum Nachdenken k&#228;me ... &lt;br class='autobr' /&gt;
Andreas Venzke: Wilkes Tag &lt;br class='autobr' /&gt;
35. In der Masse ist man stark &lt;br class='autobr' /&gt;
Das Gekicke von diesem Sportclub geht mir so auf die Nerven. Welches Potential diese Spieler haben, liest man dazu, und was f&#252;r einen hervorragenden Trainer! Aber erreicht der seine Spieler &#252;berhaupt? Das ist doch wie bei einem Orchester. Man kann auch da erstklassige Spieler haben und einen hervorragenden Dirigenten. Aber ein solcher Dirigent muss (&#8230;)&lt;/p&gt;


-
&lt;a href="https://andreas-venzke.de/wilkes-tag/text-und-horproben/" rel="directory"&gt;Text- und H&#246;rproben&lt;/a&gt;


		</description>


 <content:encoded>&lt;img src='https://andreas-venzke.de/sites/venzke/local/cache-vignettes/L103xH150/arton81-b3357.jpg?1678904498' class='spip_logo spip_logo_right' width='103' height='150' alt=&#034;&#034; /&gt;
		&lt;div class='rss_texte'&gt;&lt;p&gt;&lt;i&gt;Es scheint fast, als ob Wilke hier pl&#246;tzlich ganz anders zum Nachdenken k&#228;me ...&lt;/i&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; &lt;/p&gt;
&lt;h2 class=&#034;spip&#034;&gt;&lt;strong&gt;Andreas Venzke: Wilkes Tag&lt;/strong&gt;&lt;/h2&gt;&lt;div class=&#034;spip_document_144 spip_document spip_documents spip_document_audio spip_document_avec_legende player&#034; data-legende-len=&#034;61&#034; data-legende-lenx=&#034;x&#034;
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&lt;figcaption class='spip_doc_legende'&gt; &lt;div class='spip_doc_titre crayon document-titre-144 '&gt;&lt;strong&gt;In der Masse ist man stark
&lt;/strong&gt;&lt;/div&gt; &lt;div class='spip_doc_credits crayon document-credits-144 '&gt;Andreas Venzke/Wilkes Tag (2020)
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&lt;p&gt; &lt;/p&gt;
&lt;h2 class=&#034;spip&#034;&gt;35. In der Masse ist man stark&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Das Gekicke von diesem Sportclub geht mir so auf die Nerven. Welches Potential diese Spieler haben, liest man dazu, und was f&#252;r einen hervorragenden Trainer! Aber erreicht der seine Spieler &#252;berhaupt? Das ist doch wie bei einem Orchester. Man kann auch da erstklassige Spieler haben und einen hervorragenden Dirigenten. Aber ein solcher Dirigent muss eben mehr tun als hervorragen. Der muss mitrei&#223;en, begeistern, ein Feuer entfachen. Da w&#252;rde mir mein Herr Sohn mal durch und durch zustimmen.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich schreie mir die Kehle aus dem Leib und bin deswegen schon ganz benommen. Ich merke durchaus, wie sinnlos das ist, weil der Sportclub so schlecht spielt, grottenschlecht, wie es heute hei&#223;t, unterirdisch. Aber so komme &lt;i&gt;ich&lt;/i&gt; schlie&#223;lich in Fahrt. Wenn man sich noch dem Geschrei der anderen anschlie&#223;t, die hinter mir ja immer neue Lieder anstimmen, entsteht in einem so ein wohliges Gef&#252;hl. Man geh&#246;rt dazu. In der Masse ist man stark, so einfach ist das.&lt;br class='autobr' /&gt;
Eine halbe Stunde ist rum, da singe ich sogar die Lieder mit, obwohl ich es mit dem Gesang nicht so habe: Nieder mit den Preu&#223;en, auf die tun wir schei&#223;en! Ich nehme sogar diesen grammatikalisch so furchtbaren, diesen kindischen und doch so weit verbreiteten Verbgebrauch in Kauf, um mich hier anzuschlie&#223;en. Es gibt kaum eine andere Satzkonstruktion wie diese, von der sich die Abkunft der Leute so eindeutig herleiten l&#228;sst. Wer sie gebraucht, der hat nicht verstanden: Von Grund auf nicht! Der tut eben auch schreien!&lt;br class='autobr' /&gt;
Sonst gebe ich mir immerhin noch M&#252;he, sozusagen das Korrektiv zu sein und sacht darauf hinzuweisen, wie die Regel lautet. Hier aber ist das gerade unm&#246;glich. Au&#223;erdem muss ich zugeben, dass der Reim nur &lt;i&gt;so&lt;/i&gt; richtig funktioniert, und nicht nur das, ich falle zu dem Gesang auch automatisch ins Klatschen. Das ergibt sich wie von selbst, als ob man zusammen marschieren w&#252;rde.&lt;br class='autobr' /&gt;
Pl&#246;tzlich gibt es ein ohrenbet&#228;ubendes Pfeifkonzert, das ich mir tats&#228;chlich nur anh&#246;ren kann. Ich kann da leider nicht mit einsteigen. Denn zum Pfeifen hat es nie gereicht. Ich kann zwar ein Lied mitpfeifen, und darin bin ich eigentlich ganz gut, besonders mit Hintergrundmusik im Wohnzimmer, das meine Frau dann immer verl&#228;sst, weil sie meinen Musikgeschmack nicht mag, aber das sozusagen proletarische Pfeifen, das mit zwei Fingern, habe ich nie gelernt. Manche k&#246;nnen das sogar, ohne den Finger in den Mund zu stecken. Das ist auch so ein eindeutiges Zeichen daf&#252;r, wo die gro&#223;geworden sind. In meinem Elternhaus ging es gesittet zu, und ich habe versucht, das an mein Kind weiterzugeben. Aber ob ich damit wirklich Erfolg hatte?&lt;br class='autobr' /&gt;
Eigentlich habe ich das Pfeifen auf den Fingern insgeheim immer bewundert. Frag mich einer, warum ich dazu nicht in der Lage bin! Weil ich doch immer zu bewusst im Leben stehe, zu reflektierend, zu analysierend? Beim Fingerpfeifen muss man aus sich heraus oder man muss sich trauen, so richtig laut zu sein, &#252;bertrieben laut, was sich in meinem Sinne nicht geh&#246;rt, sich verbittet &#8211; nein, man muss das erst einmal &#252;ben, am besten in der Gruppe, dass einem das gezeigt wird, dass man &#252;berhaupt mal zu erkennen gibt: Ich beherrsche das nicht, ich kann das nicht. Ein solches Eingest&#228;ndnis w&#252;rde mir schwerfallen, und zu einer Gruppe habe ich eigentlich auch nie geh&#246;rt.&lt;br class='autobr' /&gt;
Manche haben ja richtig viele Freunde, behaupten sie zumindest. Aber schon eine solche Behauptung zeugt doch von Oberfl&#228;chlichkeit! Wer kann sich denn wirklich, so von Mann zu Mann, austauschen, mit mehr als drei, vier guten Freunden? Leider ist mein &lt;i&gt;einer&lt;/i&gt; guter Freund vor ein paar Jahren gestorben.&lt;br class='autobr' /&gt;
Der Gernot von der anderen Mannschaft, den Preu&#223;en, der gut spielt, so athletisch wie &#228;sthetisch, was man neidlos anerkennen muss, hat einen von uns gefoult &#8211; oder eher umgesto&#223;en. So genau habe ich das nicht gesehen. Und nun hat also sofort dieses Pfeifen angefangen. Ich schreie dazu ein bisschen, gegen diesen Depp von Schiedsrichter, einmal bewusst in die Stille hinein, um ebenfalls meinen Unmut zu zeigen. Trotzdem muss ich zugeben, dass ich manchmal Schwierigkeiten habe, diese Taktik mitzugehen, n&#228;mlich auch dann zu pfeifen und zu br&#252;llen, wenn der Gegner offensichtlich nichts Schlimmes getan hat. Eigentlich bin ich ein Freund von Fairness.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Juden!&#8220;, h&#246;re ich es dann schreien, und mir gefriert das Blut in den Adern. Ich will es zuerst &#252;berh&#246;ren, aber schnell stimmen andere mit ein, wieder andere. Schreien es dann alle? Ich kann es nicht glauben und gucke mich vorsichtig um. Nein, nicht alle schreien es, aber viele. Ich bilde mir ein, dass ein paar andere so verst&#246;rt gucken wie ich.&lt;br class='autobr' /&gt;
Schlagartig f&#252;hle ich mich nicht mehr wohl unter den Leuten, und ich wei&#223; gar nicht, ob das der richtige Ausdruck ist. Ich habe meine Ordnung und meine Regeln, und ich habe meine Grenzen, und ich versuche, die eigentlich klar zu setzen. Aber hier bin ich nun sozusagen gefangen.&lt;br class='autobr' /&gt;
Da st&#252;rmen die Unseren endlich mal wieder beherzt vor, und es gibt einen Eckball. Den begleiten wir mit &#8222;Uuuuaaaah&#8220;, und ich stimme mit ein, weil ich froh bin, dass wir nun etwas anderes br&#252;llen. Ich selbst versuche sogar dazu anzustacheln, singe &#8222;Nieder mit den Preu&#223;en ...&#8220;, aber mir &#252;berschl&#228;gt sich die Stimme.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Juden!&#8220;, schreit wieder einer, als der Gegner sich sammelt und einen Angriff vorbereitet. Alle um mich herum stimmen mit ein, wirklich alle, da muss ich mir nichts vormachen. Ich starre auf das Spielfeld, auf die Spieler, auf den Schiedsrichter, die alle zur Salzs&#228;ure erstarren m&#252;ssten. Sie h&#246;ren es doch auch. Wird denn das Spiel nicht endlich unterbrochen, denke ich.&lt;br class='autobr' /&gt;
Da ruft einer schr&#228;g hinter mir: &#8222;Juden! Ins Gas!&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
Mit einem Ruck drehe ich mich um und fixiere den, der das gerufen hat. Es ist ein ganz normaler Fan, ein Deutscher, mit Schal und Anstecker und einem Becher Bier in der Hand.&lt;br class='autobr' /&gt;
Wir starren uns an, ehe er mir zuruft: &#8222;Problem, Alter?&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Wenn Sie das noch einmal rufen ...&#8220;, sage ich langsam und laut und drohe mit dem Finger, &#8222;dann ... dann ... So etwas hat hier nichts zu suchen. Das wollen wir nie wieder h&#246;ren!&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Dann, Alter, was?&#8220;, ruft dieser Deutsche zur&#252;ck. &#8222;Was dann, Alter?&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Dann rufe ich die Polizei&#8220;, sage ich sehr laut und meine Stimme &#252;berschl&#228;gt sich.&lt;br class='autobr' /&gt;
Der Deutsche grinst da zwar, aber ist doch still. Alle sind nun still, ehe sie pl&#246;tzlich &#8222;Ohhh&#8220; machen, weil der Sportclub gerade den Ball knapp neben das Tor geschossen hat. Dann singen sie wieder, und ich starre konsterniert vor mich hin.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; &lt;/p&gt;
&lt;h2 class=&#034;spip&#034;&gt;36. Unbekannte in einer fremden Welt&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Kurz vor der Halbzeit dr&#228;nge ich schnell zwischen den Leuten hindurch, wie es einige machen, die sich rechtzeitig ihre Wurst und ihr n&#228;chstes Bier holen wollen. Ich gehe aber zu dem weiter entfernten Bierstand und bestelle einen Schnaps. Ich hoffe, dass mir der Mann vollschenken wird. Der Hautfarbe nach zu schlie&#223;en muss er T&#252;rke sein, irgendein S&#252;dl&#228;nder.&lt;br class='autobr' /&gt;
Die T&#252;rken soll man ja angeblich schon an ihrem Bart erkennen, habe ich mal gelesen, je nachdem ob sie Schnurrbart tragen oder Backenbart oder keinen Bart. Vollbart bedeutet Islamist. Der hier ist auf jeden Fall rasiert. Ich nicke ihm gequ&#228;lt l&#228;chelnd zu, und er meint vielleicht, ich h&#228;tte den Schnaps wirklich n&#246;tig. Vielleicht ist das auch so. Wiederum kann der wahrscheinlich gar nicht beurteilen, wie so ein Schnaps wirkt.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Spielen wir schlecht?&#8220;, fragt der Mann, und ich sehe ihn verst&#228;ndnislos an.&lt;br class='autobr' /&gt;
Wen meint er mit &lt;i&gt;wir&lt;/i&gt;, frage ich mich. Doch nicht den Sportclub?&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Na ja, das ist ein ziemliches Gegurke&#8220;, sage ich und kippe den Schnaps gleich ganz.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich freue mich auf die Wirkung, wenn man sp&#252;rt, wie es gleich in den Eingeweiden warm wird, so als w&#252;rde fl&#252;ssiges Metall in die Form laufen. Das muss man aushalten k&#246;nnen. Zwar wei&#223; ich, dass der Schnaps nicht an sich gesund ist, aber seine Wirkung hat doch etwas M&#228;nnliches. Man muss Dinge ertragen k&#246;nnen, auch wenn sie offensichtlich bedrohlich sind. Au&#223;erdem reinigt der Schnaps nun mal.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Ist das Spiel so schlimm?&#8220;, fragt der T&#252;rke l&#228;chelnd.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich kann darauf nicht richtig eingehen, weil ich mich frage, was der wohl von mir will. Dass der so nachfragt! Hat der irgendwelche Absichten?&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Na ja,&#8220;, platzt es aber aus mir heraus. &#8222;Und das Publikum ist nicht ganz fair.&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
Da sieht mich der T&#252;rke direkt an und sagt: &#8222;Sie haben wieder &lt;i&gt;Juden&lt;/i&gt; gebr&#252;llt, nicht wahr? Das kenne ich. Sie haben nichts gelernt.&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich starre ihn nur an, weil mich seine Antwort so &#252;berrascht.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Sind Sie T&#252;rke?&#8220;, frage ich.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Nein, Pal&#228;stinenser&#8220;, sagt der Mann. &#8222;Wollen Sie noch einen?&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
Insgeheim habe ich mich sehr auf einen zweiten Schnaps gefreut, aber pl&#246;tzlich z&#246;gere ich. Mir dreht sich alles im Kopf. Ich kann das alles gerade nicht verstehen. Wenn einer Pal&#228;stinenser ist, ist er also nicht nur kein Jude, sondern er hasst doch die Juden. Diese Fu&#223;ballfans hassen die Juden wohl auch, obwohl Preu&#223;en bestimmt keine j&#252;dischen Spieler hat. Aber dieser Mann versteht, was passiert. Dass es wohl normal ist, wenn die deutschen Zuschauer ...&lt;br class='autobr' /&gt;
Und ich bin doch auch Deutscher. Auch &lt;i&gt;so&lt;/i&gt; ein Deutscher, frage ich mich.&lt;br class='autobr' /&gt;
Pl&#246;tzlich werde ich von irgendwelchen Fans zur Seite gedr&#228;ngt. Ich will protestieren, sehe dann aber ein, dass ich vielleicht im Weg stehe. Da sind nun einige Fans gekommen, die in der Halbzeit schnell ein Bier wollen und noch schneller einen Schnaps kippen. Geht es denn im Leben nur noch hektisch zu?&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich h&#246;re sie rufen: &#8222;Los Ismael, zack zack, zwei Schnaps, zwei Bier! - Pils bitte! Ich auch, Pils, Korn dazu! - Los, mach hin Ismael! Zwei Bier! Da, die kannste mir gleich geben!&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich starre auf die Leute wie auf Unbekannte in einer fremden Welt. Sie dr&#228;ngen zum Tresen, einen Geldschein zwischen zwei Fingern in einer Hand, in der anderen einen leeren Bierbecher oder eine Zigarette. Einer zieht daran so, als w&#252;rde er den letzten Rest aus einer Zahnpastatube dr&#252;cken.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Der Schiri pfeift f&#252;r Preu&#223;en, typisch! Werden die wieder bevorzugt, die Juden&#8220;, sagt er, den Rauch aussto&#223;end, mit Blick auf Ismael.&lt;br class='autobr' /&gt;
Der wechselt ihm schnell und dreht sich mit einer gro&#223;en Bewegung, elegant eigentlich, schnell zu mir und schenkt mir einen Schnaps nach.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Danke!&#8220;, murmele ich, obwohl er sich schon wieder weggedreht hat, um den n&#228;chsten zu bedienen. Jetzt kommt es darauf an, merke ich, jetzt l&#228;uft das Gesch&#228;ft.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich halte den Schnaps vor mir wie ein Zaubermittel, das ich erst sp&#228;ter einsetzen will.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Schei&#223;e, verdammte Schei&#223;e&#8220;, ruft einer regelrecht angewidert. &#8222;Warum spielen die auch so einen Schei&#223;!&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
Er kippt seinen Schnaps und zieht ein Gesicht, als m&#252;sste er sich damit l&#228;utern. Zitternd zieht er dann eine Zigarette aus der Packung und steckt sie sich in den Mund wie ein Todgeweihter.&lt;br class='autobr' /&gt;
Das ist er eigentlich auch, denke ich, und drehe das Glas Schnaps vor mir.&lt;br class='autobr' /&gt;
Wie nach einem &#220;berfall ist es pl&#246;tzlich wieder still. Der letzte der Fans wirft noch einen Zehn-Euro-Schein auf den Tresen und l&#228;sst erkennen, dass es ihm zu langwierig w&#228;re, auf das Restgeld zu warten. Er torkelt den anderen nach.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Es geht weiter&#8220;, sagt dieser Ismael aufmunternd zu mir. &#8222;Vielleicht drehen wir das Spiel ja noch.&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
Er kommt hinter dem Tresen hervor und f&#228;ngt an, auf dem Boden ein paar Becher und auch Kippen einzusammeln.&lt;br class='autobr' /&gt;
Da st&#252;rze ich meinen Schnaps hinunter, obwohl ich wei&#223;, dass er mir nicht schmecken wird. Das Brennen in der Speiser&#246;hre f&#252;hlt sich an, als h&#228;tte ich hei&#223;es Wachs geschluckt.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich ziehe ebenfalls einen Zehn-Euro-Schein hervor und reiche ihn diesem Ismael.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Ist schon gut&#8220;, sagt er aber mit einer abwehrenden Handbewegung.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich halte ihm den Schein noch mal extra hin wie einem fremden Kind, das sich nicht f&#252;rchten soll.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Nein, danke&#8220;, sagt er aber richtig stolz und l&#228;chelt. &#8222;Sie sind eingeladen.&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
Irgendwie geht da etwas in mir durch. Aus einem Impuls heraus, wie ich es gar nicht kenne, breite ich pl&#246;tzlich die Arme aus und umarme diesen Pal&#228;stinenser. Mir kommen fast die Tr&#228;nen.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Na na&#8220;, sagt er nur.&lt;br class='autobr' /&gt;
Da gucke ich mich scheu um und lasse gleich wieder los.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Auf Wiedersehen&#8220;, sage ich schnell und gehe davon.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Schalom!&#8220;, h&#246;re ich noch, ehe ich schon hinter der Baumreihe verschwunden bin, die vom Platz wegf&#252;hrt.&lt;br class='autobr' /&gt;
Die zweite Halbzeit lasse ich aus. Ich bin kein Typ f&#252;r die Masse. Ich geh&#246;re eigentlich nicht dazu, nicht wirklich.&lt;br class='autobr' /&gt;
Als ich mit dem Auto zur&#252;ckfahre, ist es mir gerade egal, ob die anderen Fahrer die Regeln einhalten. Hier soll ja auch eine Stra&#223;enbahn gebaut werden. Dann werden ganz andere Regeln gelten. Dann werden wir alle eingesperrt und zu &#214;lsardinen gemacht. Dann haben sie die Stadt hier auch kleingekriegt.&lt;/p&gt;&lt;/div&gt;
		
		</content:encoded>


		

	</item>
<item xml:lang="de">
		<title>Kap. XVII-XIX [Ben spricht]</title>
		<link>https://andreas-venzke.de/wilkes-tag/text-und-horproben/article/kap-xvii-xix-ben-spricht</link>
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		<dc:date>2020-05-13T11:12:36Z</dc:date>
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		<dc:language>de</dc:language>
		<dc:creator>Andreas Venzke</dc:creator>



		<description>
&lt;p&gt;Hier hat Wilke mal nichts vorweggenommen, sondern nur beschrieben, was (bisher?) auch Alltag war. &lt;br class='autobr' /&gt;
Andreas Venzke: Wilkes Tag &lt;br class='autobr' /&gt;
XVII. Wenn man im Chor singt &lt;br class='autobr' /&gt;
Ich sp&#252;re das Leben so intensiv wie selten. Wer kann denn sagen, woher die Freuden r&#252;hren? Daher, dass man das Gef&#252;hl hat, &#252;bergeordneter Gewalt entkommen zu sein, oder dass der bl&#246;de Falkensteiner beim Konzert wirklich genau der Partitur folgt und seine Stimme wie mit dem Lastenkran auf die Tonlinien des Chores setzt? Ich strahle (...)&lt;/p&gt;


-
&lt;a href="https://andreas-venzke.de/wilkes-tag/text-und-horproben/" rel="directory"&gt;Text- und H&#246;rproben&lt;/a&gt;


		</description>


 <content:encoded>&lt;img src='https://andreas-venzke.de/sites/venzke/local/cache-vignettes/L90xH150/arton80-2b5ca.jpg?1678904498' class='spip_logo spip_logo_right' width='90' height='150' alt=&#034;&#034; /&gt;
		&lt;div class='rss_texte'&gt;&lt;p&gt;&lt;i&gt;Hier hat Wilke mal nichts vorweggenommen, sondern nur beschrieben, was (bisher?) auch Alltag war.&lt;/i&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; &lt;/p&gt;
&lt;h2 class=&#034;spip&#034;&gt;&lt;strong&gt;Andreas Venzke: Wilkes Tag&lt;/strong&gt;&lt;/h2&gt;&lt;div class=&#034;spip_document_142 spip_document spip_documents spip_document_audio spip_document_avec_legende player&#034; data-legende-len=&#034;57&#034; data-legende-lenx=&#034;x&#034;
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&lt;figcaption class='spip_doc_legende'&gt; &lt;div class='spip_doc_titre crayon document-titre-142 '&gt;&lt;strong&gt;Wenn man im Chor singt
&lt;/strong&gt;&lt;/div&gt; &lt;div class='spip_doc_credits crayon document-credits-142 '&gt;Andreas Venzke/Wilkes Tag (2020)
&lt;/div&gt;
&lt;/figcaption&gt;&lt;div class=&#034;base64javascript126646332865ecca2fcba009.96624091&#034; title=&#034;PHNjcmlwdD4vKjwhW0NEQVRBWyovdmFyIG1lanNwYXRoPSdwbHVnaW5zLWRpc3QvbWVkaWFzL2xpYi9tZWpzL21lZGlhZWxlbWVudC1hbmQtcGxheWVyLm1pbi5qcz8xNjc4ODk1MzM0JyxtZWpzY3NzPSdwbHVnaW5zLWRpc3QvbWVkaWFzL2xpYi9tZWpzL21lZGlhZWxlbWVudHBsYXllci5taW4uY3NzPzE2Nzg4OTUzMzMnOwp2YXIgbWVqc2xvYWRlcjsKKGZ1bmN0aW9uKCl7dmFyIGE9bWVqc2xvYWRlcjsidW5kZWZpbmVkIj09dHlwZW9mIGEmJihtZWpzbG9hZGVyPWE9e2dzOm51bGwscGx1Zzp7fSxjc3M6e30saW5pdDpudWxsLGM6MCxjc3Nsb2FkOm51bGx9KTthLmluaXR8fChhLmNzc2xvYWQ9ZnVuY3Rpb24oYyl7aWYoInVuZGVmaW5lZCI9PXR5cGVvZiBhLmNzc1tjXSl7YS5jc3NbY109ITA7dmFyIGI9ZG9jdW1lbnQuY3JlYXRlRWxlbWVudCgibGluayIpO2IuaHJlZj1jO2IucmVsPSJzdHlsZXNoZWV0IjtiLnR5cGU9InRleHQvY3NzIjtkb2N1bWVudC5nZXRFbGVtZW50c0J5VGFnTmFtZSgiaGVhZCIpWzBdLmFwcGVuZENoaWxkKGIpfX0sYS5pbml0PWZ1bmN0aW9uKCl7ITA9PT1hLmdzJiZmdW5jdGlvbihjKXtqUXVlcnkoImF1ZGlvLm1lanMsdmlkZW8ubWVqcyIpLm5vdCgiLmRvbmUsLm1lanNfX3BsYXllciIpLmVhY2goZnVuY3Rpb24oKXtmdW5jdGlvbiBiKCl7dmFyIGU9ITAsaDtmb3IoaCBpbiBkLmNzcylhLmNzc2xvYWQoZC5jc3NbaF0pO2Zvcih2YXIgZiBpbiBkLnBsdWdpbnMpInVuZGVmaW5lZCI9PQp0eXBlb2YgYS5wbHVnW2ZdPyhlPSExLGEucGx1Z1tmXT0hMSxqUXVlcnkuZ2V0U2NyaXB0KGQucGx1Z2luc1tmXSxmdW5jdGlvbigpe2EucGx1Z1tmXT0hMDtiKCl9KSk6MD09YS5wbHVnW2ZdJiYoZT0hMSk7ZSYmalF1ZXJ5KCIjIitjKS5tZWRpYWVsZW1lbnRwbGF5ZXIoalF1ZXJ5LmV4dGVuZChkLm9wdGlvbnMse3N1Y2Nlc3M6ZnVuY3Rpb24oYSxjKXtmdW5jdGlvbiBiKCl7dmFyIGI9alF1ZXJ5KGEpLmNsb3Nlc3QoIi5tZWpzX19pbm5lciIpO2EucGF1c2VkPyhiLmFkZENsYXNzKCJwYXVzaW5nIiksc2V0VGltZW91dChmdW5jdGlvbigpe2IuZmlsdGVyKCIucGF1c2luZyIpLnJlbW92ZUNsYXNzKCJwbGF5aW5nIikucmVtb3ZlQ2xhc3MoInBhdXNpbmciKS5hZGRDbGFzcygicGF1c2VkIil9LDEwMCkpOmIucmVtb3ZlQ2xhc3MoInBhdXNlZCIpLnJlbW92ZUNsYXNzKCJwYXVzaW5nIikuYWRkQ2xhc3MoInBsYXlpbmciKX1iKCk7YS5hZGRFdmVudExpc3RlbmVyKCJwbGF5IixiLCExKTsKYS5hZGRFdmVudExpc3RlbmVyKCJwbGF5aW5nIixiLCExKTthLmFkZEV2ZW50TGlzdGVuZXIoInBhdXNlIixiLCExKTthLmFkZEV2ZW50TGlzdGVuZXIoInBhdXNlZCIsYiwhMSk7Zy5hdHRyKCJhdXRvcGxheSIpJiZhLnBsYXkoKX19KSl9dmFyIGc9alF1ZXJ5KHRoaXMpLmFkZENsYXNzKCJkb25lIiksYzsoYz1nLmF0dHIoImlkIikpfHwoYz0ibWVqcy0iK2cuYXR0cigiZGF0YS1pZCIpKyItIithLmMrKyxnLmF0dHIoImlkIixjKSk7dmFyIGQ9e29wdGlvbnM6e30scGx1Z2luczp7fSxjc3M6W119LGUsaDtmb3IoZSBpbiBkKWlmKGg9Zy5hdHRyKCJkYXRhLW1lanMiK2UpKWRbZV09alF1ZXJ5LnBhcnNlSlNPTihoKTtiKCl9KX0oalF1ZXJ5KX0pO2EuZ3N8fCgidW5kZWZpbmVkIiE9PXR5cGVvZiBtZWpzY3NzJiZhLmNzc2xvYWQobWVqc2NzcyksYS5ncz1qUXVlcnkuZ2V0U2NyaXB0KG1lanNwYXRoLGZ1bmN0aW9uKCl7YS5ncz0hMDthLmluaXQoKTtqUXVlcnkoYS5pbml0KTtvbkFqYXhMb2FkKGEuaW5pdCl9KSl9KSgpOy8qXV0+Ki88L3NjcmlwdD4=&#034;&gt;&lt;/div&gt; &lt;/figure&gt;
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&lt;p&gt; &lt;/p&gt;
&lt;h2 class=&#034;spip&#034;&gt;XVII. Wenn man im Chor singt&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Ich sp&#252;re das Leben so intensiv wie selten. Wer kann denn sagen, woher die Freuden r&#252;hren? Daher, dass man das Gef&#252;hl hat, &#252;bergeordneter Gewalt entkommen zu sein, oder dass der bl&#246;de Falkensteiner beim Konzert wirklich genau der Partitur folgt und seine Stimme wie mit dem Lastenkran auf die Tonlinien des Chores setzt?&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich strahle die M&#228;nner an, die von allen Seiten selbstbewusst, voller Vorfreude und vital zusammenkommen. Fast alle haben einen Schal in den Vereinsfarben umh&#228;ngen, viele tragen ein Trikot des Sportclubs, manche M&#252;tzen und Anstecker in diesen Farben, einige sogar Schwei&#223;b&#228;nder am Handgelenk. Ausnahmslos alle halten einen Becher Bier in der Hand und singen: &#8222;Nieder mit den Preu&#223;en, auf die tun wir schei&#223;en!&#8220; Sie sind gl&#252;cklich.&lt;br class='autobr' /&gt;
Kurz &#252;berlege ich, wie ich selbst beschaffen sein m&#252;sste, um in ein Fu&#223;balltrikot zu schl&#252;pfen. Das w&#228;re f&#252;r mich an Peinlichkeit kaum zu &#252;berbieten.&lt;br class='autobr' /&gt;
Da werde ich mit der Menge schon vorw&#228;rtsgedr&#228;ngt und auf einen Bierstand zugeschoben. Ohne weiter nachzudenken, durchsuche ich meine Hosentaschen nach ein paar M&#252;nzen. Ich freue mich so sehr, als ich eine erf&#252;hlen kann, einen Euro. Den habe ich immer f&#252;r einen Einkaufswagen in der kleinen Innentasche stecken. Wie &#252;berkommt mich pl&#246;tzlich der Durst, die Lust auf einen Schluck Bier! Tats&#228;chlich schiebt mir am Tresen eine junge Frau, ohne dass ich gefragt h&#228;tte, einen Becher Bier zu. Ich ziehe die Schultern hoch und halte ihr den Euro entgegen.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Macht dreiachtzig!&#8220;, sagt sie und sieht mich genervt an.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Ich habe nur ... ach Mist!&#8220;, sage ich mit Blick auf mein Geldst&#252;ck, und meine Stimme bricht.&lt;br class='autobr' /&gt;
Hinter mir dr&#228;ngen andere M&#228;nner nach. Ich halte entschuldigend beide H&#228;nde hoch und will mich umdrehen und gehen.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Was iss, Alter?&#8220;, ruft da jemand hinter mir und legt mir kumpelhaft den Arm um die Schulter. &#8222;Hat dir deine Olle nich mehr Geld mitgegeben? Anzug auch noch kaputt!&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
Er wendet sich an die junge Frau und ruft: &#8222;Hier, Susi, rechne das mal f&#252;r den mit ab!&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Na Karle&#8220;, sagt Susi mit ganz tiefer Stimme und zieht weiter den Zapfhahn zu sich hin, aus dem unaufh&#246;rlich ein feiner Strahl Bier rinnt, &#8222;wen haste denn da unter der Br&#252;cke vorgeholt?&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
Sie sieht mich kurz an, als m&#252;sste sie einen Penner bedienen.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Wie hei&#223;te eigentlich?&#8220;, fragt mich Karl pl&#246;tzlich, und ich komme mir wie &#252;berfallen vor.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Oh Mann!&#8220;, sage ich nur langsam, weil ich gar nicht glauben kann, in was f&#252;r eine Situation ich geraten bin.&lt;br class='autobr' /&gt;
Soll ich diesem wildfremden Mann, der mich mit seinen w&#228;ssrigen blauen Augen zu fixieren versucht, wirklich meinen Namen sagen? Nur kann der damit bestimmt nichts anfangen. Doch wie pers&#246;nlich soll denn das werden?&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Oman?&#8220;, fragt Karl, und ich nicke spontan, weil ich gerade keinen klaren Gedanken fassen kann.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Oman! Echt jetzt?&#8220;, prustet Karl los, und ich nicke zum zweiten Mal.&lt;br class='autobr' /&gt;
Da schiebt Susi noch einen Becher mit Bier r&#252;ber, der so voll ist, dass es &#252;berlaufen muss.&lt;br class='autobr' /&gt;
Karl dr&#252;ckt ihr einen Zehn-Euro-Schein in die Hand, macht gleich eine abwehrende Handbewegung und beugt sich mit dem Mund zu dem Becher, um abzutrinken.&lt;br class='autobr' /&gt;
Dann schiebt er mir den anderen Becher zu, den ich nicht bezahlen konnte, haut mir gegen den Arm und sagt mit rauchiger Bierfahne, die eigenartig frisch riecht: &#8222;Na denn mal Pr&#246;sterchen, Oman, armer Gockel!&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
Alle lachen, ich auch, und als ich trinke, ohne zu versch&#252;tten, mache ich einen solchen Zug, dass ich selbst staunen muss.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich sage laut und bestimmt, mich nach links und rechts wendend: &#8222;Prost also! Danke! Auf ein gutes Proben.&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
Es wird kurz ein wenig stiller. Ein paar M&#228;nner sehen sich fragend an. Dann f&#228;ngt Karl wieder an zu singen, und alle stimmen mit ein. Ich gebe den richtigen Ton vor: &#8222;Nieder mit den Preu&#223;en, auf die tun wir schei&#223;en!&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
Die M&#228;nner nicken mir zu und sto&#223;en, w&#228;hrend sie singen, das hei&#223;t, gr&#246;len, mit mir an. Einer schl&#228;gt seinen Becher mit Bier so an meinen, dass der, w&#228;re er aus Glas, zersprungen w&#228;re. Au&#223;erdem habe ich meinen Becher ein St&#252;ck zur&#252;ckgezogen. Das habe ich wie instinktm&#228;&#223;ig getan, so wie ich die Hand zur&#252;cknehme, wenn etwa der Tenor voller &#220;bermut losschreit. Wenn die M&#228;nner mal d&#252;rfen, m&#252;ssen sie ja gleich ihre ganze Kraft sp&#252;ren lassen. Auch hier m&#252;sste man eigentlich dagegenhalten, das ist mir schon klar. Nur bin ich in der Hinsicht ganz der Judok&#228;mpfer, was ich als Jugendlicher immerhin im Ligabetrieb war. Mein Vater hatte das immer ignoriert. Ich muss gar nicht aussprechen, was er &#252;ber Judo dachte.&lt;br class='autobr' /&gt;
Trotzdem versuche ich hier, wenigstens stimmlich mitzuhalten, auch um zu zeigen, dass ich dazugeh&#246;re. Obendrein versuche ich, die musikalische Linie ein wenig zu beeinflussen, indem ich die W&#246;rter &#8222;Preu&#223;en&#8220; und &#8222;schei&#223;en&#8220; nicht mit andauerndem Druck betone. Das gibt auch der Melodielinie ein wenig Leichtigkeit. Aber es ist wie beim Chor, wenn man hundertmal darauf verwiesen hat, dass an einer Stelle gef&#228;lligst zu synkopisieren ist. Der Deutsche hat nun mal die Marschmusik in den Genen.&lt;br class='autobr' /&gt;
So schnell wie ganz selten habe ich den Becher Bier geleert, und ich genie&#223;e die angenehme Wirkung. Es puscht mich auf und macht mich doch seltsam ruhig, geradezu harmonies&#252;chtig, auch schmerzfrei. Ich ziehe mit Karl und den M&#228;nnern zur Trib&#252;ne. Mein Humpeln bemerken sie gar nicht.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich stehe dann unter ihnen. Sie nehmen mich wirklich in die Mitte, was mir eigentlich noch nie behagt hat &#8211; so in der Masse stehen. Aber ich f&#252;hle mich als Teil einer Gemeinschaft, vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben. So ist es also, wenn man im Chor singt.&lt;/p&gt;
&lt;h2 class=&#034;spip&#034;&gt;XVIII. Die Leute in ihrer Urspr&#252;nglichkeit&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Ich stehe auf den Zuschauerr&#228;ngen und schaue mir das Spiel an. Immer mal wieder schreit Karl neben mir: &#8222;Schiri, du Pfeife!&#8220;, &#8222;Assi!&#8220;, &#8222;Biste blind!&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
Immer wieder singen alle.&lt;br class='autobr' /&gt;
So wie Karl da impulsiv losschreit, kann ich nicht anders und muss an meinen Vater denken: Bei ihm l&#228;uft das Leben im Fu&#223;balltakt, von einer deutschen Meisterschaft zur anderen, von einem Qualifikationsspiel zum n&#228;chsten, bis es dann wieder so weit ist: Zur Weltmeisterschaft dient seine Frau erst recht nur dazu, dass er irgendeinen Empf&#228;nger braucht, der vier Wochen lag Schreie wie diese h&#246;rt: &#8221;Schie&#223; doch, du Pfeife! &#8221; &#8211; &#8221;Das gibt's doch gar nicht!&#8221; &#8211; &#8221;Also, ist der denn zu doof?&#8221; &#8211; &#8221;So ein Schei&#223;spiel!&#8221;&lt;br class='autobr' /&gt;
Die Fu&#223;ballweltmeisterschaft degradiert meine Mutter erst recht zur Putzfrau, die immer wieder das Klo in einen sauberen Zustand bringt, wenn er dort in einer der Pausen hin muss, zur K&#246;chin sowieso, &#252;berhaupt zu einer erst recht minderbemittelten Person, die noch nicht einmal verstehen k&#246;nne, was Abseits ist. Zwar versteht sie es, und ich wei&#223; au&#223;erdem: Er k&#246;nnte es selbst nicht erkl&#228;ren. Aber Frauen w&#252;rden es nun mal nicht verstehen. Das weibliche Abseitsunverst&#228;ndnis braucht er, um sich beim Fu&#223;ball vor der Glotze erst recht kompetent zu f&#252;hlen.&lt;br class='autobr' /&gt;
Fu&#223;ball ist eine Zeit, in der bei ihm jede Form von Ironie, die er ja nur ansatzweise kennt, im nationalen Gegr&#246;le nur mit der Pauke zu h&#246;ren w&#228;re. Aber die wird f&#252;r den Schlag auf die Eins gebraucht.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich denke daran, dass er seit einiger Zeit auch selbst auf den Fu&#223;ballplatz geht, wie mir meine Mutter j&#252;ngst anvertraute, und zwar zu den einfachen Spielen um die Ecke, zu solch einem wie diesem. Sie erkl&#228;rte sich das damit, dass er doch irgendwie unter die Leute m&#252;sse, seit er in Rente ist. Sie selbst k&#246;nne dann mal durchatmen, f&#252;gte sie noch an, und mehr musste sie gar nicht sagen. Sie versteht, dass ich verstehe.&lt;br class='autobr' /&gt;
Was ist nur mit mir los? Eigentlich m&#252;sste ich mich vor Scham wegducken, wenn Karl neben mir wieder schreit. Er ist geradezu die Verk&#246;rperung meines Vaters, jedenfalls was seine Reaktionen auf das Spiel angeht. Das ist so schlecht, denke ich, obwohl ich grunds&#228;tzlich nicht so viel von Fu&#223;ball verstehe. Aber ich sehe, wie immer wieder gefoult wird, nicht mal mit Absicht, sondern einfach aus Unverm&#246;gen heraus. Da geht einer mit voller Wucht auf den Ball, kann aber nicht mehr zur&#252;ckziehen, wenn der gegnerische Spieler pl&#246;tzlich schnell annimmt. Wie da manchmal der Schuh vorgestreckt wird, mit Stollen am Ende, der dann voll auf den Fu&#223; des Gegners trifft! Ein paar Mal wende ich den Blick ab, weil ich denke, dass jetzt wirklich ein Bein durchgetreten wird.&lt;br class='autobr' /&gt;
Nur hat mein Vater doch mehr Kultur, oder &#252;berhaupt Kultur. Das macht den Unterschied aus. Er versteht durchaus was von Musik. Nur setzt er sein Verst&#228;ndnis daf&#252;r ein, das niederzumachen, was ich mache. Auch beim Fu&#223;ball h&#228;tte man keine Chance, gegen ihn zu argumentieren. Zu sagen, dass der Gegner vielleicht auch nicht schlecht spielt, w&#252;rde er beantworten: &#8222;Die stellen sich doch mit F&#252;nferkette nur hinten rein. Tief verteidigen, hei&#223;t das jetzt. Mauern h&#228;tten wir fr&#252;her gesagt. Und dass du f&#252;r die Italiener bist, wundert mich nat&#252;rlich gar nicht. Nur nicht f&#252;r Deutschland sein! Catenaccio, genau, so hie&#223; das doch fr&#252;her bei den Italienern. Hat sich bis heute nicht ge&#228;ndert. Und Schauspielkurse m&#252;ssen die nat&#252;rlich erst gar nicht belegen.&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
Vielleicht habe ich mich deswegen nie f&#252;r Fu&#223;ball interessiert.&lt;br class='autobr' /&gt;
Und jetzt f&#252;hle ich mich auch noch eigenartig wohl, geradezu sicher, zwischen Leuten, mit denen ich eigentlich nichts zu tun habe. Mit ihnen spreche ich sonst nur, wenn ich mein Auto zur Reparatur bringe oder wenn im Bad die Fliesen neu verfugt werden m&#252;ssen oder wenn ich beim B&#228;cker ein Brot kaufe, Vollkorn, was Corinna immer wichtig ist. Dabei kann auch ein frisches Wei&#223;brot mal richtig gut schmecken, finde ich, wenn man es etwa mit Crevetten isst, die man leicht in &#214;l anbr&#228;t, mit Knoblauch nat&#252;rlich. Ein Genuss, der sich selbst reicht! Den man nicht hinterfragen kann, geschmacklich, &#246;kologisch nat&#252;rlich schon, weil diese Crevetten irgendwo aus S&#252;dostasien kommen, wo deswegen der Mangrovenwald gef&#228;hrdet ist. Alle Klassiker hatten ja Lieder, die sich selbst gen&#252;gen, die h&#246;chstens noch zur Unterst&#252;tzung eine zweite Melodielinie wollen, aber nur um ebendie sch&#246;ne Melodie hervorzuheben.&lt;br class='autobr' /&gt;
Wenn ich mit diesen Leuten spreche, bin ich oft etwas gehemmt. Sie treten mir immer als Experten gegen&#252;ber, der Automechaniker etwa, der mir erz&#228;hlt, dass die Achsmanschetten unbedingt ausgetauscht werden m&#252;ssen, weil sie schon ganz por&#246;s seien. Keine gro&#223;e Sache das. Nur die Antriebswelle vom Differenzialgetriebe l&#246;sen, und am besten nicht die Universalmanschetten verwenden. Und ich versuche, das geistreich zu kommentieren, damit er merkt, dass ich verstehe, wovon er spricht, und also selbst mitentscheiden k&#246;nnte ... Ein l&#228;cherliches Spiel um Deutungshoheit. Eigentlich kann der sonst was an mich ranlabern, wenn es f&#252;r mich nur &#252;berzeugend klingt. Und das wei&#223; er auch.&lt;br class='autobr' /&gt;
Vielleicht bleibt deswegen immer eine Art Misstrauen gegen&#252;ber diesen Leuten, die ja auch zusehen m&#252;ssen, wie sie durchkommen. Der Automechaniker verdient nun mal mehr, wenn er mir glaubhaft verklickern kann, dass die Achsmanschette eigentlich defekt ist und damit das ganze Antriebs- und Spurassistenzsystem jeden Augenblick blockieren k&#246;nnte ... Es m&#252;ssten zur Sicherheit auch gleich beide Manschetten ausgewechselt werden, mit Originalteilen, nicht aus Plastik, sondern aus Gummi, weil die elastischer sind. Das hat mich j&#252;ngst 429,28 Euro gekostet.&lt;br class='autobr' /&gt;
Hier auf dem Feld jedoch zeigen sich mir die Leute in ihrer Urspr&#252;nglichkeit, in ihrer ganzen Nat&#252;rlichkeit, als wenn man aus der Partitur all den Begleitstimmenquatsch herausstreichen w&#252;rde.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich singe immer wieder mit. Bald habe ich sogar das Gef&#252;hl, die Leute um mich herum warten sogar darauf, dass ich in den Gesang einstimme. Es ist, als w&#252;rden sie sich von mir den richtigen Ton abholen. Was sie dann aus dem Gesang machen, kann ich nicht mehr kontrollieren. Es l&#228;uft leider doch immer auf die einfachsten Melodien hinaus, Yellow-Submarine-m&#228;&#223;ig, aber immer mit Klatschen auf dem Puls. Ich habe am Anfang bewusst auf die 2 und die 4 geklatscht, aber da haben mich ein paar der Leute streng angesehen und nur noch lauter geklatscht.&lt;br class='autobr' /&gt;
Unsere Mannschaft, der Sportclub, f&#252;hrt. Es sind die Spieler mit den gelben Trikots, nicht den roten, was ich erst mal verstehen musste. Ganz am Anfang habe ich bei einer Torgelegenheit falsch geschrien. Da hat mich einer erst recht streng angesehen, fast feindselig &#8211; da wusste ich gleich Bescheid.&lt;br class='autobr' /&gt;
Und Karl hat noch zu mir gesagt: &#8222;Biste doof?&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich habe aus Unsicherheit sogar genickt. Da hatte er sich aber schon wieder zum Spiel gewandt.&lt;br class='autobr' /&gt;
Diese Leute sind nun mal direkt und geradeaus.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich komme mir vor wie am Puls des Lebens h&#228;ngend. Mein Knie schmerzt gar nicht mehr.&lt;/p&gt;
&lt;h2 class=&#034;spip&#034;&gt;XIX. Jeder hat seine Rolle auszuf&#252;llen&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Im Spiel sind zwanzig Minuten gelaufen, da habe ich es doch tats&#228;chlich geschafft, sozusagen einen neuen Chor aufzustellen. Zur Melodie von Mozarts &lt;i&gt;Kleiner Nachtmusik&lt;/i&gt; singen wir inzwischen: &#8220;Sportclub vor, Sportclub schie&#223; ein Tor ...&#8220;. Das ist zwar als Text billig, aber als Melodie antreibend. Es passt gut, wenn das Spiel unterbrochen wird oder die Spieler auf einen Einwurf warten. Dann sehen alle zu mir und erwarten offensichtlich, dass ich mit Singen anfange. Vielleicht ist es im Leben so: Jeder hat seine Rolle auszuf&#252;llen. Und sind welche nicht irgendwie nat&#252;rliche Anf&#252;hrer? Oder die Leute merken einfach, dass ich von Musik etwas verstehe, so wie sie von Autos, Fliesen und Brot.&lt;br class='autobr' /&gt;
Pl&#246;tzlich ruft jemand mitten in meinem Lied, &#8222;Br&#252;der&#8220;, eigenartig im Falsett. Ich singe laut weiter. Dann rufen aber andere auf das Feld: &#8222;Warme!&#8220; So geht das pl&#246;tzlich im Wechselgesang hin und her, musikalisch gar nicht schlecht gemacht, denke ich kurz.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich komme ganz durcheinander. Was ist das jetzt? Gibt es so primitive Anfeindungen immer noch? Ich fasse mir ans Knie und ducke mich.&lt;br class='autobr' /&gt;
Als endlich alle singen, &#8222;Zieht den Preu&#223;en den Mittelscheitel nach ...&#8220;, atme ich wie befreit durch.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich habe mich nicht verh&#246;rt, wei&#223; ich. Fast alle haben &#8222;Warme Br&#252;der&#8220; geschrien. Aber was haben die Preu&#223;en als Fu&#223;baller damit zu tun? Wieso sollen die schwul sein?&lt;br class='autobr' /&gt;
Aber es ist, als w&#228;re mein Block pl&#246;tzlich davon angesteckt. Als Preu&#223;en einen Freisto&#223; bekommt und der Schiri obendrein die gelbe Karte z&#252;ckt, ruft wieder jemand: &#8222;Br&#252;der!&#8220;, ganz selbstverst&#228;ndlich, und alle um mich her stimmen ein Pfeifkonzert an, das nur langsam decrecendo ausklingt.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Was der Schiri zusammenpfeift!&#8220;, br&#252;llt Karl neben mir. &#8222;Immer nur gegen uns!&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
Er nickt mir zu, und ich sehe wirklich Hass in seinen Augen.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Los, sing!&#8220;, schreit er mich geradezu an.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich stimme an: &#8222;Sportclub vor ...&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Nein, jetzt doch nicht, du Lauch&#8220;, ruft er und singt selbst: &#8222;Hejo, h&#228;ngt den Schiri auf! H&#228;ngt den Schiri, h&#228;ngt den Schiri auf!&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
Alle singen mit, im Kanon, nur diese Zeile. Ich bewege ebenfalls den Mund dazu. Karl kommt mir pl&#246;tzlich wie verwandelt vor. Er macht eine Faust und dirigiert damit, mir voll zugewandt.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich singe halblaut mit, fasse mir wieder ans Knie und bin froh, als der Gesang schnell wieder abbricht.&lt;br class='autobr' /&gt;
Zwei rote Spieler liegen auf dem Feld, einer kr&#252;mmt sich zusammen. Um mich her wird nun geschrien und gepfiffen, dass ich mir einmal kurz die Ohren zuhalte.&lt;br class='autobr' /&gt;
Dann h&#246;re ich pl&#246;tzlich einen hinter mir rufen: &#8222;Juden!&#8220; Oder habe ich mich verh&#246;rt?&lt;br class='autobr' /&gt;
In diesen kurzen Moment der Stille, wie die kleine, aber entscheidende Pause zwischen zwei S&#228;tzen, wenn alle darauf warten, dass ein neues Motiv anklingt, h&#246;re ich pl&#246;tzlich noch einen anderen rufen, ganz vorn, als h&#228;tte er mit uns gar nichts zu tun: &#8222;Das gibt's doch gar nicht! Nun spielt doch mal und h&#246;rt auf mit dem Taktikged&#246;ns!&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
Mein Vater steht keine zehn Meter weit vor mir.&lt;/p&gt;&lt;/div&gt;
		
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		<title>Kap. 22 [Wilke spricht]</title>
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		<dc:date>2020-04-24T11:58:59Z</dc:date>
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		<dc:language>de</dc:language>
		<dc:creator>Andreas Venzke</dc:creator>



		<description>
&lt;p&gt;Da die Friseurgesch&#228;fte als so wichtige Institutionen nun wieder &#246;ffnen, wird es f&#252;r die Einen wie die Anderen vielleicht sogar erleichternd sein, nicht wieder an die Zust&#228;nde ankn&#252;pfen zu m&#252;ssen, wie sie Wilke hier beschreibt. &lt;br class='autobr' /&gt;
Andreas Venzke: Wilkes Tag &lt;br class='autobr' /&gt;
22. So etwas von charakterlos &lt;br class='autobr' /&gt;
Ich empfinde den Fris&#246;r eigentlich wie eine Bedrohung. Immerhin habe ich mich jetzt durchgerungen und es wieder zu dem geschafft. Kaum sind wir in dem Laden, geht meine Frau sofort auf die Fris&#246;se zu, (...)&lt;/p&gt;


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&lt;a href="https://andreas-venzke.de/wilkes-tag/text-und-horproben/" rel="directory"&gt;Text- und H&#246;rproben&lt;/a&gt;


		</description>


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		&lt;div class='rss_texte'&gt;&lt;p&gt;&lt;i&gt;Da die Friseurgesch&#228;fte als so wichtige Institutionen nun wieder &#246;ffnen, wird es f&#252;r die Einen wie die Anderen vielleicht sogar erleichternd sein, nicht wieder an die Zust&#228;nde ankn&#252;pfen zu m&#252;ssen, wie sie Wilke hier beschreibt.&lt;/i&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; &lt;/p&gt;
&lt;h2 class=&#034;spip&#034;&gt;&lt;strong&gt;Andreas Venzke: Wilkes Tag&lt;/strong&gt;&lt;/h2&gt;&lt;div class=&#034;spip_document_141 spip_document spip_documents spip_document_audio spip_document_avec_legende player&#034; data-legende-len=&#034;75&#034; data-legende-lenx=&#034;xx&#034;
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&lt;figcaption class='spip_doc_legende'&gt; &lt;div class='spip_doc_titre crayon document-titre-141 '&gt;&lt;strong&gt;So etwas von charakterlos
&lt;/strong&gt;&lt;/div&gt; &lt;div class='spip_doc_credits crayon document-credits-141 '&gt;Andreas Venzke/So etwas von charakterlos (2020)
&lt;/div&gt;
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&lt;/div&gt;
&lt;p&gt; &lt;/p&gt;
&lt;h2 class=&#034;spip&#034;&gt;22. So etwas von charakterlos&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Ich empfinde den Fris&#246;r eigentlich wie eine Bedrohung. Immerhin habe ich mich jetzt durchgerungen und es wieder zu dem geschafft.&lt;br class='autobr' /&gt;
Kaum sind wir in dem Laden, geht meine Frau sofort auf die Fris&#246;se zu, die ich gar nicht kenne, und redet mit der, so als ob ich es nicht h&#246;ren soll. Dann nicken sie sich l&#228;chelnd zu.&lt;br class='autobr' /&gt;
Meine Frau kommt zu mir und sagt: &#8222;Also, ich gehe jetzt!&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Wie, du gehst?&#8220;, frage ich etwas erschrocken zur&#252;ck.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Na, den Einkauf machen&#8220;, antwortet sie.&lt;br class='autobr' /&gt;
Als ich sage, &#8222;Ach so!&#8220;, geht sie tats&#228;chlich gleich los, so schnell, dass ich gar nicht mehr reagieren kann.&lt;br class='autobr' /&gt;
Es kommt mir fast so vor, als lie&#223;e sie mich im Stich, aber ich habe manchmal halt auch meine Empfindlichkeiten.&lt;br class='autobr' /&gt;
Etwas irritiert sehe ich mich um, als mich die Fris&#246;se schon zu sich bittet. Au&#223;er mir ist nur eine andere Kundin im Laden, die, mit einem riesigen Haarturm versehen, auf ihr Smartphone starrt. So ein Verhalten von meiner Frau - was ist denn das f&#252;r ein Zeichen? Oder hat sie einen Termin ausgemacht, ohne mir Bescheid zu sagen? Das w&#228;re ja wieder typisch.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich gehe zum Kleiderst&#228;nder und h&#228;nge meine Jacke auf. Darauf h&#228;tte mich diese Fris&#246;se eigentlich selbst aufmerksam machen k&#246;nnen, finde ich.&lt;br class='autobr' /&gt;
Sie fragt mich nach einem Kaffee, und ich sehe sie &#252;berrascht an.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ein Kaffee beim Haareschneiden, &#252;berlege ich. Was ist das schon wieder f&#252;r eine neue Masche? Wenn da Haare in die Tasse fallen!&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Geh&#246;rt zum Service&#8220;, sagt die Fris&#246;se lachend.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich sch&#252;ttele nur den Kopf und setze mich langsam auf den Frisierstuhl, auf den sie zeigt. Mit beiden H&#228;nden halte ich mich an den Armlehnen fest, und ich merke, wie ich dabei etwas zittere. Nun gilt es.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Also schneide ich so, wie Ihre Frau es will&#8220;, sagt die Fris&#246;se seltsam grinsend. &#8222;&#220;ber den Ohren frei, hinten abgestuft und oben ein bisschen l&#228;nger lassen. Ok?&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Ist in Ordnung&#8220;, sage ich und lasse mir dieses Kunststofftuch &#252;berh&#228;ngen, unter dem ich immer schwitze wie in der Sauna, also wenn ich der Sauna etwas abgewinnen k&#246;nnte.&lt;br class='autobr' /&gt;
W&#228;hrend die Fris&#246;se mit ihrer Arbeit anf&#228;ngt, versuche ich mich nicht zu bewegen.&lt;br class='autobr' /&gt;
Schon die Berufsbezeichnung ist etwas Obskures, &#252;berlege ich: Heute geht man ja eher zu seiner Fris&#246;se oder Fris&#246;rin statt zum Fris&#246;r. Ich habe einen trockenen Mund. Ich muss nun jemandem nahe sein, der vielleicht sogar ein Mann sein k&#246;nnte, und dann was f&#252;r einer! &#8211; oder eben dieser Frau hinter mir, mit den V&#246;gelchen, die sie auf dem einen Arm t&#228;towiert hat.&lt;br class='autobr' /&gt;
Sie wird versuchen, mich in ein Gespr&#228;ch zu verwickeln. Fris&#246;rl&#228;den sind Klatschbuden und noch dazu von Frauenklatsch, den ich hasse und dem ich mich deswegen prinzipiell nicht ausliefern werde. Ich bin immer stolz darauf, wenn ich beim Fris&#246;r auf die Frage, wie mir die Haare geschnitten werden sollen, antworten kann: &#8221;Schweigend!&#8221; Der Witz stammt, meine ich, von Bismarck, und f&#252;r mich ist er eigentlich ernst gemeint. Leider hat ihn mir meine Frau hier gleich am Anfang verdorben.&lt;br class='autobr' /&gt;
Eine viertel Stunde sitze ich schwitzend auf dem Frisierstuhl und schweige. Nach einer Weile bereitet es mir sogar Genugtuung, dass die Fris&#246;se verbal nicht an mich herankommt, auch wenn sie mit ihren V&#246;gelchen noch so locker zu sein scheint. Es verschafft mir sogar eine besondere Zufriedenheit, mich von ihr nicht besiegen zu lassen. Ich sp&#252;re ihre zunehmende Nervosit&#228;t und denke bei mir, wie Frauen doch so anders sind, dass sie nicht eine viertel Stunde mal nicht tratschen k&#246;nnen, dass sie mal eine viertel Stunde ruhig ihrer Arbeit nachgehen.&lt;br class='autobr' /&gt;
Immerhin gilt ja diese Arbeit inzwischen schon als Kunst, und w&#228;hrend fr&#252;her jeder f&#252;r einfaches Geld einen einfachen Haarschnitt bekam, muss man sich heute auf k&#252;nstlerische Sitzungen einlassen und entscheiden, ob diese Str&#228;hne, dieser Scheitel und diese Koteletten zum pers&#246;nlichen Stil passen. Da soll so eine Fris&#246;se ruhig einmal sp&#252;ren, wie sie einen Vorgang aufbl&#228;ht, der eigentlich in f&#252;nf Minuten beendet sein m&#252;sste! Kaum jemand geht noch konzentriert seiner Arbeit nach. Alles wird k&#252;nstlerisch oder politisch &#252;berh&#246;ht. Mein Herr Sohn h&#228;tte daf&#252;r bestimmt vollstes Verst&#228;ndnis. Er w&#252;rde bestimmt &#252;ber die Bedeutung jeder Str&#228;hne in ihrem Gesamtzusammenhang sprechen und mit der Fris&#246;se die gesellschaftlichen Aspekte ihrer Arbeit er&#246;rtern.&lt;br class='autobr' /&gt;
Endlich kommt meine Frau zur&#252;ck. Wo sie so lange geblieben ist, habe ich mich schon gefragt. Hat sie bei Lidl wieder jedes Regal durchgeguckt?&lt;br class='autobr' /&gt;
Als w&#228;re ich nur ein Patient auf dem Operationstisch redet die Fris&#246;se sofort mit meiner Frau, irgendetwas Belangloses, bei dem ich mich weigere zuzuh&#246;ren. Sie tut eigentlich nur noch so, als w&#252;rde sie an mir weiter frisieren.&lt;br class='autobr' /&gt;
Trotzdem wirkt die Fris&#246;se pl&#246;tzlich ruhiger, als h&#228;tte sie wirklich das Tratschen vermisst.&lt;br class='autobr' /&gt;
Als sie meiner Frau sagt, dass man die Butter bei Lidl eigentlich immer am billigsten kaufen kann, kommt mir das so vor, als m&#252;sste sie auch mir damit best&#228;tigen, wie selbstbewusst sie doch ist. Und wie aus Protest h&#228;lt sie mir sofort den Spiegel hin, ohne ihr Werk noch mal zu &#252;berpr&#252;fen, wie das jeder normale Handwerker zum Schluss macht. Ich kann da eigentlich nur auf die V&#246;gelchen an ihrem Arm gucken, die auch noch mit Farbe gef&#252;llt sind.&lt;br class='autobr' /&gt;
Sie kann es wohl nicht abwarten, denke ich mir, mich los zu sein. So etwas von charakterlos.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich werfe ihr erst beim Aufstehen einen Blick zu, der sagt: Das soll also mein Geld wert sein? Und k&#246;nnen Sie nicht mal eine viertel Stunde ohne zu tratschen durcharbeiten, ohne gleich so nerv&#246;s zu werden?&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich zahle schnell und sage nur noch: &#8222;Machen Sie zwanzig! Danke!&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
Als ich meine Jacke nehme und wortlos aus dem Laden gehe, sehe ich noch, wie meine Frau die Fris&#246;se geradezu versteckt anblickt und mit den Schultern zuckt.&lt;br class='autobr' /&gt;
Was soll das, frage ich mich und merke, wie eine Wut in mir aufsteigt. Was machen die Frauen da wieder unter sich aus? Das &#228;rgert mich mal wieder.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Wo gehen wir hin?&#8220;, frage ich auf der Stra&#223;e gleich und warte nur darauf, dass meine Frau zur&#252;ckfragt: Wohin?&lt;br class='autobr' /&gt;
Als sie nur die Augenbrauen hochzieht, ist gleich wieder klar, wer zu entscheiden hat.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Gehen wir in den Kaiser&#8220;, sage ich, &#8222;da ist nicht so teuer. Die haben Mittagsmen&#252;.&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich rechne aus, dass ich beim Fris&#246;r immerhin sechs Euro gespart habe, weil es der billigere war und ich einen Euro weniger Trinkgeld gegeben habe als sonst. Mehr hatte die Fris&#246;se mit ihrer Art auch wirklich nicht verdient.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&#169; Andreas Venzke&lt;/p&gt;&lt;/div&gt;
		
		</content:encoded>


		

	</item>
<item xml:lang="de">
		<title>Kap. 25-27 [Wilke spricht]</title>
		<link>https://andreas-venzke.de/wilkes-tag/text-und-horproben/article/kap-25-27-wilke-spricht</link>
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		<dc:date>2020-04-18T10:03:22Z</dc:date>
		<dc:format>text/html</dc:format>
		<dc:language>de</dc:language>
		<dc:creator>Andreas Venzke</dc:creator>



		<description>
&lt;p&gt;Hier scheint Wilke tats&#228;chlich einmal wieder vorweggenommen zu haben, wie sich in Zukunft eine der Grundlagen jeglicher Zweisamkeit &#228;ndern wird: Der Abstand wird noch gr&#246;&#223;er. Das Schweigen auch? &lt;br class='autobr' /&gt;
Andreas Venzke: Wilkes Tag &lt;br class='autobr' /&gt;
25. Die Salatgeschichte marschiert vorw&#228;rts &lt;br class='autobr' /&gt;
Schon als wir den Kaiser betreten, droht meine Stimmung zu kippen. Da hat doch jemand auf den Aushang geschrieben: &#8222;Heute bieten wir ihnen:&#8220; &#8211; und &#8222;Ihnen&#8220; also klein geschrieben. Ich habe vor dem Lokal das Tagesangebot nur (...)&lt;/p&gt;


-
&lt;a href="https://andreas-venzke.de/wilkes-tag/text-und-horproben/" rel="directory"&gt;Text- und H&#246;rproben&lt;/a&gt;


		</description>


 <content:encoded>&lt;img src='https://andreas-venzke.de/sites/venzke/local/cache-vignettes/L150xH100/arton78-90e62.jpg?1678904499' class='spip_logo spip_logo_right' width='150' height='100' alt=&#034;&#034; /&gt;
		&lt;div class='rss_texte'&gt;&lt;p&gt;&lt;i&gt;Hier scheint Wilke tats&#228;chlich einmal wieder vorweggenommen zu haben, wie sich in Zukunft eine der Grundlagen jeglicher Zweisamkeit &#228;ndern wird: Der Abstand wird noch gr&#246;&#223;er. Das Schweigen auch?&lt;/i&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; &lt;/p&gt;
&lt;h2 class=&#034;spip&#034;&gt;&lt;strong&gt;Andreas Venzke: Wilkes Tag&lt;/strong&gt;&lt;/h2&gt;&lt;div class=&#034;spip_document_140 spip_document spip_documents spip_document_audio spip_document_avec_legende player&#034; data-legende-len=&#034;54&#034; data-legende-lenx=&#034;x&#034;
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&lt;figcaption class='spip_doc_legende'&gt; &lt;div class='spip_doc_titre crayon document-titre-140 '&gt;&lt;strong&gt;Die Salatgeschichte
&lt;/strong&gt;&lt;/div&gt; &lt;div class='spip_doc_credits crayon document-credits-140 '&gt;Andreas Venzke/Wilkes Tag (2020)
&lt;/div&gt;
&lt;/figcaption&gt;&lt;div class=&#034;base64javascript126646332865ecca2fcba009.96624091&#034; title=&#034;PHNjcmlwdD4vKjwhW0NEQVRBWyovdmFyIG1lanNwYXRoPSdwbHVnaW5zLWRpc3QvbWVkaWFzL2xpYi9tZWpzL21lZGlhZWxlbWVudC1hbmQtcGxheWVyLm1pbi5qcz8xNjc4ODk1MzM0JyxtZWpzY3NzPSdwbHVnaW5zLWRpc3QvbWVkaWFzL2xpYi9tZWpzL21lZGlhZWxlbWVudHBsYXllci5taW4uY3NzPzE2Nzg4OTUzMzMnOwp2YXIgbWVqc2xvYWRlcjsKKGZ1bmN0aW9uKCl7dmFyIGE9bWVqc2xvYWRlcjsidW5kZWZpbmVkIj09dHlwZW9mIGEmJihtZWpzbG9hZGVyPWE9e2dzOm51bGwscGx1Zzp7fSxjc3M6e30saW5pdDpudWxsLGM6MCxjc3Nsb2FkOm51bGx9KTthLmluaXR8fChhLmNzc2xvYWQ9ZnVuY3Rpb24oYyl7aWYoInVuZGVmaW5lZCI9PXR5cGVvZiBhLmNzc1tjXSl7YS5jc3NbY109ITA7dmFyIGI9ZG9jdW1lbnQuY3JlYXRlRWxlbWVudCgibGluayIpO2IuaHJlZj1jO2IucmVsPSJzdHlsZXNoZWV0IjtiLnR5cGU9InRleHQvY3NzIjtkb2N1bWVudC5nZXRFbGVtZW50c0J5VGFnTmFtZSgiaGVhZCIpWzBdLmFwcGVuZENoaWxkKGIpfX0sYS5pbml0PWZ1bmN0aW9uKCl7ITA9PT1hLmdzJiZmdW5jdGlvbihjKXtqUXVlcnkoImF1ZGlvLm1lanMsdmlkZW8ubWVqcyIpLm5vdCgiLmRvbmUsLm1lanNfX3BsYXllciIpLmVhY2goZnVuY3Rpb24oKXtmdW5jdGlvbiBiKCl7dmFyIGU9ITAsaDtmb3IoaCBpbiBkLmNzcylhLmNzc2xvYWQoZC5jc3NbaF0pO2Zvcih2YXIgZiBpbiBkLnBsdWdpbnMpInVuZGVmaW5lZCI9PQp0eXBlb2YgYS5wbHVnW2ZdPyhlPSExLGEucGx1Z1tmXT0hMSxqUXVlcnkuZ2V0U2NyaXB0KGQucGx1Z2luc1tmXSxmdW5jdGlvbigpe2EucGx1Z1tmXT0hMDtiKCl9KSk6MD09YS5wbHVnW2ZdJiYoZT0hMSk7ZSYmalF1ZXJ5KCIjIitjKS5tZWRpYWVsZW1lbnRwbGF5ZXIoalF1ZXJ5LmV4dGVuZChkLm9wdGlvbnMse3N1Y2Nlc3M6ZnVuY3Rpb24oYSxjKXtmdW5jdGlvbiBiKCl7dmFyIGI9alF1ZXJ5KGEpLmNsb3Nlc3QoIi5tZWpzX19pbm5lciIpO2EucGF1c2VkPyhiLmFkZENsYXNzKCJwYXVzaW5nIiksc2V0VGltZW91dChmdW5jdGlvbigpe2IuZmlsdGVyKCIucGF1c2luZyIpLnJlbW92ZUNsYXNzKCJwbGF5aW5nIikucmVtb3ZlQ2xhc3MoInBhdXNpbmciKS5hZGRDbGFzcygicGF1c2VkIil9LDEwMCkpOmIucmVtb3ZlQ2xhc3MoInBhdXNlZCIpLnJlbW92ZUNsYXNzKCJwYXVzaW5nIikuYWRkQ2xhc3MoInBsYXlpbmciKX1iKCk7YS5hZGRFdmVudExpc3RlbmVyKCJwbGF5IixiLCExKTsKYS5hZGRFdmVudExpc3RlbmVyKCJwbGF5aW5nIixiLCExKTthLmFkZEV2ZW50TGlzdGVuZXIoInBhdXNlIixiLCExKTthLmFkZEV2ZW50TGlzdGVuZXIoInBhdXNlZCIsYiwhMSk7Zy5hdHRyKCJhdXRvcGxheSIpJiZhLnBsYXkoKX19KSl9dmFyIGc9alF1ZXJ5KHRoaXMpLmFkZENsYXNzKCJkb25lIiksYzsoYz1nLmF0dHIoImlkIikpfHwoYz0ibWVqcy0iK2cuYXR0cigiZGF0YS1pZCIpKyItIithLmMrKyxnLmF0dHIoImlkIixjKSk7dmFyIGQ9e29wdGlvbnM6e30scGx1Z2luczp7fSxjc3M6W119LGUsaDtmb3IoZSBpbiBkKWlmKGg9Zy5hdHRyKCJkYXRhLW1lanMiK2UpKWRbZV09alF1ZXJ5LnBhcnNlSlNPTihoKTtiKCl9KX0oalF1ZXJ5KX0pO2EuZ3N8fCgidW5kZWZpbmVkIiE9PXR5cGVvZiBtZWpzY3NzJiZhLmNzc2xvYWQobWVqc2NzcyksYS5ncz1qUXVlcnkuZ2V0U2NyaXB0KG1lanNwYXRoLGZ1bmN0aW9uKCl7YS5ncz0hMDthLmluaXQoKTtqUXVlcnkoYS5pbml0KTtvbkFqYXhMb2FkKGEuaW5pdCl9KSl9KSgpOy8qXV0+Ki88L3NjcmlwdD4=&#034;&gt;&lt;/div&gt; &lt;/figure&gt;
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&lt;p&gt; &lt;/p&gt;
&lt;h2 class=&#034;spip&#034;&gt;25. Die Salatgeschichte marschiert vorw&#228;rts&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Schon als wir den Kaiser betreten, droht meine Stimmung zu kippen. Da hat doch jemand auf den Aushang geschrieben: &#8222;Heute bieten wir ihnen:&#8220; &#8211; und &#8222;Ihnen&#8220; also klein geschrieben. Ich habe vor dem Lokal das Tagesangebot nur &#252;berflogen und gleich f&#252;nf oder noch mehr Rechtschreibfehler festgestellt. Ist denn die deutsche Sprache wirklich so bedroht?&lt;br class='autobr' /&gt;
Wir stehen im Speisesaal, noch mit Kronleuchter, die W&#228;nde holzverkleidet, frische Blumen auf den massiven, vielleicht noch eichenen Tischen, gem&#252;tlich immer noch, nur dass die G&#228;ste fehlen. Wir m&#252;ssen uns entscheiden, wo wir sitzen. Einige Tische sind so gestellt, dass einer von zwei G&#228;sten, wenn man sich gegen&#252;bersitzen will, die Wand anstarren muss. Andere Tische f&#252;r zwei Personen sind wohl eher als Beistelltische gedacht, so eng sitzt man daran. Es sind auch keine Holztische.&lt;br class='autobr' /&gt;
Meine Frau zeigt auf einen Platz am Fenster, als auch schon der Kellner neben uns steht. Wie mich das reizt! Warum muss er sich zu uns stellen und uns zu einer Entscheidung dr&#228;ngen, wo doch kaum ein Tisch besetzt ist? Soll er doch uns die Freiheit des Handelns &#252;berlassen!&lt;br class='autobr' /&gt;
Und ist der Kellner eigentlich Deutscher, frage ich mich. Immerhin haben wir uns f&#252;r ein Lokal mit gutb&#252;rgerlicher K&#252;che entschieden, um eben mal nicht Pizza, Falafel oder Sushi zu essen &#8211; wobei das f&#252;r mich sowieso nicht in Frage k&#228;me. Irgendwie kann der Kellner mit seinen schwarzen Haaren und seinem Akzent doch kein Deutscher sein. In der gesamten Gastronomie trifft man kaum noch deutsche Kellner, da die Deutschen anscheinend zu fein f&#252;r eine solche Arbeit geworden sind. Hat das jetzt auch den Kaiser betroffen, frage ich mich. Dann w&#228;re ja wirklich bald Schluss mit der deutschen K&#252;che.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich beschlie&#223;e, dass wir uns an einen Tisch in der Mitte setzen.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Bitte, gern, wie Sie w&#252;nschen&#8220;, sagt der Kellner und sieht meine Frau seltsam an, die mal wieder die Schultern hochzieht.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich wei&#223; nicht, warum sich die Leute dagegen str&#228;uben, in der Mitte eines Raums zu sitzen. Von da hat man nicht nur die beste &#220;bersicht, sondern wird auch am besten gesehen. Da kommt der Kellner nicht so leicht an einem vorbei, wenn man bestellen oder auch nur den Teller ersetzt haben will.&lt;br class='autobr' /&gt;
Auch an diesem Platz ist der Kellner sofort an unserem Tisch, kaum dass ich die Speisekarte zugeklappt habe. Ich schlucke aber den &#196;rger hinunter, so viel Druck ausgesetzt zu sein und hier fast gen&#246;tigt zu werden. Schlie&#223;lich habe ich Hunger.&lt;br class='autobr' /&gt;
Als sich auch meine Frau unter diesem Druck schnell entschieden hat, weise ich den Kellner dezent auf die wirklich schweren Rechtschreibfehler auf der Speisekarte hin. Ich will da nur hilfsbereit sein, weil doch schon der &#228;u&#223;ere Eindruck z&#228;hlt. Wer geht denn in einem Restaurant, einem deutschen, wieder essen, wenn schon die Speisen nicht richtig geschrieben sind?&lt;br class='autobr' /&gt;
Der Kellner h&#246;rt sich das zwar an, aber ich habe nicht das Gef&#252;hl, dass er meine Hilfe anzunehmen bereit w&#228;re. Er k&#246;nnte sich ja auf der Karte Notizen machen. Er hat ja einen Stift dabei.&lt;br class='autobr' /&gt;
Aber er h&#246;rt sich das nur l&#228;chelnd an und sagt h&#246;chstens mal: &#8222;Sie haben recht&#8220;, oder: &#8222;Das werden wir nat&#252;rlich &#228;ndern.&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
Auch hilft eine andere Methode von mir nicht weiter.&lt;br class='autobr' /&gt;
Als mich der Kellner fragt, ob ich auch einen Salat wolle, in wirklich gutem Deutsch, f&#252;hre ich die H&#228;nde an die Ohren, wackele damit und sage: &#8221;Bin ich denn ein Kaninchen?&#8221;&lt;br class='autobr' /&gt;
Der Kellner versteht nicht, grinst aber pflichtbewusst.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich sage: &#8222;Er ist kein Kaninchen, muss es von mir hei&#223;en, isst also auch keines &#8211;&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
Der Kellner sieht mich geradezu verst&#228;ndnislos an, und ich gebe es auf, mich mit ihm unterhalten zu wollen. Meine Frau ist mir hier sowieso keine Hilfe. Sie sieht eher den Kellner als mich unterst&#252;tzend an.&lt;br class='autobr' /&gt;
Auf jeden Fall hilft mir auch dieser Versuch nicht bei der Frage, woher der Kellner wohl kommt. Vielleicht stammt er ja urspr&#252;nglich aus dem tiefsten Schwarzwald, wo die Leute eher klein und dunkelhaarig sind, und angesichts ihres nachdenklichen, sinnenden Wesens beim Sprechen kaum die Z&#228;hne auseinander bekommen, wobei sie dann immer noch nicht zu verstehen sind.&lt;br class='autobr' /&gt;
Immerhin werden wir &#252;berraschend schnell bedient. Weil das doch gut klappt, ist uns damit eigentlich die Grundlage f&#252;r ein Gespr&#228;ch geraubt. Das bedroht mir fast diesen Moment meines besonderen Tages.&lt;br class='autobr' /&gt;
Wir sitzen uns dann gegen&#252;ber, essend, trinkend, nichtssagend.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich wei&#223; nicht genau, was meine Frau dar&#252;ber denkt, was sie &lt;i&gt;genau&lt;/i&gt; dar&#252;ber denkt. So ganz normal ist es vielleicht nicht, sich beim Essen schweigend gegen&#252;ber zu sitzen, zumal wenn man daf&#252;r auch noch eine Menge Geld bezahlt, also f&#252;r Essen und ja, f&#252;r Bedienung, f&#252;r die nat&#252;rlich auch. Doch ich zumindest gerate immer wieder in diesen Sog der Leere. Fr&#252;her habe ich dagegen angek&#228;mpft, nicht in das Verstummen hineingerissen zu werden. Fast verzweifelt habe ich nach Themen gesucht, die uns &#252;ber Wasser halten k&#246;nnten. Aber manchmal kommt es mir vor, als w&#252;rde sich meine Frau eigentlich von Anfang an hilflos treiben lassen.&lt;br class='autobr' /&gt;
Gerade kommt einmal wieder der Kellner vorbei und fragt, ob alles recht sei.&lt;br class='autobr' /&gt;
Aber er ist in dieser Situation auch kein Rettungsring, nicht einmal eine dahintreibende Planke, an der man sich festhalten k&#246;nnte. Sein ganzer Eindruck ist eigentlich einer von Hochn&#228;sigkeit. Fast kommt es mir so vor, als w&#252;rde er den Sog sogar noch verst&#228;rken. Immerhin k&#246;nnte er doch ein Gespr&#228;ch anfangen, wenigstens Ans&#228;tze davon, und nicht nur immer seine H&#246;flichkeitsfloskeln von sich geben.&lt;br class='autobr' /&gt;
Mir brennt die Frage auf der Zunge, woher er kommt, also woher er wohl wirklich kommt. Denn irgendwie ist er in Deutschland aufgewachsen. Er macht beim Sprechen keine Fehler und betont auch nicht an den falschen Stellen.&lt;br class='autobr' /&gt;
Als er nach seiner Frage, an jedem Tag wohl hundertmal gesprochen, ob es schmecke, wieder geht, wird der Schweigestrudel nur noch st&#228;rker.&lt;br class='autobr' /&gt;
Eigentlich wollte ich meiner Frau noch mal genau auseinandersetzen, dass heute ein besonderer Tag werden soll. Und ich denke wieder daran, dass ja schon dieses Ereignis, endlich mal wieder essen zu gehen, dazugeh&#246;rt. Da sollte man das doch wortreich betonen. Sie k&#246;nnte ja auch mal fragen. Aber ihr Schweigen zieht an mir wie ein Tsunami auf dem Weg zur&#252;ck ins Meer.&lt;br class='autobr' /&gt;
Wiederum ist mir auch klar: Das Leben ist Wiederholung, und Wiederholung gibt Sicherheit. Und das Leben ist ein Kampf, den es zu bestehen gilt, und wenn das Leben dann abgeschlossen ist, hei&#223;t es in der Todesanzeige: Er hat den Kampf verloren. So bin ich auch auf &lt;i&gt;diesen&lt;/i&gt; Kampf immer vorbereitet, und ich habe auch daf&#252;r alle Waffen immer parat. Auch alle Finten denke ich immer mit. Vielleicht ist das auch ein Grund, &#252;berlege ich jetzt, warum es bei mir in einem Gespr&#228;ch wenig Spontanit&#228;t geben kann. Auch ich wirke also etwas an diesem Sog. Nur w&#228;re ich halt nie ein treibendes Boot, noch dazu ohne Riemen.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich kann meine Gedanken nicht wirklich ausdr&#252;cken, weil ich von einer Erfahrung gepr&#228;gt bin: In Worte gefasst, k&#246;nnen sie pl&#246;tzlich schutzlos dastehen und niedergestreckt werden. So gibt mir die Wiederholung Schutz. Wenn also wirklich einmal eine Situation entsteht, die schlecht zu kalkulieren ist, weil man etwa mit einer fremden Person Essen gegangen ist, und wenn dabei dann irgendwie gr&#252;ner Salat auf den Tisch kommt, sage ich: &#8222;Wenn meine Oma gr&#252;nen Salat gemacht hat, hat sie von dem nur die Spitzen genommen. Den Rest hat sie den H&#252;hnern &#252;berlassen.&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
Das bietet Gespr&#228;chsstoff und damit auch Sicherheit. Aber selbst in meiner Familie hat meine Frau schon lange keinen gr&#252;nen Salat mehr gemacht.&lt;br class='autobr' /&gt;
In einem Restaurant ist mir das meist die gr&#246;&#223;te Hilfe. Wenn da einer gr&#252;nen Salat bestellt, was ja immer anzunehmen ist, besonders heute, in diesen &#246;kologisch aufgeladenen Zeiten, dann sitze ich dort vielleicht mit meiner Schwiegertochter als fremder Person, was mich meistens verunsichert, schon weil sie kaum einmal Wein trinkt, geschweige ein Bier - und reagiere entsprechend auf den Salat, den sie bestellt.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich kann dann ausholen. Ich erz&#228;hle von der Landwirtschaft, von Gro&#223;bauern, von der Enteignung und Vertreibung durch die Kommunisten &#8211; und erst zum Schluss meiner Ausf&#252;hrung, ja eigentlich erst bei dem Satz &#8222;Wenn meine Oma ...&#8220;, sehe ich meine Schwiegertochter scharf an. So schaffe ich es mit meiner Salatgeschichte, die Aufmerksamkeit f&#252;nf Minuten lang auf mich zu ziehen, weil alle anderen, wenn andere mal dabei sind, gebannt zuh&#246;ren, auch wenn sie die Geschichte, wie meine Schwiegertochter, vielleicht schon mal geh&#246;rt hatten.&lt;br class='autobr' /&gt;
So habe ich wieder eine Schlacht gewonnen und nehme nach der Pointe erst einmal einen tiefen Schluck Bier. In diesem Kampf bleibe ich mit meinem einzigen Kameraden, meiner Frau, immer allein zur&#252;ck, weil auch die, die diese kleine humoristische Attacke vielleicht noch nicht gekannt haben sollten, am Ende mir gegen&#252;ber die Waffen gestreckt haben und schweigen. Ich hingegen habe den Abend gestaltet, habe mich zu Gr&#246;&#223;e aufgeschwungen, habe kein Scharm&#252;tzel verloren, habe einmal wieder auf der ganzen Linie gesiegt. So etwas wie die Salatgeschichte gibt mir alle Sicherheit, weil sie eben auch so sicher dasteht. Ich kann damit nicht verlieren. Jedes Wort an ihr ist geschliffen und auf seine Wirkung bedacht. Da bleibt kein Versteck f&#252;r einen Hinterhalt. Die Salatgeschichte marschiert vorw&#228;rts und nichts kann sie aufhalten. Ich bin meiner Oma manchmal regelrecht dankbar, dass sie so verschwenderisch mit dem Salat umgegangen ist. Bestimmt hatten auch ihre Eier den besten Geschmack. Aber da fehlte mir schlicht der Vergleich. &#214;ko waren sie bestimmt.&lt;br class='autobr' /&gt;
Nur hat meine Frau keinen gr&#252;nen Salat bestellt, einen Salatteller zwar, aber ausdr&#252;cklich ohne gr&#252;nen Salat. Eigentlich hat sie damit das Schweigen selbst gewollt. Sie selbst hat sich in ein Kanu gesetzt, das Halteseil gel&#246;st und sich der Str&#246;mung &#252;berlassen. Was soll ich da noch machen? Da bleibe ich hilflos am Ufer zur&#252;ck.&lt;/p&gt;
&lt;h2 class=&#034;spip&#034;&gt;26. Die Essensarbeit&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Wer mich je essen gesehen hat, wei&#223; eigentlich sofort, wie die deutsche K&#252;che beschaffen ist: Sie macht satt. Jedenfalls war das fr&#252;her so &#8211; hier und heute immerhin auch noch.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich habe kein Problem damit, zuzugeben, worum es mir beim Essen geht: Dass es satt macht. Muss ich das extra betonen? So weit ist es vielleicht gekommen in unserer verfeinerten Kultur, dass man so etwas Selbstverst&#228;ndliches kaum mehr aussprechen kann. Ich habe zwar die Speisekarte gelesen, habe versucht, mich nicht zu stark von den Rechtschreibfehlern ablenken zu lassen, bin die Gerichte hoch und runter durchgegangen: Gekr&#228;uterte Poularde, Lammfilet an Mandel und Pfifferlingen, Carpaccio mit Limonen-Vinaigrette ... Schlie&#223;lich habe ich doch Schnitzel mit Kartoffeln bestellt. Warum soll ich mich auf ein neues Gericht einlassen?&lt;br class='autobr' /&gt;
Meine Frau hat mal versucht, als Ben noch klein war, etwa Spargel mit Bechamel-So&#223;e zu servieren. Das hat sie aber schnell aufgegeben, als ich alle Zutaten bis auf die Kartoffeln zur Seite schob.&lt;br class='autobr' /&gt;
Was es mir beim Essen am unangenehmsten macht, ist die Arbeit dabei. Man muss das ja in sich hineinbekommen, wenn man satt werden will, also richtig satt, so dass der Teller leergegessen ist.&lt;br class='autobr' /&gt;
Jetzt steht mir wieder der Schwei&#223; auf der Stirn. Es ist eigentlich auch nicht zu &#252;berh&#246;ren, wie ich esse. Zwar folge ich nicht Luther, weil er mit seinem Spruch nat&#252;rlich polemisch war und sich damit ja auf die Folgen des Essens bezog, aber im Prinzip hatte er recht: Bei mir ist es eben nicht zu &#252;berh&#246;ren, wie ich esse. Weil die Essensarbeit meinen Pulsschlag in die H&#246;he treibt, muss ich schnell atmen, was ich aber mit dem Vorgang des schnellen Kauens schlecht in &#220;bereinstimmung bringen kann. So atme ich durch die Nase und setze zwischendurch immer wieder wie in Atemnot aus, wenn ich schlucke oder, wie meine Frau wieder sagen w&#252;rde, schlinge.&lt;br class='autobr' /&gt;
Gerade fl&#252;stere ich ihr noch einmal zu: &#8222;Woher wohl der Kellner kommt?&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
Doch sie guckt nur zur Decke, als w&#252;rde sie das gar nicht interessieren.&lt;br class='autobr' /&gt;
Weil sie sonst nichts sagt und nur in ihrem gro&#223;en Salat stochert, der haupts&#228;chlich aus mit Tomatenscheiben verziertem Kraut zu bestehen scheint, get&#252;ncht in eine vorfabrizierte So&#223;e aus dem Eimer, mache ich mir so meine Gedanken.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich brauche Fleisch. Es gibt mir Kraft. Gem&#252;se ist etwas irgendwie Verd&#228;chtiges, politisch links Stehendes, geradezu Subversives. Es sind immer dieselben, die das Gr&#252;nzeug proklamieren: Weltverbesserer, Umst&#252;rzler, Gr&#252;ne &#8211; obwohl ich den F&#252;hrer der Gr&#252;nen durchaus mag. Der denkt eigentlich richtig deutsch.&lt;br class='autobr' /&gt;
Leider verstehe ich vom Essen wenig &#8211; wobei &#8218;leider' hier wohl der unpassende Ausdruck ist. Ich bin halt nicht verz&#228;rtelt. Meine Frau hingegen &#8211; die ist eine gute K&#246;chin.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich sage ihr oft genug: &#8221;Wenn du eins kannst, dann ist das kochen!&#8221;&lt;br class='autobr' /&gt;
Dieser Satz ist mir richtig in Fleisch und Blut &#252;bergegangen. Habe ich ihn am Anfang mal ironisch betont, weil ich nat&#252;rlich nicht erwarten kann, dass meine Frau Chef de Cuisine w&#228;re?&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich wei&#223;, dass sie fr&#252;her deswegen immer entgegnete: &#8221;Das sagt man nicht. Das geht zu weit.&#8221;&lt;br class='autobr' /&gt;
Aber ich habe ihr das immer wieder gesagt, weil es nun mal stimmt, und ich hoffe, sie fasst diesen Satz als Kompliment auf. Denn so ist er ja gemeint.&lt;br class='autobr' /&gt;
Bleibt hier noch die Frage, warum ich eigentlich am liebsten Schweinefleisch esse. Meine Frau sagte mal, alle kannibalisch t&#228;tig Gewordenen meinten, dass Menschenfleisch so &#228;hnlich schmecke wie Schweinefleisch. Na und? Kann ich mir vorstellen. Es gibt bei mir durchaus eine Lust darauf. Dabei muss das Fleisch f&#252;r mich verarbeitet sein, sozusagen, in Form von Wurst zum Fr&#252;hst&#252;ck und Abendessen oder zum Mittagessen als Schnitzel paniert oder zum W&#252;rstchen gepresst. Als reine Form erscheint es immer nur Sonntags, wenn es Kassler gibt oder sogar mal Eisbein, das ja kaum noch jemand kennt. Schweinefleisch ist einfach etwas M&#228;nnliches. Sogar Rindfleisch hat ja etwas Schw&#228;chliches an sich, wenn man nur an die Gras fressenden K&#252;he denkt. Und Fisch, geschweige Schnecken und Muscheln und so etwas Widerliches? Das kommt nicht umsonst von den Franzosen, heute noch die ganzen Mittelmeerv&#246;lker eingeschlossen. Wie die Muslime das halten? Keine Ahnung. Die sind da bestimmt erst recht speziell.&lt;br class='autobr' /&gt;
Wie verschroben muss eigentlich ein ganzes Volk sein, das Muscheln, Schnecken und Fr&#246;sche isst, denke ich bei mir, als ich mir das letzte St&#252;ck Schnitzel in den Mund schiebe. Obwohl ich schnell gegessen habe, ist es schon fast kalt.&lt;br class='autobr' /&gt;
Als ich einen tiefen Zug von meinem Bier nehme, denke ich: Wenn ein Volk Schnecken noch zu einer Delikatesse hochstilisiert, wie v&#246;llig verweichlicht, dekadent, verzogen, ja, verweiblicht m&#252;ssen solche Leute dann sein. Ich stelle mir vor, wie so ein franz&#246;sischer Mann, wom&#246;glich noch mit seinem H&#252;ndchen auf dem Scho&#223;, ein Gabelchen mit spitzen Fingern in so ein Schneckenh&#228;uschen einf&#252;hrt. Bei dem Gedanken kaue ich noch einmal mit Lust mein letztes St&#252;ck Fleisch durch und sp&#252;le es mit dem letzten Schluck Bier hinunter. Hat eigentlich gut geschmeckt.&lt;/p&gt;
&lt;h2 class=&#034;spip&#034;&gt;27. Fast aus dem Hinterhalt &#252;berfallen&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Nachdem ich die Frage des Kellners &#252;ber mich ergehen lassen habe, ob wir noch einen Kaffee wollten, und ich stattdessen noch einen Schnaps bestellt habe, kommt der Moment, den ich, wie ich gestehen muss, immer irgendwie f&#252;rchte: Ich zahle. Hastig kippe ich den Schnaps hinunter, um auch so das Gef&#252;hl zu haben, alles ist abgeschlossen und nichts &#252;brig. Ich darf nun nicht abgelenkt sein. Wenn es ans Zahlen geht, komme ich immer in eine Zwickm&#252;hle.&lt;br class='autobr' /&gt;
Eigentlich m&#246;chte ich dem Personal trauen und die Rechnung, wie sich das anstandshalber geh&#246;rt, nicht kontrollieren. Man muss doch davon ausgehen, dass man wenigstens im Restaurant nicht &#252;bers Ohr gehauen wird. Gleichzeitig ist da aber dieser Kellner, der sich irgendwie nur als Deutscher verkleidet zu haben scheint, der sich schon so angepasst hat, dass man gar nicht mehr erkennt, wo er eigentlich herkommt. Wenn ich w&#252;sste, dass er ein Pole oder Ukrainer oder so etwas w&#228;re, w&#252;rde ich nat&#252;rlich sofort kontrollieren. Aber wenn der doch Deutscher ist? Wie sieht denn das aus, wenn man die Rechnung &#252;berpr&#252;ft? Als ob man nicht genug Geld h&#228;tte! Oder als ob man geizig w&#228;re!&lt;br class='autobr' /&gt;
So liegt die Rechnung eine ganze Weile auf dem Tisch, wie absichtlich unge&#246;ffnet, damit ich da nicht verstohlen hineinsehen k&#246;nnte. Endlich fasse ich mir ein Herz, nehme sie auf wie vielleicht einen toten Vogel, sehe meine Frau an und atme durch. Ich habe im Kopf immer wieder &#252;berschlagen, wieviel wir wohl bezahlen m&#252;ssten. Nun stelle ich erleichtert fest, dass die Summe in etwa stimmt.&lt;br class='autobr' /&gt;
Diese Erleichterung geht bei mir tief. Sie r&#252;hrt von dem Gef&#252;hl her, dass es doch noch so etwas wie Ehrlichkeit gibt und dass weiterhin meine Finanzen stimmen werden, meine Plus- und Minus-Rechnung. Ich bin nun durchaus bereit, gutes Trinkgeld zu geben.&lt;br class='autobr' /&gt;
Das ist aber ein weiterer aufregender Augenblick bei diesem Prozess des Bezahlens. Die entscheidende Frage lautet: Was ist ein angemessenes Trinkgeld? Immer wieder kann man lesen, es sollte um die zehn Prozent betragen. Dabei ist zehn Prozent doch ordentlich. Acht Prozent w&#228;re eigentlich auch angemessen, denke ich mir und versuche auszurechnen, welchen Gesamtbetrag das erg&#228;be und ob wir damit im Plus oder Minus w&#228;ren. Danach rechne ich auch sieben Prozent durch.&lt;br class='autobr' /&gt;
Auf einmal kommt der Kellner zum Kassieren, das hei&#223;t, er stellt sich unauff&#228;llig in den Hintergrund. Sofort f&#252;hlt ich mich unter Druck und die Zahlen wirbeln mir pl&#246;tzlich durch den Kopf. Wem w&#252;rde das nicht so gehen? Das geh&#246;rt doch wahrscheinlich auch wieder zu so einer Strategie, den Kunden zu &#252;berrumpeln, h&#246;flich, immer h&#246;flich.&lt;br class='autobr' /&gt;
Mit einem Tonfall von Verachtung nenne ich dem Kellner eine Zahl und sinke schwer in meinem Stuhl zusammen. Im Grunde ist dieser Moment des Tages f&#252;r mich verdorben. Denn ich muss feststellen, dass ich in der Eile, die doch der Kellner verursacht hat, fast elf Prozent Trinkgeld gegeben habe, womit ich beim Posten 'Essengehen' nun ordentlich im Minus bin.&lt;br class='autobr' /&gt;
Als ich die Restaurantt&#252;r mit viel Druck schlie&#223;e, sage ich meiner Frau: &#8222;Eigentlich hat mich der Kellner fast aus dem Hinterhalt &#252;berfallen. Der ist bestimmt auch kein Deutscher. Man kann eben nicht vorsichtig genug sein.&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Aber man muss auch mal was wagen&#8220;, erwidert meine Frau irgendwie nachdenklich und f&#252;gt noch schnell an: &#8222;Was f&#252;r ein sch&#246;ner Tag eigentlich.&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Du hast so recht&#8220;, sage ich, &#8222;so recht.&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
Denn sie ist es nun, die mich wieder auf die Spur meines Tages zur&#252;ckbringt, und ich wiederhole l&#228;chelnd: &#8222;Man muss auch mal was wagen.&#8220;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&#169; Andreas Venzke&lt;/p&gt;&lt;/div&gt;
		
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	</item>
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		<title>Kap. V-VII: &#034;Live&#034; [Ben spricht]</title>
		<link>https://andreas-venzke.de/wilkes-tag/text-und-horproben/article/kap-v-vii-live-mitschnitt-ben-spricht</link>
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		<dc:date>2020-04-06T17:23:41Z</dc:date>
		<dc:format>text/html</dc:format>
		<dc:language>de</dc:language>
		<dc:creator>Andreas Venzke</dc:creator>



		<description>
&lt;p&gt;Andreas Venzke: Wilkes Tag &lt;br class='autobr' /&gt;
Hier zum Anh&#246;ren und als Download &lt;br class='autobr' /&gt;
V. Das Prinzip der Achtsamkeit &lt;br class='autobr' /&gt;
Ich habe bei den Treffen mit ihr gleich am Anfang immer die schwierigste Situation zu meistern. Es geht darum, ohne viel Aufhebens im Hotel ein Zimmer zu bekommen. Ich kl&#228;re das zwar immer vorher ab, aber trotzdem muss man ja so einen Meldeschein ausf&#252;llen. Ich habe mir da in der Zwischenzeit gleich zwei Alias-Namen zugelegt und vertraue darauf, dass der Portier nicht meinen Perso sehen will. (&#8230;)&lt;/p&gt;


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&lt;a href="https://andreas-venzke.de/wilkes-tag/text-und-horproben/" rel="directory"&gt;Text- und H&#246;rproben&lt;/a&gt;


		</description>


 <content:encoded>&lt;img src='https://andreas-venzke.de/sites/venzke/local/cache-vignettes/L101xH150/arton76-8b0c9.jpg?1678904499' class='spip_logo spip_logo_right' width='101' height='150' alt=&#034;&#034; /&gt;
		&lt;div class='rss_texte'&gt;&lt;h2 class=&#034;spip&#034;&gt;&lt;strong&gt;Andreas Venzke: Wilkes Tag&lt;/strong&gt;&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt; &lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Hier zum Anh&#246;ren &lt;a href='https://andreas-venzke.de/sites/venzke/IMG/mp3/wilkes-tag_v-vii.mp3' class=&#034;spip_in&#034; type='audio/mpeg'&gt;und als Download&lt;/a&gt;&lt;/p&gt;
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&lt;figcaption class='spip_doc_legende'&gt; &lt;div class='spip_doc_credits crayon document-credits-137 '&gt;Andreas Venzke/Wilkes Tag (2020)
&lt;/div&gt;
&lt;/figcaption&gt;&lt;div class=&#034;base64javascript199955709969de2c7a09ff47.80055071&#034; title=&#034;PHNjcmlwdD4gdmFyIG1lanNwYXRoPSdwbHVnaW5zLWRpc3QvbWVkaWFzL2xpYi9tZWpzL21lZGlhZWxlbWVudC1hbmQtcGxheWVyLm1pbi5qcz8xNjc4ODk1MzM0JyxtZWpzY3NzPSdwbHVnaW5zLWRpc3QvbWVkaWFzL2xpYi9tZWpzL21lZGlhZWxlbWVudHBsYXllci5taW4uY3NzPzE2Nzg4OTUzMzMnOwp2YXIgbWVqc2xvYWRlcjsKKGZ1bmN0aW9uKCl7dmFyIGE9bWVqc2xvYWRlcjsidW5kZWZpbmVkIj09dHlwZW9mIGEmJihtZWpzbG9hZGVyPWE9e2dzOm51bGwscGx1Zzp7fSxjc3M6e30saW5pdDpudWxsLGM6MCxjc3Nsb2FkOm51bGx9KTthLmluaXR8fChhLmNzc2xvYWQ9ZnVuY3Rpb24oYyl7aWYoInVuZGVmaW5lZCI9PXR5cGVvZiBhLmNzc1tjXSl7YS5jc3NbY109ITA7dmFyIGI9ZG9jdW1lbnQuY3JlYXRlRWxlbWVudCgibGluayIpO2IuaHJlZj1jO2IucmVsPSJzdHlsZXNoZWV0IjtiLnR5cGU9InRleHQvY3NzIjtkb2N1bWVudC5nZXRFbGVtZW50c0J5VGFnTmFtZSgiaGVhZCIpWzBdLmFwcGVuZENoaWxkKGIpfX0sYS5pbml0PWZ1bmN0aW9uKCl7ITA9PT1hLmdzJiZmdW5jdGlvbihjKXtqUXVlcnkoImF1ZGlvLm1lanMsdmlkZW8ubWVqcyIpLm5vdCgiLmRvbmUsLm1lanNfX3BsYXllciIpLmVhY2goZnVuY3Rpb24oKXtmdW5jdGlvbiBiKCl7dmFyIGU9ITAsaDtmb3IoaCBpbiBkLmNzcylhLmNzc2xvYWQoZC5jc3NbaF0pO2Zvcih2YXIgZiBpbiBkLnBsdWdpbnMpInVuZGVmaW5lZCI9PQp0eXBlb2YgYS5wbHVnW2ZdPyhlPSExLGEucGx1Z1tmXT0hMSxqUXVlcnkuZ2V0U2NyaXB0KGQucGx1Z2luc1tmXSxmdW5jdGlvbigpe2EucGx1Z1tmXT0hMDtiKCl9KSk6MD09YS5wbHVnW2ZdJiYoZT0hMSk7ZSYmalF1ZXJ5KCIjIitjKS5tZWRpYWVsZW1lbnRwbGF5ZXIoalF1ZXJ5LmV4dGVuZChkLm9wdGlvbnMse3N1Y2Nlc3M6ZnVuY3Rpb24oYSxjKXtmdW5jdGlvbiBiKCl7dmFyIGI9alF1ZXJ5KGEpLmNsb3Nlc3QoIi5tZWpzX19pbm5lciIpO2EucGF1c2VkPyhiLmFkZENsYXNzKCJwYXVzaW5nIiksc2V0VGltZW91dChmdW5jdGlvbigpe2IuZmlsdGVyKCIucGF1c2luZyIpLnJlbW92ZUNsYXNzKCJwbGF5aW5nIikucmVtb3ZlQ2xhc3MoInBhdXNpbmciKS5hZGRDbGFzcygicGF1c2VkIil9LDEwMCkpOmIucmVtb3ZlQ2xhc3MoInBhdXNlZCIpLnJlbW92ZUNsYXNzKCJwYXVzaW5nIikuYWRkQ2xhc3MoInBsYXlpbmciKX1iKCk7YS5hZGRFdmVudExpc3RlbmVyKCJwbGF5IixiLCExKTsKYS5hZGRFdmVudExpc3RlbmVyKCJwbGF5aW5nIixiLCExKTthLmFkZEV2ZW50TGlzdGVuZXIoInBhdXNlIixiLCExKTthLmFkZEV2ZW50TGlzdGVuZXIoInBhdXNlZCIsYiwhMSk7Zy5hdHRyKCJhdXRvcGxheSIpJiZhLnBsYXkoKX19KSl9dmFyIGc9alF1ZXJ5KHRoaXMpLmFkZENsYXNzKCJkb25lIiksYzsoYz1nLmF0dHIoImlkIikpfHwoYz0ibWVqcy0iK2cuYXR0cigiZGF0YS1pZCIpKyItIithLmMrKyxnLmF0dHIoImlkIixjKSk7dmFyIGQ9e29wdGlvbnM6e30scGx1Z2luczp7fSxjc3M6W119LGUsaDtmb3IoZSBpbiBkKWlmKGg9Zy5hdHRyKCJkYXRhLW1lanMiK2UpKWRbZV09alF1ZXJ5LnBhcnNlSlNPTihoKTtiKCl9KX0oalF1ZXJ5KX0pO2EuZ3N8fCgidW5kZWZpbmVkIiE9PXR5cGVvZiBtZWpzY3NzJiZhLmNzc2xvYWQobWVqc2NzcyksYS5ncz1qUXVlcnkuZ2V0U2NyaXB0KG1lanNwYXRoLGZ1bmN0aW9uKCl7YS5ncz0hMDthLmluaXQoKTtqUXVlcnkoYS5pbml0KTtvbkFqYXhMb2FkKGEuaW5pdCl9KSl9KSgpOzwvc2NyaXB0Pg==&#034;&gt;&lt;/div&gt; &lt;/figure&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt; &lt;/p&gt;
&lt;h2 class=&#034;spip&#034;&gt;V. Das Prinzip der Achtsamkeit&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Ich habe bei den Treffen mit ihr gleich am Anfang immer die schwierigste Situation zu meistern. Es geht darum, ohne viel Aufhebens im Hotel ein Zimmer zu bekommen. Ich kl&#228;re das zwar immer vorher ab, aber trotzdem muss man ja so einen Meldeschein ausf&#252;llen. Ich habe mir da in der Zwischenzeit gleich zwei Alias-Namen zugelegt und vertraue darauf, dass der Portier nicht meinen Perso sehen will. Den habe ich dann nat&#252;rlich vergessen, was eigentlich immer geht. Wenn ich einen &#228;lteren Herrn als Portier vor mir habe, atme ich sowieso schon durch. Die &#196;lteren haben nun mal Lebenserfahrung und wissen, was es bedeutet, wenn jemand ein Zimmer ohne Fr&#252;hst&#252;ck haben m&#246;chte, die Frau sich eigenartig versteckt im Hintergrund aufh&#228;lt und bar bezahlt wird.&lt;br class='autobr' /&gt;
Aber so ein Student wollte wirklich mal ausdr&#252;cklich meinen Personalausweis sehen. Er beharrte auf dem Gesetz und hatte so einen unglaublich ruhigen Ton, &#252;berheblich, eigentlich sp&#246;ttisch. Als ob er nicht auch gewusst h&#228;tte ... Da bin ich dann gegangen, zwar unter Protest, aber doch die Form wahrend, weil man in einem Versteck ja kein Gezeter anfangen sollte.&lt;br class='autobr' /&gt;
Wir sind zu einem anderen Hotel gefahren, was teurer war und auch eine Stunde Zeitverlust kostete, geschuldet diesem Studenten in seinem Ordnungswahn. Wie wachsen die Kinder heute nur auf, derart angepasst? Meine sollen jedenfalls nicht so werden.&lt;br class='autobr' /&gt;
Schon im Fahrstuhl kann ich mich kaum beherrschen und f&#252;hre ihre Hand zwischen meine Beine, damit sie meine Erregung sp&#252;rt. Sie h&#228;lt mich mal wieder lachend auf Abstand, als m&#252;sste ich um ihre Zuneigung ringen. Das erregt mich nat&#252;rlich um so mehr. Auf dem Zimmer gibt sie sich eigentlich immer schnell hin, nur k&#252;ssen &#8211; das mag sie irgendwie nicht. Am Anfang st&#246;rte mich das. Ich vermisse es aber nicht mehr, wenn ich stattdessen ihren K&#246;rper so ganz haben kann &#8211; nur f&#252;r mich, wie sie immer betont.&lt;br class='autobr' /&gt;
Wie um die Spannung noch zu steigern, zieht sie sich im Hotelzimmer zun&#228;chst um, steigt in ihr herrliches Neglig&#233;. Meinetwegen m&#252;sste das gar nicht sein, aber ich erkenne doch, dass es sozusagen zum Spiel geh&#246;rt. Ein Geschenk &#252;bergibt man ja auch h&#252;bsch verpackt.&lt;br class='autobr' /&gt;
Was zu diesem Spiel ihrerseits auch geh&#246;rt, ist ihre Klage, dass sie einfach nicht mit dem Geld auskomme. Sie zeigt mir manchmal sogar eine Rechnung, was etwa allein ihre neue Waschmaschine gekostet habe. In dem Fall habe ich mir zwar gedacht, es m&#252;sste ja nicht unbedingt eine Miele sein, zumal wenn sie bestimmt nicht mehr als alle zwei oder drei Tage mal w&#228;scht &#8211; aber ich behalte das f&#252;r mich und gebe ihr einen Teil dazu.&lt;br class='autobr' /&gt;
Nun darf ich sie schon im Arm halten und ihr Neglig&#233; &#246;ffnen. Wie ich es genie&#223;en kann, wenn sie mit ihren warmen, weichen H&#228;nden &#252;ber meinen K&#246;rper f&#228;hrt, so &#228;hnlich wie man ein Pferd lange und gr&#252;ndlich striegelt. Ich muss immer an dieses Bild denken, weil sie ja selbst reitet und auch daf&#252;r recht viel Geld braucht. Aber ich verstehe, was ihr dieses Hobby gibt, wenn sie merkt: Sie kann das Pferd wirklich beherrschen und ihrem Willen unterordnen. Das ist &#228;hnlich wie meine Arbeit als Chorleiter. Das Gef&#252;hl kann sogar berauschend sein, wenn ich merke, ich werde eins mit dem Chor. Au&#223;erdem gibt sie zu, wie sie das Reiten erregt. Sie beschreibt sogar, wie sie sich vorstellt, sie w&#252;rde nackt dahintraben, ohne Sattel.&lt;br class='autobr' /&gt;
Sie selbst streift mir das Kondom &#252;ber. Unglaublich, wie fingerfertig sie dabei ist. Sie kann das so schnell, dass dabei sozusagen alles im Fluss bleibt. Ich selbst versuche mich zu z&#252;geln, um den Genuss hinauszuz&#246;gern, den sie mir bereitet. Doch als sie selbst mich schon in sich aufnehmen will, klingelt pl&#246;tzlich mein Handy wieder.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich erschrecke, weil es sich dabei wieder nur um ein privates Gespr&#228;ch handeln kann. Wegen der Arbeit bin ich auf meinem Handy nicht zu erreichen.&lt;br class='autobr' /&gt;
Sie sieht mich fragend an. Es klingelt weiter. Da steigt sie von mir ab und reicht mir mein Handy, mit der Anzeige zu mir. Corinna ruft wieder an.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich kann nicht anders: Ich muss antworten. Sonst w&#228;re es zu auff&#228;llig. Ich halte zu &lt;i&gt;ihr&lt;/i&gt; gewandt einen Finger auf den Mund, nehme das Gespr&#228;ch an und sage: &#8222;Hallo Conni, was gibt's? Ich bin hier gerade im Laden.&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
&lt;i&gt;Sie&lt;/i&gt; steht auf und geht ins Badezimmer. Wie r&#252;cksichtsvoll sie sein kann, denke ich kurz und versuche, Corinna genau zuzuh&#246;ren. Jetzt kommt es drauf an.&lt;br class='autobr' /&gt;
Zum Gl&#252;ck kann mich so schnell nichts aus der Ruhe bringen. Da bin ich schon mal ganz anders als mein Vater. Wie der bei jeder Gelegenheit an die Decke gehen kann! In gewisser Weise beruhigt es mich zu merken, wie ich da anders gestimmt bin. Ich bin eher wie der Bass, der schon durch seine Stimmlage gar nicht anders kann, als ruhig zu schwingen. Wieviele T&#246;ne dagegen ein Tenor erreichen muss! Da k&#246;nnen einige noch in den dreigestrichenen Oktaven herumjodeln! Aber diesen Ausdruck nehme ich gleich zur&#252;ck. Es macht ja die Kunst des guten S&#228;ngers aus, auch noch in den hohen Lagen ohne Gewalt sauber zu intonieren, halt wie das Wasser, das man aussch&#252;ttet.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich versuche, mich an das Prinzip der Achtsamkeit zu halten und nicht einfach dahinzuplappern. Es kommt darauf an, den Anderen erst einmal ausreden zu lassen und genau zuzuh&#246;ren, was er sagt, also was sie jetzt sagt. Doch ich merke, dass Corinna eins bestimmt nicht ist: Ruhig! Sie h&#228;mmert mit einem Stakkato von Ausdr&#252;cken auf mich ein, angefangen bei Egoist und noch lange nicht endend bei Arschloch &#8211; als ich sie doch unterbreche und sage: &#8222;Ich bin ja bald zu Hause, Schatz, in h&#246;chstens einer Stunde, oder sogar einer dreiviertel Stunde!&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
Dann h&#246;re ich allerdings wirklich nicht mehr ganz genau zu, was sie mir noch sagt und immer wiederholt.&lt;br class='autobr' /&gt;
Dass sie so &#252;bertrieben ist, denke ich, dass Frauen manchmal so &#252;bertrieben sein m&#252;ssen! Ich verspreche ihr, dass ich dann direkt nach Hause fahre.&lt;br class='autobr' /&gt;
Was sie nur hat, &#252;berlege ich. Denkt sie sich irgendwas Bestimmtes, nur weil ich &lt;i&gt;einmal&lt;/i&gt; nicht im B&#252;ro war?&lt;br class='autobr' /&gt;
Auf jeden Fall hat sie wieder aufgelegt, und das beruhigt mich in gewisser Weise: So wird sie mich nicht gleich wieder anrufen. Ich denke, dass ich eigentlich wieder cool geblieben bin, was durchaus mit Lebenserfahrung zu tun hat. Ich strecke mich auf dem Bett aus.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; &lt;/p&gt;
&lt;h2 class=&#034;spip&#034;&gt;VI. Auf das Wesentliche beschr&#228;nken&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Ich bin gleich wieder voller Begierde. Fast kommt es mir so vor, als w&#228;re der Anruf von Corinna nur ein sozusagen retardierender Moment gewesen.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich schaue kurz auf die Flasche Champagner auf dem Nachttisch und &#252;berlege, ob wir den wohl noch aufmachen werden. Nach dem ersten Mal geh&#246;rt das eigentlich immer dazu. Aber ich wei&#223; nicht, ob daf&#252;r diesmal genug Zeit bleibt.&lt;br class='autobr' /&gt;
Sie kommt auch schon aus dem Badezimmer zur&#252;ck, verf&#252;hrerisch umh&#252;llt von ihrem Neglig&#233;, das bl&#252;tenwei&#223; ist, oder wei&#223; wie Schnee, jedenfalls unber&#252;hrt wei&#223;. Die Frauen wissen einfach, wie sie den Mann noch zus&#228;tzlich bet&#246;ren k&#246;nnen. Mache ich etwas Schmutziges? Nein, nat&#252;rlich nicht! Es geht doch um das Normalste der Welt. Trotzdem kann auch ich mich nicht dagegen wehren, dass es dieses Bild in der Vorstellung gibt: Auf der einen Seite etwas Reines, Wei&#223;es, Sauberes &#8211; auf der anderen Seite ... aber ich will das jetzt gedanklich nicht weiter ausf&#252;hren. Man muss sich doch auf das Wesentliche beschr&#228;nken. Auch beim Konzert merke ich, wie sch&#228;dlich es sein kann, nur den Anflug eines anderen Gedankens zuzulassen, der nicht auf das Werk bezogen w&#228;re. Das sp&#252;ren sie alle.&lt;br class='autobr' /&gt;
Einmal habe ich kurz daran gedacht, dass sich der Falkensteiner vom Tenor die Haare gegelt hat, als k&#246;nnte er damit seine beginnende Glatze kaschieren. Ergebnis war, dass der Sopran mal wieder auf der Eins einstieg, und nicht auf der Eins und, wie wir das doch immer wieder ge&#252;bt hatten. Wahrscheinlich kam mein Einsatz wegen Falkensteiners gegelter Haare einen Tick zu sp&#228;t.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich breite die Arme aus, um sie zu mir einzuladen. Ich zeige ihr meine Erregung und stelle mir vor, wie sie nun einfach auf mich steigt, um ... Aber sie setzt sich nur wie spielerisch auf die Bettkante und dreht den Kopf zu mir. Sie hat die Beine &#252;bereinandergeschlagen. &lt;br class='autobr' /&gt;
Was ist nur mit ihr? Sie ist doch sonst immer gleich hei&#223; auf mich, &#252;berlege ich. Es ist, als w&#252;rde sie sich von mir abwenden.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Was ist?&#8220;, frage ich vorsichtig.&lt;br class='autobr' /&gt;
Sie zieht nur die Schultern hoch und bleibt sitzen.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Komm doch zu mir!&#8220;, sage ich und versuche, Kraft in meine Stimme zu legen und sie von tief unten klingen zu lassen.&lt;br class='autobr' /&gt;
Doch sie sch&#252;ttelt nur leicht den Kopf und schaut nach vorn.&lt;br class='autobr' /&gt;
Irgendwie werde ich nun &#228;rgerlich. Ich habe mir extra dieses Kondom &#252;berziehen lassen, weil sie das ja immer will. Zwar nimmt sie die Pille, sagt aber trotzdem: Sicher ist sicher. Ich habe das immer f&#252;r reichlich &#252;bertrieben gehalten, wie Frauen so sein k&#246;nnen. Aber deswegen will ich als Mann mich nicht beschweren. Wenn etwas schief geht, sind es die Frauen, die das Problem an der Backe haben.&lt;br class='autobr' /&gt;
Zum ersten Mal d&#228;mmert in mir der Gedanke, dass sie vielleicht eine andere Sicherheit meinen k&#246;nnte. Aber k&#246;nnte sie annehmen, dass ich noch was mit anderen Frauen h&#228;tte, von Conni mal abgesehen? Mich bringt das jetzt erst recht durcheinander, und zwar so sehr, dass ich dieses bl&#246;de Kondom abstreife, obwohl das ja zwei Euro pro St&#252;ck kostet. Denn &lt;i&gt;ich&lt;/i&gt; kaufe die, und ich achte auf Qualit&#228;t. Ich nehme die feinsten, die das meiste Gef&#252;hl versprechen. Da sollte man am falschen Ende nicht sparen.&lt;br class='autobr' /&gt;
Als ob beim Konzert der Notenst&#228;nder pl&#246;tzlich umkippen w&#252;rde, so empfinde ich gerade den Anruf meiner Frau &#8211; und &lt;i&gt;ihr&lt;/i&gt; Verhalten. Sie zieht ihr Neglig&#233; zu, und ich kann ihre sch&#246;ne Brust nicht mehr sehen. Mehr muss ich dazu gar nicht sagen.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Was wollte deine Frau denn?&#8220;, fragt sie mich.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Na, was schon!&#8220;, gebe ich zur&#252;ck. &#8222;Gucken, wo ich bin! Mich kontrollieren. Weil ich einmal nicht in meinem B&#252;ro zu erreichen war.&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Ich meine&#8220;, sagt sie, dreht den Kopf wieder zu mir und sieht mich richtig streng an, w&#228;hrend sie an ihrem Neglig&#233; obenherum einen Knopf zumacht, &#8222;was wollte sie denn genau?&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich schaue sie verst&#228;ndnislos an und merke, wie mein Puls ansteigt. Ich glaube zwar nicht an &#220;bersinnliches, aber an Gef&#252;hle durchaus, und auch an so etwas wie eine Eingebung, oder ein Gesp&#252;r f&#252;r Gefahren ... so wie neulich der Falkensteiner, mein wichtigster Tenor, pl&#246;tzlich zu mir sagte, er k&#246;nne so nicht weiterarbeiten. Ich k&#246;nne ihn bei seinem Solo nicht immer wieder unterbrechen, nur weil mir ein bestimmter Ton nicht passe.&lt;br class='autobr' /&gt;
Wenn er w&#252;sste, wie ich wirklich &#252;ber ihn denke: Eingebildeter Lackaffe! Wie er sich in Positur wirft wie ein Pfau, damit alle Hennen zu ihm hinziehen! Manchmal liegt bei ihm nicht nur ein Ton verkehrt, sondern eine ganze Reihe von T&#246;nen, weil er in die Melodielinie f&#228;llt.&lt;br class='autobr' /&gt;
Jedenfalls war ich da pl&#246;tzlich sehr wach und sehr konzentriert und habe dann vor allen das Gespr&#228;ch mit dem Falkensteiner gesucht. Dabei war ich explizit h&#246;flich, verst&#228;ndnisvoll, sogar dem&#252;tig, damit alle sehen und wahrlich erfahren konnten, wie ich eigentlich bin. Dieser Tenor darf mir nicht verloren gehen.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich &#252;berlege weiter und sage nichts. Unter der Bettdecke rolle ich mit den Fingern das Kondom zusammen.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Was hat sie denn genau gesagt?&#8220;, fragt sie weiter und macht umst&#228;ndlich noch einen Knopf zu.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Dass ich nach Hause komme und dass ich ja daran denke&#8220;, antworte ich sofort und schaue verst&#246;rt auf ihr Neglig&#233;.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Dass du woran denkst?&#8220;, fragt sie und dreht sich pl&#246;tzlich ganz zu mir.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Na, dass ich nach Hause komme&#8220;, antworte ich gereizt. &#8222;Mache ich ja auch.&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Nein, du Trottel&#8220;, ruft sie da und springt pl&#246;tzlich auf. &#8222;&#220;berleg doch mal! Woran sollst du denken? Du hast irgendwas vergessen. Sonst w&#252;rde sie doch nicht schon wieder anrufen.&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
Du Trottel, wiederhole ich innerlich und schmei&#223;e das Kondom zur Wand. Doch &#246;ffnet es sich im Flug und bleibt an der Bettkante h&#228;ngen, wie zur weiteren Untersuchung bestimmt.&lt;br class='autobr' /&gt;
Als sie kurz auflacht, f&#228;llt es mir ein: Die Untersuchung! Ultraschall! Heute! Um zw&#246;lf der Termin!&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Ich Trottel!&#8220;, schreie ich und springe aus dem Bett.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ohne dass ich noch weiter etwas sage, wirft sie mir meine Klamotten zu.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Ich habe einen Termin&#8220;, rufe ich mit ganz hoher Stimme. &#8222;&lt;i&gt;Wir&lt;/i&gt; haben einen Termin.&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Ich verstehe&#8220;, sagt sie nur und zieht sich ebenfalls an. Das Neglig&#233; wirft sie auf einen Stuhl wie ein Bauarbeiter, der seine verdreckte Arbeitskluft auszieht.&lt;br class='autobr' /&gt;
Der Champagner bleibt unge&#246;ffnet stehen. Schade drum!&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; &lt;/p&gt;
&lt;h2 class=&#034;spip&#034;&gt;VII. Ziemlich schnell unterwegs&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Ich muss mich jetzt sputen, um rechtzeitig bei Conni zu sein. Wie konnte ich Trottel nur den Termin mit dem Ultraschall vergessen? Wer wei&#223;, was dabei herauskommt! Wenn ich daran denke, war es beim letzten Mal eigentlich richtig geil mit Conni. Sie war so voller Hingabe. Ich wei&#223; noch, ich musste dabei an eine L&#246;win denken, wenn die sich besteigen l&#228;sst, und die daf&#252;r ihren ganzen K&#246;rper geschmeidig macht, damit der L&#246;we sie gut nehmen kann &#8211; und wie sich die L&#246;win anschlie&#223;end streckt und herumw&#228;lzt, als m&#252;sste sie das aufgenommene Sperma noch in sich verteilen! Es w&#252;rde mich also nicht wundern, wenn es heute eine besondere Nachricht g&#228;be, wenn wir zum Krankenhaus fahren. Ich werde rechtzeitig zu Hause sein.&lt;br class='autobr' /&gt;
Auf dem Rad brauche ich noch f&#252;nfzehn Minuten bis zu unserer Wohnung. Es gibt diesen Mammutbaum rechts am Weg, von dem ab ich schon oft genug die Zeit gestoppt habe. Nicht dass ich das bewusst machen w&#252;rde! Es ist nur so eine Art Zeitvertreib, dass man sich die Strecke einteilt, wie man sich ja auch durch eine Partitur arbeitet. Man kennt da jede einzelne Pause, jedes Wiederholungszeichen, nat&#252;rlich jeden Tonart- oder Rhythmuswechsel. Man braucht die Abwechslung, wenn man immer wieder auf das N&#228;mliche st&#246;&#223;t. Das ist mit meiner Frau auch nicht anders. Ich liebe sie, aber viel Abwechslung kann es nach so vielen Jahren Beziehung nicht mehr geben.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich trete gerade mal wieder in die Pedale, weil ich es von diesem wilhelminischen Haus, das noch gemalte Fensterscheiben hat, schon unter zw&#246;lf Minuten geschafft habe. Da st&#246;&#223;t pl&#246;tzlich eine Autofahrerin die Wagent&#252;r auf. Ich rei&#223;e den Lenker herum und schaffe es wirklich um Haaresbreite, nicht in die T&#252;r zu fahren, doch kann ich das Gleichgewicht nicht mehr halten und schlage auf dem rechten Bein auf. Ich h&#246;re, wie es irgendwie knackt.&lt;br class='autobr' /&gt;
Die Frau kommt zu mir, fast gem&#228;chlich, und sagt nur leise: &#8222;Was ist Ihnen denn passiert?&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Was mir passiert ist, du dumme Sau!&#8220;, schreie ich und erkenne mich gar nicht wieder. Sonst lege ich eigentlich sehr viel Wert auf die H&#246;flichkeitsform. &#8222;Du hast die T&#252;r aufgemacht, ohne nach hinten zu gucken!&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Oh, das tut mir leid&#8220;, sagt sie und h&#228;lt sich die Hand vor den Mund. &#8222;Sie waren aber auch ziemlich schnell unterwegs.&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Was hat das damit zu tun, olle Zippe!&#8220;, schreie ich und verstehe gar nicht, welche Worte mir pl&#246;tzlich in den Mund kommen. Sonst bin ich immer beherrscht, sogar meinem Vater gegen&#252;ber.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Nun ja&#8220;, sagt sie und nimmt eigenartig l&#228;ssig den Kopf zur&#252;ck, &#8222;am besten rufen wir die Polizei und lassen das den Anwalt regeln.&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Den Anwalt regeln!&#8220;, schreie ich wieder. &#8222;F&#228;llt dir dazu mehr nicht ein, wenn du mir hier gerade das Bein zertr&#252;mmert hast?&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
Sie antwortet nun gar nicht mehr, sch&#252;ttelt nur leicht den Kopf und nimmt ruhig ihr Handy.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich kann mich kaum beherrschen und will aufspringen und ihr das aus der Hand schlagen. Hat sie gar kein Mitgef&#252;hl?&lt;br class='autobr' /&gt;
Aber ich knicke regelrecht ein, als w&#252;rde beim &#220;bergang zum Falsett die Stimme versagen.&lt;br class='autobr' /&gt;
Durchatmend sage ich mir: Ruhig! Ganz ruhig bleiben! Achtsamkeit!&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich setze mich auf den Hosenboden, reibe mir das Knie und greife wie instinktiv nach meinem Handy. Es ist einmal in der Mitte durchgebrochen, als h&#228;tte es jemand &#252;ber der Tischkante abgenickt. Ich starre darauf wie auf ein unlesbares Notenblatt, und ich denke daran, wo ich mich &#252;berhaupt befinde: An einer Stelle, die ganz woanders liegt als auf dem Weg zu meinem B&#252;ro oder zu dem Musikhaus.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich schaue hoch zu der Frau. Sie spricht an ihrem Handy, als w&#252;rde sie sich nur ruhig mit ihrer besten Freundin austauschen. Sie geht zu ihrem Auto und schaut sich die offene Fahrert&#252;r an, wohl auf Anweisung desjenigen, mit dem sie spricht. Einmal schaut sie auch zu mir herunter. Dabei zieht sie nur die Augenbrauen hoch, fast so wie ein Musiklehrer, der schon bei den ersten T&#246;nen merkt, dass der, der vorsingt, nichts von Musik versteht. Sie wirft mit einer kaum merklichen Bewegung des Ellenbogens die Autot&#252;r zu.&lt;br class='autobr' /&gt;
Pl&#246;tzlich kommt mir der Gedanke, dass diese Frau eigentlich sehr verf&#252;hrerisch aussieht. Sie tr&#228;gt eine offene Bluse und eindeutig keinen BH.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich komme mir auf einmal schmutzig vor.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&#169; Andreas Venzke&lt;/p&gt;&lt;/div&gt;
		
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		<title>Kap. 1-5, I-IV, 6-10</title>
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		<dc:date>2020-03-30T21:26:49Z</dc:date>
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		<dc:language>de</dc:language>
		<dc:creator>Andreas Venzke</dc:creator>



		<description>
&lt;p&gt;Andreas Venzke: Wilkes Tag &lt;br class='autobr' /&gt;
Hier zum E-Book-Download &lt;br class='autobr' /&gt;
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als mobi-Dokument f&#252;r Kindle- und Kobo-Ger&#228;te &lt;br class='autobr' /&gt;
Hier zum Anh&#246;ren und als Download &lt;br class='autobr' /&gt;
1. Irgendwas mit Voice over IP &lt;br class='autobr' /&gt;
Ich, Wilke, &#252;berlege: &#8222;Willke&#8220; hat der da gestern zu mir gesagt! So einer, der bestimmt in den Tag hineinlebt, sich nur treiben l&#228;sst, sich keinen einzigen eigenen Gedanken macht. Ich habe ihn sofort korrigiert, sofort! Aber der wiederholte das am Telefon (&#8230;)&lt;/p&gt;


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&lt;a href="https://andreas-venzke.de/wilkes-tag/text-und-horproben/" rel="directory"&gt;Text- und H&#246;rproben&lt;/a&gt;


		</description>


 <content:encoded>&lt;div class='rss_texte'&gt;&lt;h2 class=&#034;spip&#034;&gt;&lt;strong&gt;Andreas Venzke: Wilkes Tag&lt;/strong&gt;&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Hier zum E-Book-Download&lt;/p&gt;
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&lt;figcaption class='spip_doc_legende'&gt; &lt;div class='spip_doc_credits crayon document-credits-132 '&gt;Andreas Venzke/Wilkes Tag (2020)
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&lt;/div&gt;
&lt;p&gt; &lt;/p&gt;
&lt;h2 class=&#034;spip&#034;&gt;1. Irgendwas mit Voice over IP&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Ich, Wilke, &#252;berlege: &#8222;Willke&#8220; hat der da gestern zu mir gesagt! So einer, der bestimmt in den Tag hineinlebt, sich nur treiben l&#228;sst, sich keinen einzigen eigenen Gedanken macht. Ich habe ihn sofort korrigiert, sofort! Aber der wiederholte das am Telefon noch ein paar Mal, als w&#228;re der begriffsstutzig.&lt;br class='autobr' /&gt;
F&#252;r die meisten pl&#228;tschert eben alles nur so dahin! Als k&#246;nnte man nicht ganz leicht mal ein paar Steine aufschichten und das Wasser umleiten. Man kann doch &lt;i&gt;selbst&lt;/i&gt; gestalten! Man kann doch auch mal zuh&#246;ren!&lt;br class='autobr' /&gt;
Dieser Anruf hat mich ziemlich besch&#228;ftigt. Sonst ruft ja kaum noch jemand an, also normal, am Telefon. Alle chatten nur noch, oder twittern oder ... na ja, whatsapp, das mache ich inzwischen auch. Als ob ich sowas &lt;i&gt;nicht&lt;/i&gt; k&#246;nnte!&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich hei&#223;e Wilke, f&#252;r den von gestern: Herr Wilke bittesch&#246;n, gesprochen &#8222;Wihlke&#8220;, und bestimmt nicht &#8222;Willke&#8220;, worauf ich Wert lege. &#8222;Willke&#8220; sagen meistens die, die sowieso kein Empfinden f&#252;r die deutsche Sprache haben. Ist so ein Telefonfritze nicht angehalten, gut zuzuh&#246;ren &#8211; wenn schon das Deutsch zu w&#252;nschen &#252;berl&#228;sst? Aber selbst nachdem ich noch einmal laut gesagt hatte, &#8222;Ick hei&#223;e Wilke&#8220;, hat der nur geantwortet: &#8222;Ich verstehe, Herr Willke.&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich habe es dann gesteckt, den noch einmal zu korrigieren. Bei dem hatte es einfach keinen Sinn, auf der richtigen Aussprache meines Namens zu bestehen. Man muss halt der Welt manchmal ihre Not lassen. So wie dem am Telefon, der bestimmt nichts gelernt hat und deswegen eine solche Arbeit machen muss, bei der es doch trotzdem auf Sprache ankommt oder gerade auf Sprache. Der w&#252;rde vielleicht &#8222;Gras&#8220; noch &#8222;Grass&#8220; aussprechen, wobei das mit dem ja wieder seine eigene Bewandtnis hatte: Schon dass der in seinem Namen das gute alte SZ zu Doppel-S ge&#228;ndert hat, geradezu symbolisch, wie er auch sonst seine Vergangenheit ... Aber das &lt;i&gt;auch&lt;/i&gt; noch gedanklich zu fassen, w&#252;rde gerade zu weit f&#252;hren. Ist ja alles schon so lange her. Da ist nun auch Gras dr&#252;ber gewachsen ... Ich freue mich &#252;ber diesen kleinen Kalauer, den aber bestimmt keiner sch&#228;tzen w&#252;rde, meine Frau zumal nicht, wie so vieles.&lt;br class='autobr' /&gt;
Gute Schriftsteller haben die Deutschen ja auch keine mehr, hatten sie vielleicht auch nie, Goethe mal ausgenommen, auch Brecht, durchaus auch Brecht: Mal abgesehen davon, wie der sich politisch verirrt hatte &#8211; &lt;i&gt;der&lt;/i&gt; hatte noch ein Gesp&#252;r f&#252;r Sprache, f&#252;r die deutsche Sprache, f&#252;r gutes Deutsch. Wiederum hatten die ja auch nur eine Bedeutung, weil man damals noch irgendwie darauf geh&#246;rt hat, was solche K&#252;nstler sagen. Heute l&#246;st sich ja alles im Einheitsgeplapper auf. Wer bleibt denn da noch standhaft? Ich selbst, als einer der wenigen, auf den aber auch keiner mehr h&#246;ren will, meine Frau vorweg.&lt;br class='autobr' /&gt;
Wie mein Name so gesprochen wird &#8211; was habe ich daran schon alles feststellen k&#246;nnen! Wie sich die Leute &#252;berhaupt so ausdr&#252;cken! Wer kann denn noch richtig Deutsch? Da wollen sie die Sprache ver&#228;ndern und damit nat&#252;rlich gleich das Denken, diese Gleichheitsapostel, und schreiben: MitgliederInnen wie dieser eine Auszubildende damals bei mir im Betrieb. Und als ich ihn auf seinen Fehler aufmerksam gemacht hatte, korrigierte der das grinsend und schrieb: Mitglieder und Mitgliederinnen. Da habe ich laut aufgelacht, was heute nat&#252;rlich gar nicht mehr geht. Vielleicht hatte ich sogar Gl&#252;ck, dass der deswegen nicht den Betriebsrat oder die Gewerkschaft eingeschaltet hat. Zum Gl&#252;ck bin ich da jetzt raus. Heute w&#252;rde dieser Auszubildende, der jetzt wahrscheinlich selbst ausbildet, das bestimmt mit Sternchen schreiben.&lt;br class='autobr' /&gt;
Wie soll man denn diesen Leuten die Feinheiten der Sprache n&#228;herbringen? Sie kennen ja nicht einmal die Regeln! Doch all das lohnt nicht, es sich jetzt so vor Augen zu f&#252;hren. Man muss sich ja beschr&#228;nken und auf den Punkt kommen, wie manche das nie verstehen werden, vor allem nicht solche des weiblichen Geschlechts. Aber auch das lohnt jetzt nicht ...&lt;br class='autobr' /&gt;
Und den am Telefon habe ich dann seinen ganzen Sermon herunterbeten lassen, irgendwas mit Voice over IP, was mir sowieso zu viel war &#8211; zu &lt;i&gt;viel&lt;/i&gt;, nicht zu hoch! Wie k&#246;nnen die nur so mit den Technikbegriffen um sich schmei&#223;en? Protokolle, Gateways, Service Provider! Soll man davon als Kunde beeindruckt sein? Ich will nur weiter ganz normal telefonieren k&#246;nnen.&lt;br class='autobr' /&gt;
Das habe ich dem noch gesagt &#8211; und hinzugef&#252;gt, dass ich selbst &#252;ber mein Telefon bestimme und mit wem ich spreche und dass ich es im Grunde auch gar nicht n&#246;tig habe ...&lt;br class='autobr' /&gt;
Da hat mich dieser Fritze doch unterbrochen und ziemlich langsam gesprochen und gesagt, sie als Telefongesellschaft m&#252;ssten einen Anschluss f&#252;r &lt;i&gt;jeden&lt;/i&gt; Kunden herstellen, auch wenn sich das bei manchen nicht wirklich lohnen w&#252;rde.&lt;br class='autobr' /&gt;
Nicht wirklich! Da musste ich mich wirklich sehr beherrschen, dem nicht wirklich die Meinung zu sagen. Nur hat der dann auch wieder angefangen zu sprechen wie ein Automat, immer h&#246;flich, immer sehr h&#246;flich, dass nun mal das ganze System umgestellt werden muss, aber daf&#252;r alles schneller ... und die &#220;bertragungsgeschwindigkeit ... und die neue Technik ... so viel besser, Herr Willke!&lt;br class='autobr' /&gt;
Da habe ich nur noch geantwortet: &#8222;Dann tun Sie halt! Sie k&#246;nnen ja gar nicht anders.&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
F&#252;r einen Moment war er tats&#228;chlich still, ehe er noch sagte: &#8222;Das tue ich dann also, Herr Wolke!&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
Er selbst hat dann aufgelegt, noch ehe ich das tun konnte.&lt;br class='autobr' /&gt;
Mich hat das durcheinandergebracht, weil das doch eigentlich nicht den Gepflogenheiten entspricht. Der Kunde hat doch das Gespr&#228;ch zu beenden. Und dass er sagte: Herr Wolke ...&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich mache die Augen auf und rufe zu meiner Frau in der K&#252;che: &#8222;Wei&#223;t du, der gestern am Telefon, der kann doch nur das machen, was ihm gesagt wird. Und wenn der von der Arbeit kommt, lebt der bestimmt nur so in den Tag hinein. So einer wei&#223; nat&#252;rlich immer, was er sagt und tut ...&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Na, bist du jetzt wach?&#8220;, ruft meine Frau zur&#252;ck. &#8222;Dann steh mal auf, damit das ein besonderer Tag wird.&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich stutze und merke, wie mein Puls ansteigt. Was will sie mir denn damit sagen? Als h&#228;tte ich so lange geschlafen! Das kann ich doch mal! Schlie&#223;lich bin ich jetzt in Rente.&lt;br class='autobr' /&gt;
Dann ruft sie noch: &#8222;Und jetzt vergiss mal den vom Telefon! So wichtig ist das doch nicht.&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
Da muss ich mich sehr beherrschen, meine Laune nicht zu verlieren, die doch eigentlich gut ist &#8211; zumindest war. Ich sehe den neuen Tag vor mir, mitbestimmt von meiner Frau, sonst nichts. Pl&#246;tzlich sehe ich eine gro&#223;e Leere vor mir.&lt;br class='autobr' /&gt;
Doch dann durchf&#228;hrt es mich so, als w&#228;re es fast eine Eingebung: Ein besonderer Tag! Das ist es! Ein ganz besonderer Tag, ein wirklich besonderer! Das nehme ich mir vor, einen ganz besonderen Tag zu erleben, besser gesagt, sich den Tag ganz besonders zu gestalten. Denn der Tag soll von mir abh&#228;ngen, nicht ich vom Tag. Ich h&#228;nge von keinem ab. Ich doch nicht! Au&#223;erdem verbringe ich im Grunde immer besondere Tage. Der vom Telefon, dieser Willke-Sager, sollte das mal erleben k&#246;nnen, wie man seine Welt gestaltet, wie man nicht nur das Wasser ist.&lt;br class='autobr' /&gt;
Und meiner Frau muss ich auch mal wieder zeigen, was sie &#252;berhaupt an mir hat.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; &lt;/p&gt;
&lt;h2 class=&#034;spip&#034;&gt;2. Ordentlich fr&#252;hst&#252;cken&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Ich strecke den R&#252;cken durch und nehme die entstehenden Schmerzen auf mich, wie ... fast wie Jesus, was vielleicht nur &lt;i&gt;etwas&lt;/i&gt; &#252;bertrieben ist. Denn ich muss meine Schmerzen ja jeden Tag aufs Neue ertragen. Trotzdem halte ich sie aus. Als ob man sich immer beklagen m&#252;sste!&lt;br class='autobr' /&gt;
Dann drehe ich mich im Bett auf die Seite und werde nun erst einmal ordentlich fr&#252;hst&#252;cken, mit Schrippen und Leberwurst. Mit Leberwurst habe ich zwar am Tag vorher auch gefr&#252;hst&#252;ckt, und davor ebenfalls, doch hatte ich die Tage ja nicht besonders geplant. Deswegen hatte ich auch das Fr&#252;hst&#252;ck, und also die Schrippen und die Leberwurst, nicht als etwas Besonderes wahrgenommen.&lt;br class='autobr' /&gt;
St&#246;hnend richte ich mich auf und rufe: &#8222;Frau, warste schon einkaufen?&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
Meine Frau ruft aus der K&#252;che zur&#252;ck: &#8222;Br&#246;tchen sind da, frische Leberwurst auch.&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
Das macht mich nun aber w&#252;tend. Wie kommt sie dazu, einfach von sich aus Leberwurst zu kaufen? Als ob ich die &lt;i&gt;jedes&lt;/i&gt; Mal zum Fr&#252;hst&#252;ck will! Ich esse zwar meistens Leberwurst zum Fr&#252;hst&#252;ck, aber nur deswegen, weil die nun mal da ist. Sonst aber kann ich wohl immer noch gefragt werden, ob ich Leberwurst haben will! Ich bin auch mit Mortadella zufrieden, oder einer anderen Wurst. Als ob ich mich deswegen so haben w&#252;rde! Ich habe sogar schon so einen vegetarischen Brotaufstrich gegessen, den Corinna mitgebracht hatte, meine Schwiegertochter. Das schmeckte eigentlich ganz &#228;hnlich, gar nicht &lt;i&gt;so&lt;/i&gt; schlecht.&lt;br class='autobr' /&gt;
Vor allem soll meine Frau nicht &#252;ber mich bestimmen und von sich aus Leberwurst kaufen.&lt;br class='autobr' /&gt;
So f&#228;ngt der Tag schon mal nicht gut an.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; &lt;/p&gt;
&lt;h2 class=&#034;spip&#034;&gt;3. Eine wirklich saubere Schnittfl&#228;che&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Ich lasse die Beine aus dem Bett fallen. Ein erster Elan ist dahin. Ich dr&#252;cke mich mit beiden H&#228;nden von den Knien ab und stelle mich auf. Mein Atem geht schwer, weil erst einmal der Kreislauf in Schwung kommen muss. Das ist bei einem Auto ja auch nicht anders, wenn die Batterie nicht mehr neu ist. Aber wenn der Motor einmal l&#228;uft, kann man trotzdem gleich losfahren.&lt;br class='autobr' /&gt;
Es f&#228;llt mir nicht mehr so leicht, meine F&#252;&#223;e zu sehen, wenn ich stehe. Dabei sehe ich mir eigentlich gern meine F&#252;&#223;e an. Die sind nicht platt und nicht gespreizt und modisch verformt, oder richtig: wegen der Mode verformt wie bei meiner Schwiegertochter, und sie sind &#252;berhaupt, nicht nur f&#252;r mein Alter, sch&#246;n.&lt;br class='autobr' /&gt;
Dass mein Bauch vorh&#228;ngt, &#228;rgert mich durchaus, aber ich werde den noch wegbekommen! Schlie&#223;lich hat kaum einer so einen Willen wie ich. Vielleicht werde ich schon an diesem Abend damit anfangen und kein Bier trinken. Wiederum habe ich es nicht n&#246;tig, den Bauch sofort wegzubekommen. So sehr st&#246;rt er mich nicht und ich kann damit warten, bis ich dann selbst knallhart entscheide: Ich will, dass der Bauch wegkommt, und also &lt;i&gt;kommt&lt;/i&gt; er weg!&lt;br class='autobr' /&gt;
Als ich durch den Flur schlurfe, stoppe ich pl&#246;tzlich. Meine Frau, die in der K&#252;che das Fr&#252;hst&#252;ck macht, steht dort gerade im T&#252;rrahmen, R&#252;cken zu mir. Sie ist anscheinend ganz in Gedanken versunken. Und ich gr&#252;&#223;e sie noch nicht, offiziell meine ich, weil mir Umgangsformen doch wichtig sind. Da will ich nicht nur durch den Flur rufend oberfl&#228;chlich ein Guten Morgen w&#252;nschen. Das hat auch mit Respekt zu tun. Blo&#223; wundere ich mich, wie meine Frau dort mit dem schweren Fleischmesser steht und es irgendwie abw&#228;gend betrachtet. Sie hat bestimmt in dem Messerblock danebengegriffen, denke ich und richtig: Pl&#246;tzlich schreckt sie hoch und geht an ihren Platz in der K&#252;che zur&#252;ck.&lt;br class='autobr' /&gt;
Sie hat den Messerblock als Geschenk eigentlich auch nie zu sch&#228;tzen gewusst. Was der gekostet hat! Und wenn sie nun das Fleischmesser in der Hand hatte, ist das im Grunde bezeichnend. Sie wei&#223; eben immer noch nicht, was der Unterschied zu dem Brotmesser ist. Das hat ja eine ganz andere Klinge, n&#228;mlich eine gewellte. Damit hat man vor allem erst mal einen Ansatzpunkt, um beim Schrippenaufschneiden nicht abzurutschen. Au&#223;erdem bleibt durch den Wellenschliff nichts so leicht an der Klinge haften. So hat man eine wirklich saubere Schnittfl&#228;che. Aber auch hier habe ich es aufgegeben, ihr das auseinanderzusetzen. Die K&#252;che ist nun mal &lt;i&gt;ihr&lt;/i&gt; Bereich, ihre eigene Welt. Ich kann da h&#246;chstens mal Gast sein, zum Beispiel zum Abtrocknen, und als solcher geziemt es sich nicht, dem Gastgeber gute Ratschl&#228;ge zu erteilen.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich r&#228;uspere mich kurz, um sie darauf aufmerksam zu machen, dass ich nun aufgestanden bin, und gehe ins Badezimmer.&lt;br class='autobr' /&gt;
Sie ruft: &#8222;Mach nicht so lang!&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Ja ja&#8220;, murmele ich nur. &#8222;Mach ich, mach ich nicht!&#8220;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; &lt;/p&gt;
&lt;h2 class=&#034;spip&#034;&gt;4. Die mit den Nassrasierern&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Ich stelle mich vor den Spiegel, schiebe mir mit gespreizter Hand kurz die Wangen nach oben und nehme mit ver&#228;chtlichem Blick meinen Elektrorasierer. Nat&#252;rlich k&#246;nnte ich auch unrasiert fr&#252;hst&#252;cken, wie das so viele machen. Nur f&#228;ngt damit der allgemeine Verfall der Sitten schon an. Wenn man sich schon beim Fr&#252;hst&#252;ck gehenl&#228;sst, ruft man die Verwahrlosung geradezu herbei.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich rasiere zuerst die linke Wange, dann die rechte, das Kinn, dann die Partie &#252;ber der Oberlippe, zum Schluss den Hals. Man muss das nach Plan machen, mit System. Dann geht es schneller, als wenn man einfach so ziellos im Gesicht herumfuhrwerkt. Ich muss die Haut ordentlich straffen und wei&#223;, wieviel leichter ich mich fr&#252;her rasieren konnte, als die Haut elastischer war.&lt;br class='autobr' /&gt;
Als w&#228;re es ein Fluch, muss ich da wieder an Nassrasierer denken, von denen Ben, mein Herr Sohn, ja so schw&#228;rmt. Nur ist der eben auch ein Sch&#246;nling, ein Stutzer, wie das fr&#252;her noch hie&#223;, im heutigen Neudeutsch ein geiler Typ &#8211; oder hip, ein hipper Typ? Von seinem Vater hat Ben das nicht, diese Attit&#252;de, das Aussehen schon, und dar&#252;ber kann er sich ja nicht unbedingt beschweren. Er sieht nun mal gut aus. Aber das mit dem Rasieren? Das hat er bestimmt nicht von mir.&lt;br class='autobr' /&gt;
Jedenfalls gefallen sich die mit den Nassrasierern doch alle in ihrer M&#228;nnerrolle, wenn sie sich so mit dem Messer durchs Gesicht fahren! Die m&#252;ssen sich damit jeden Morgen so m&#228;nnlich vorkommen! Vor dem Spiegel stehen, sich einseifen und sich immer sch&#246;n ansehen, nein betrachten: Das passt zu Leuten wie meinem Herrn Sohn! Der macht ja auch immer wieder Selfies, von sich und seiner tollen Frau und dem tollen Kind. Da macht der doch das bestimmt auch die ganze Zeit allein.&lt;br class='autobr' /&gt;
All denen wird das aber auch irgendwann zu m&#252;hsam sein, sich jeden Morgen einzuseifen. Da kann mein Sohn noch so oft behaupten, dass es mit dem Nassrasieren viel schneller ginge! Ich werde ihm das beim n&#228;chsten Mal noch mal klar und deutlich sagen, und mich dabei bestimmt nicht aufregen, gar nicht. Und das richtig saubere Rasieren, mit dem Elektrorasierer, der n&#228;mlich nicht das Waschbecken verschmiert hinterl&#228;sst, l&#228;sst eben auch Zeit zum Nachdenken.&lt;br class='autobr' /&gt;
Es ist ja auch ein eigenes Thema, wie weit es mit dem Rasieren heute gekommen ist. Ganzk&#246;rperrasur &#8211; mehr muss dazu gar nicht gesagt werden. Steht denn nur noch das eigene Ich im Vordergrund, und nicht einmal das, sondern nur noch die &#228;u&#223;ere Form oder sogar nur die &#8211; H&#252;lle? Kommt es denn auf gar keinen Inhalt mehr an? Nat&#252;rlich passen da die Nassrasierer in die Zeit, nein, auch die modernen Elektrorasierer, die mit wet&amp;dry-Funktion, wie sie das nennen, weil ja alle Deutschen so gut englisch sprechen, und einem Pr&#228;zisionstrimmer. Damit k&#246;nnen noch irgendwelche Linien in den Bart gezogen werden. Mein Herr Sohn w&#252;rde das bestimmt auch an sich machen, wenn er einen Bart tr&#252;ge. Warum muss jemand darauf Wert legen? Warum denkt niemand weiter?&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich ziehe eine Stelle am Hals noch einmal nach, wo ich einen Wirbel habe, der schlecht anzugehen ist. An solchen Stellen w&#252;rde das Nassrasieren besonders gut funktionieren, hat mein Sohn gesagt, und besonders, wenn die Haut nicht mehr so elastisch ist. Nicht mehr so elastisch! Ich nehme so einen Spruch hin als Vater, was soll ich machen? Obwohl es wirklich dreist ist, sich so was rauszunehmen. Der wird sich noch wundern, wenn &lt;i&gt;er&lt;/i&gt; mal in dem Alter ist! Als h&#228;tte ich mich nicht gut gehalten! So verdeckt Kritik &#228;u&#223;ern! Wie ich das leiden kann! Und im n&#228;chsten Satz vielleicht andeuten, dass es eigentlich nicht schwerfallen muss abzunehmen! Als w&#228;re ich auch noch zu dick! Leicht k&#246;nnte ich mich wieder etwas besser in Form bringen, sehr leicht! Das muss man nur wollen! Aber in letzter Zeit &lt;i&gt;will&lt;/i&gt; ich eben nicht! Wo ist das Problem? Wenn es weiter nichts ist, als dass die Haut nicht mehr ganz elastisch ist ...&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich nehme den Langhaarschneider und stutze zwei &#252;briggebliebene Bartstoppeln. Nassrasieren! Hah! Man muss sich nur zu helfen wissen!&lt;br class='autobr' /&gt;
Dann trage ich Gesichtswasser auf und wasche mir danach das Gesicht mit klarem Wasser. &lt;i&gt;So&lt;/i&gt; ist das richtig! Dass man nicht stinkt wie all die Sch&#246;nlinge, die so sehr auf ihr Aussehen achten. Dezent muss ein solcher Geruch sein, dezent! Mein Herr Sohn lehnt das nat&#252;rlich ganz ab, findet Rasierwasser unn&#246;tig. Aber der muss eigentlich bei &lt;i&gt;allem&lt;/i&gt; Contra geben. Sonst schmieren sich die M&#228;nner heute ja sogar wieder Gel ins Haar, und t&#228;towieren sich, und stutzen sich ... ja, sie tun es, man muss es doch aussprechen, weil es nun mal so weit gekommen ist: Sie stutzen sich das Achselhaar und noch ganz andere Haare! Ich will gar nicht wissen, ob mein Herr Sohn das auch ... bestimmt! Weil meine Schwiegertochter das mit Sicherheit auch &#8211; aber egal! So wenig Vertrauen haben sie in ihr Aussehen, in sich selbst, so wenig ruhen sie in sich selbst, so sehr h&#228;ngen sie ab von &#228;u&#223;eren Vorgaben! Selber denken! Selbst&#228;ndig handeln! Wer kann denn das noch?&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich stutze, als ich aus dem Bad gehe. Eigentlich bin ich voller Energie. Aber ich wei&#223; noch nicht genau, wie ich sie am besten einsetzen soll &#8211; wie ich dazu den Tag einteilen werde. Immerhin wird aus einer Sache erst etwas Besonderes, wenn &lt;i&gt;ich&lt;/i&gt; es mir vornehme. Ich werde erst einmal gut fr&#252;hst&#252;cken.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; &lt;/p&gt;
&lt;h2 class=&#034;spip&#034;&gt;5. Nicht jede Regel immer &lt;i&gt;ganz&lt;/i&gt; genau nehmen&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Ich kann nicht sofort mit dem Fr&#252;hst&#252;cken anfangen, auch wenn meine Frau schon alles gerichtet hat. Ich muss zuerst die wichtigste Regel des Tages befolgen, und die hei&#223;t: &#220;berleben.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich setze mich an den Tisch, verziehe das Gesicht und dr&#252;cke die Brust durch. Stark bin ich. Das soll auch wieder meine Frau erkennen. Ich lege alle Tabletten, die ich jeden Tag nehme &#8211; die ich jeden Tag nehmen &lt;i&gt;muss&lt;/i&gt;, um das ausdr&#252;cklich zu betonen -, in einer Reihe vor mich hin. Das gibt eine beeindruckende Linie in den verschiedensten Farben, von violett &#252;ber gelb, blau, rot, orange, gr&#252;n zu hellblau. Wenn man auch sonst an der Unordnung der Welt verzweifeln kann, so muss ich in diesem Fall doch zugeben: Hier hat sich mal einer Gedanken gemacht. Mit diesen Farben kann es nicht so leicht passieren, dass ich mal eine Tablette vertausche. So ein System h&#228;tte von &lt;i&gt;mir&lt;/i&gt; sein k&#246;nnen.&lt;br class='autobr' /&gt;
Wie den Schierlingsbecher, so muss ich manchmal denken, bringt mir meine Frau ein Glas Wasser, und ich fange an, die Tabletten eine nach der anderen zu schlucken. Manchmal greife ich sie mir, als w&#228;re jede einzelne eine Zyankalikapsel.&lt;br class='autobr' /&gt;
Bei der blauen Tablette halte ich kurz inne, weil davon irgendwie ein St&#252;ck zu fehlen scheint. Wieviele ich von denen wohl noch habe? Die sollen ja ganz wichtige sein, die wegen der Schilddr&#252;se. Hat meine Frau mir da schon die neue Packung besorgt? Ich fasse kurz in die Tischschublade und sehe, dass davon noch eine ganze Schachtel vorr&#228;tig ist. Nur ist die Schachtel noch gar nicht angebrochen. Das wundert mich ein wenig.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Waren in der alten Schachtel nicht noch mehr als zwanzig Tabletten drin&#8220;, rufe ich meiner Frau zu, die wieder in die K&#252;che gegangen ist.&lt;br class='autobr' /&gt;
Es dauert einige Zeit, ehe sie fragt: &#8222;Was meinst du?&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;In der alten Schachtel, die mit den blauen Tabletten, wegen der Schilddr&#252;se &#8211; waren da nicht noch mehr als zwanzig drin&#8220;, frage ich ver&#228;rgert, weil meine Frau eigentlich genau wei&#223;, wovon ich spreche.&lt;br class='autobr' /&gt;
Es dauert geschlagene Sekunden, ehe sie antwortet: &#8222;Nein.&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
Was f&#252;r eine Art! Man kann doch eine ordentliche Antwort geben! Man kann doch das auch aushalten, den eigenen Mann leiden und dabei trotzdem k&#228;mpfen zu sehen!&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich schiebe die Schublade wieder zu. Es lohnt sich nicht, deswegen nun mit Diskutieren anzufangen. Manchmal durchzuckt mich der Gedanke geradezu schmerzhaft, dass meine Mutter an Alzheimer gestorben ist. Aber zum Gl&#252;ck habe ich etwas gut gelernt: Bestimmte Gedanken erst gar nicht aufkommen zu lassen, so wie man im Garten den Klee gleich wegspritzt. Ich denke dann einfach an etwas anderes.&lt;br class='autobr' /&gt;
Dieses eine Mal wird es bestimmt nicht schaden, &#252;berlege ich noch kurz, wenn von der blauen Tablette ein St&#252;ck fehlt. Man muss auch nicht jede Regel immer &lt;i&gt;ganz&lt;/i&gt; genau nehmen.&lt;br class='autobr' /&gt;
Einmal fragte mich Ben, mein Herr Sohn, der zu Besuch war, welche der Tabletten wogegen oder wof&#252;r seien. Ich wusste es nicht genau, also nicht &lt;i&gt;so&lt;/i&gt; genau. Au&#223;erdem war schon diese Frage mit Sicherheit als Provokation gemeint. Bin ich nicht schon genug geschlagen mit meiner Schilddr&#252;sen&#252;ber- oder -unterfunktion, dem zu hohen Blutdruck, der m&#246;glichen Embolie, dazu immer wieder Kopfschmerzen, sogar Migr&#228;ne und von den Zipperlein gar nicht zu reden? Und R&#252;cken &#8211; h&#228;tte ich fast vergessen.&lt;br class='autobr' /&gt;
Trotzdem wagte mein Sohn auch noch zu fragen: &#8222;Meinst du wirklich, dass du alle diese Tabletten nehmen musst?&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
Da bin ich aufgesprungen und hatte bestimmt einen Puls von 180, als ich schrie: &#8222;Was soll denn so eine Frage? Was denkst du dir denn? Ich nehme die doch nicht zum Spa&#223;. Was soll ich denn machen, wenn die Pumpe nicht mehr richtig funktioniert?&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
Mit verzerrtem Gesichtsausdruck griff ich mir ans Herz und setzte mich st&#246;hnend wieder hin, damit er noch zus&#228;tzlich begriff, was f&#252;r eine Frage er da gestellt hatte.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ben erz&#228;hlte aber noch weiter: &#8222;Bei vielen V&#246;lkern auf der Welt, die noch einigerma&#223;en urspr&#252;nglich leben, gibt es gar keinen hohen Blutdruck, auch keine Herzinfarkte. Das hat wohl auch damit zu tun ...&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
Da habe ich meinen Schierlingsbecher auf den Tisch geknallt und noch mal geschrien: &#8222;Was ihr immer mit euren Naturv&#246;lkern habt! Daf&#252;r bringen die sich alle gegenseitig um und schneiden sich die K&#246;pfe ab. Und unsere Fernsehger&#228;te und Autos und Handys wollen sie doch auch alle haben! Wieso sollen die mir ein Vorbild sein?&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
Mein Herr Sohn grinste da nur noch schwach und ging dann zu seiner verst&#228;ndnisvollen Mutter in die K&#252;che.&lt;br class='autobr' /&gt;
Was wissen manche Leute schon davon, welch einen Kampf ich k&#228;mpfe! Nicht einmal in meiner eigenen Familie wird das anerkannt, geschweige gew&#252;rdigt! Die sollten einmal selbst in die Lage kommen, so viele Tabletten schlucken zu m&#252;ssen! Die w&#252;rden ja nicht mal &lt;i&gt;eine&lt;/i&gt; runterkriegen! Dabei wollen mir alle so gute Tipps geben! Sie sehen doch, was ich durchzumachen habe!&lt;br class='autobr' /&gt;
Wenigstens versteht mich mein Arzt. Bei dem muss ich nie lange warten und nicht lange drumrumreden. Der gibt mir, was ich brauche, ohne lange zu fragen. Und er erz&#228;hlt mir bestimmt nicht von irgendwelchen Urwaldv&#246;lkern, die zwei Monate am St&#252;ck fasten und daf&#252;r keinen Schlaganfall kriegen. Es wollen eben alle die Welt verbessern, wenn sie nur selbst nicht von ihren M&#228;ngeln betroffen sind.&lt;br class='autobr' /&gt;
Seit einiger Zeit nehme ich zwei Tabletten weniger, die gr&#252;ne und die hellblaue, weil die Gesundheitskosten bei mir inzwischen ziemlich zu Buche schlagen. Dass die hellblaue wegfiel &#8211; das kann ich aber schon deswegen verschmerzen, weil ich sie so nicht mehr mit der blauen verwechseln kann. Seltsamerweise hatte der Arzt gar kein Problem damit, bestimmte Tabletten von der Liste zu streichen und diese jetzt nicht mehr zu verschreiben.&lt;br class='autobr' /&gt;
Auf jeden Fall ist es ja typisch, dass man diejenigen bestraft, die bestimmt keine Schuld an ihrem Zustand haben. Aber die anderen &#8211; wenn ich nur an die Drogenabh&#228;ngigen denke &#8211; bekommen noch Sonderurlaub in einer Spezialklinik bezahlt. Ist es da ein Wunder, wenn jetzt so rechte Leute mal ganz andere Saiten aufziehen wollen?&lt;br class='autobr' /&gt;
Als meine Frau aus der K&#252;che ruft: &#8222;Hast du eingenommen?&#8220;, brumme ich nur vor mich hin und zwinge mich, mich auf das Fr&#252;hst&#252;ck zu freuen.&lt;br class='autobr' /&gt;
Wieder ruft meine Frau: &#8222;Hast du eingenommen?&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
Mein Puls steigt wieder. Warum fragt sie das? Warum ist sie &#252;berhaupt weggegangen, als ich noch l&#228;ngst nicht damit fertig war, meine Tabletten zu nehmen? Weil sie es nicht ertragen kann, mich leiden zu sehen? Sie will gar nicht erst verstehen, welche Qualen mit diesem Kampf verbunden sind.&lt;br class='autobr' /&gt;
Als sie ein drittes Mal ruft: &#8222;Hast du eingenommen?&#8220;, br&#252;lle ich: &#8222;Ja!&#8220;, und schlage auf den Tisch.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Ich frag ja nur&#8220;, sagt sie und bringt die Kaffeekanne.&lt;br class='autobr' /&gt;
Endlich kann das Fr&#252;hst&#252;ck beginnen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; &lt;/p&gt;
&lt;p&gt; &lt;/p&gt;
&lt;h2 class=&#034;spip&#034;&gt;I. Als Name nicht so verkehrt&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Ich, Ben, Wilkes Sohn, Ben Wilke also, will gerade heraush&#246;ren, ob die Schaltung an meinem Fahrrad mit einer bestimmten Tonh&#246;he korreliert. Dazu versuche ich, das leise Sirren der Kette stimmlich als Ton zu treffen. Wenn ich den habe, halte ich ihn eine Weile, schalte dann und versuche, auch diesen Ton zu treffen. Ich habe sogar schon mal versucht, mit der Schaltung zu komponieren, wof&#252;r ich immerhin f&#252;nf Zahnkr&#228;nze und drei Kettenbl&#228;tter zur Verf&#252;gung habe. Aber als ich tats&#228;chlich ein Thema gefunden hatte, mit einem Quintensprung darin, habe ich fast eine alte Oma angefahren.&lt;br class='autobr' /&gt;
Das Fahrradfahren ist mir wichtig. Irgendwo muss man ja mal Zeichen setzen und auch als gutes Beispiel vorangehen, wenn sich wirklich etwas &#228;ndern soll. Zwar h&#228;tte ich mich fr&#252;her dar&#252;ber lustig gemacht, wenn jemand gemeint h&#228;tte, mit Hilfe des Fahrrads die Welt ver&#228;ndern zu wollen. Aber was bleibt heute noch, um unser Leben besser zu machen? Drum links, zwei, drei, drum links, zwei, drei, wo dein Platz, Genosse, ist? Kampf gegen den Kapitalismus? Soll ja wieder kommen! Trotzdem: Historie! Vorher geht die Welt unter. Und das Lied w&#252;rde heute nur noch in der Genderdiskussion interessieren.&lt;br class='autobr' /&gt;
F&#252;r mich ist das mit dem Rad auch in anderer Hinsicht bequem, weil ich auf diese Weise flexibler bin und nicht so auffalle. P&#228;pstlicher als der Papst bin ich deswegen aber nicht: Wenn es in Str&#246;men regnet, nehme ich durchaus den Wagen und genie&#223;e dann die wirklich gute Musikanlage mit den getrennten Mittel- und Hocht&#246;nern. Au&#223;erdem tr&#228;gt das Fahrradfahren dazu bei, dass ich fit bleibe.&lt;br class='autobr' /&gt;
Also: Ich bin Ben. So eine Wortreihung w&#252;rde bestimmt meinem Vater gefallen. Vielleicht hat er mich deswegen so genannt! Spa&#223;! Mein Vater als Meister der deutschen Sprache, wie er sich sieht, h&#228;tte mich eigentlich Wilhelm oder Willbrecht nennen m&#252;ssen, denn er wei&#223; nat&#252;rlich, was eine Alliteration ist. Aber vielleicht standen ihm bei meiner Geburt f&#252;r den Buchstaben W nur diese urdeutschen Namen zur Verf&#252;gung, und er ist deswegen doch zur&#252;ckgeschreckt. Immer zu rufen: Willbrecht, miste dein Zimmer aus! ... Schwierig auf Dauer! Au&#223;erdem ist Ben f&#252;r die Befehlsform viel besser geeignet.&lt;br class='autobr' /&gt;
Manchmal kann er ja richtig fortschrittlich denken, falls eine solche Kennzeichnung f&#252;r ihn angemessen w&#228;re. Oder vielleicht war er als junger Mann in seinem Denken anders, irgendwie liberal. Aber ich muss mir nichts vormachen. Im Haus meiner Eltern stand eigentlich immer alles an seinem Platz, sogar die M&#252;lltonnen. Noch heute ist das so: Wenn irgendein neuer, unberechenbarer Mieter die M&#252;lltonnen nach der Leerung verkehrt hingestellt hat, also die Biotonne links neben die Normalm&#252;lltonne, dauert das h&#246;chstens zehn Minuten &#8211; dann hat er sich Schuhe angezogen, nimmt, wie immer, den Fahrstuhl und stellt die richtig hin, noch den schweren Stein auf die Biotonne, wegen der Rattengefahr.&lt;br class='autobr' /&gt;
Trotzdem ist Ben als Name nicht so verkehrt, &#8222;neutral&#8220; eigentlich. Schon deswegen h&#228;tte es mich schlimmer treffen k&#246;nnen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; &lt;/p&gt;
&lt;h2 class=&#034;spip&#034;&gt;II. Viel fordern&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Ich bin auf dem Weg zu &lt;i&gt;ihr&lt;/i&gt;. Nun ja, sie hat nat&#252;rlich einen Namen, aber den muss ich hier nicht &#246;ffentlich machen. Wir treiben so ein Versteckspiel, was vielleicht einen eigenen Reiz ausmacht. Ich habe mich sogar schon gefragt, ob vielleicht gerade das den Reiz ausmacht, so wie die ber&#252;hmten Kirschen aus Nachbars Garten ...&lt;br class='autobr' /&gt;
Aber ich muss mir auch nichts vormachen und einfach realistisch sein: Wenn Corinna, meine Frau, herausbekommt, was ich da treibe, und &lt;i&gt;treibe&lt;/i&gt; ich wahrlich das passende Wort, dann ... Keine Ahnung! Daran will ich eigentlich gar nicht denken. Das geht jedenfalls &#252;berhaupt nicht anders denn als Versteckspiel (hier sprachlich wieder meines Vaters gedenkend!).&lt;br class='autobr' /&gt;
Immerhin konnte ich heute morgen sozusagen in aller Ruhe aufbrechen. Conni hat nur gesagt, ich solle nicht zu sp&#228;t kommen. Sie macht eigentlich gern das Essen, wenn unser Kleiner bis zum Nachmittag in der Krippe sein kann. Auf jeden Fall hat sie es gern, wenn wir mittags am Tisch zusammen sitzen.&lt;br class='autobr' /&gt;
Heute morgen musste ich auch wirklich dringend ins B&#252;ro. Ich muss f&#252;r den Chor unbedingt die Ausschreibungsunterlagen einreichen, um hoffentlich einen Zuschuss der Stadt zu bekommen, zus&#228;tzlich zu dem des Landes. Heute muss man ja im kulturellen Bereich vor allem auch ein guter Unternehmer sein: Einerseits Gelder anfragen, andererseits mit der immensen Bedeutung im Kulturbetrieb antworten. So muss das immer zusammen klingen. Ich muss vor dem Kulturausschuss so viel fordern, dass dann hoffentlich die H&#228;lfte an Zuschuss gew&#228;hrt wird. Das st&#228;dtische Geld w&#252;rde wieder gut f&#252;r uns reichen, f&#252;r meine Honorierung ebenfalls. Ich muss schlie&#223;lich auch zusehen, wo ich bleibe. Chorleiter sind nun mal finanziell nicht auf Rosen gebettet. Trotzdem will ich mich nicht beschweren, das w&#228;re wahrlich Jammern auf hohem Niveau. Geld ist in unserer Gesellschaft genug vorhanden, man muss nur herankommen.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ok, wenn man das global oder von mir aus systemkritisch betrachtet, fallen bei uns ein paar durchs Raster. Aber ich glaube nicht mehr daran, dass mit denen irgendwie Staat zu machen w&#228;re. Man will ja, dass es allen gut geht, und ich habe das fr&#252;her bis zum &#196;u&#223;ersten gefordert. Doch es gibt nun mal so etwas wie ein Lumpenproletariat, wie Marx es genannt h&#228;tte. Diese Leute treffen sich schon morgens am Kiosk auf ihr Bier. Soll man denen zu Arbeit und einem ordentlichen Tagesablauf verhelfen? &lt;i&gt;Wollen&lt;/i&gt; die das denn? Wer in der reichsten Gesellschaft der Welt nicht zu Potte kommt &#8211; vielleicht will der das so haben: Morgens schon ein k&#252;hles Bierchen zischen, dazu eine Zigi durchziehen und dem Hund ein paar Streicheleinheiten geben! Wer bin ich, dar&#252;ber zu rechten, was Gl&#252;ck ist?&lt;br class='autobr' /&gt;
Und heute kommen noch die Fl&#252;chtlinge dazu. Von denen lungern ja auch etliche herum und leben dort im Park in den Tag hinein, aber anders. Die verticken ihre Drogen und sind mit den Pennern nicht zu vergleichen. Wieso sollen die sich &#252;berhaupt um eine geregelte Arbeit bem&#252;hen, wenn sie locker richtig Kohle unter der Hand machen k&#246;nnen, abgaben- und steuerfrei? Solange bei uns die Drogen nicht legalisiert sind, schaffen wir uns den schwarzen Mann.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich kann mich jedenfalls nicht beklagen. Und diesen Antrag &#8211; den musste ich nur noch mal mit meiner Sekret&#228;rin besprechen, einer &#228;lteren Dame, mit der ich rein gesch&#228;ftlich gut zusammenarbeiten kann. Sie wird das dann im Detail fertig machen und mir noch einmal zur Pr&#252;fung vorlegen.&lt;br class='autobr' /&gt;
Sonst aber muss ich zusehen, wo &lt;i&gt;ich&lt;/i&gt; bleibe, ich mit meinen Gef&#252;hlen, mit meinem Ego, meiner Verletzlichkeit. Und da bin ich heute morgen eben nicht nur im B&#252;ro, sondern fahre auch zu &lt;i&gt;ihr&lt;/i&gt;.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; &lt;/p&gt;
&lt;h2 class=&#034;spip&#034;&gt;III. Als w&#252;rde man ein Glas Wasser ausgie&#223;en&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Ich habe nun heute Morgen wirklich Ruhe, um mich ein wenig abzulenken. Um was es geht &#8211; das geht zwar auch mal in aller Eile, f&#252;r mich als Mann. Aber f&#252;r die Frau ist das doch nur so, als h&#228;tte man ein Instrument gerade warm gespielt. So stelle ich mir das jedenfalls vor.&lt;br class='autobr' /&gt;
Mit ihr ist es einfach besser als mit Corinna, &#252;berhaupt reizvoller. Sie empf&#228;ngt mich ja schon im Neglig&#233;. Sie hat so unglaublich viel Lust auf mich. &lt;i&gt;Sie&lt;/i&gt; muss nicht erst in Stimmung kommen, und sich dabei vielleicht so aufreiben, dass es dann doch nicht geht, weil sie mir erst wieder Vorhaltungen machen muss. Nein, bei ihr darf ich gleich den Vorhang &#246;ffnen und die Auff&#252;hrung sofort und gratis genie&#223;en. Sie spielt nur f&#252;r mich, in allen Lagen. Sie wechselt die Tonh&#246;hen, ohne sich einstimmen zu m&#252;ssen, und sie kann zwischen forte und pianissimo wechseln, als k&#246;nnte ich sie anschlagen wie ein Klavier. Nur mit mir, sagt sie, l&#228;uft das bei ihr so gut, dass sie mich sofort aufnehmen kann. Das w&#252;rde bei keinem anderen klappen. Und das glaube ich ihr. Doch, es macht mich stolz. Da muss ich mir nichts vormachen. Bei ihr bin ich frei wie noch nicht einmal bei meiner Frau, mit der ja lange nichts mehr gewesen war. Unser Kind hatte den Trieb erst mal in ihr abgestellt. Aber was sollte &lt;i&gt;ich&lt;/i&gt; in der Zeit machen? Bin ich nicht nur ein Mann und muss sehen, wo ich bleibe? Jetzt geht, oder soll ich wirklich sagen, l&#228;uft es wieder bei meiner Frau, ein zweites Kind ist nicht ausgeschlossen, aber &lt;i&gt;sie&lt;/i&gt; ist nun mal geblieben.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich habe mal von den Pygm&#228;en gelesen, den doch wohl urspr&#252;nglichsten Menschen. Wenn mal wieder ein Kind geboren wird, beschr&#228;nken die sich in ihrer Sexualit&#228;t, vor allem die Frau. Beschr&#228;nkt ist n&#228;mlich ihre Umwelt, die nicht genug Nahrung hergibt, um die Bev&#246;lkerung st&#228;ndig anwachsen zu lassen. &lt;i&gt;Wir&lt;/i&gt; haben das zivilisatorisch &#252;berwunden. Bei uns ern&#228;hrt ein Bauer hundert Leute, oder sogar Tausend? Trotzdem tragen wir doch die Gene der Urmenschen in uns. Die Frauen verschlie&#223;en sich dem Mann nach der Geburt. In einem Chorwerk muss man ja auch erst wieder Atem holen, wenn an einer Stelle verlangt ist, die Stimme bis Ultimo auszureizen.&lt;br class='autobr' /&gt;
Im Chor steht ja auch die Versuchung in den Formen von Alt und Sopran st&#228;ndig vor mir. Und was den Sopran angeht: Der ist mir am liebsten, wenn eine Frau den H&#246;hepunkt erreicht &#8211; dann m&#246;glichst sogar der, der bis &#252;ber das zweigestrichene A hinausgeht, und zwar ohne dass dabei zuviel gepresst wird. Im Idealfall m&#252;ssen die T&#246;ne so kommen, als w&#252;rde man ein Glas Wasser ausgie&#223;en. Da sp&#252;rt man dann auch, ob das wirklich nat&#252;rlich geschieht. So sage ich das auch immer bei den Proben.&lt;br class='autobr' /&gt;
Vielleicht besteht das einzige Problem darin, dass ich meinen eigenen Trieb f&#252;r &lt;i&gt;sie&lt;/i&gt; aufbewahren muss. Schlie&#223;lich bin ich nicht mehr der Allerj&#252;ngste. Zweimal h&#246;chstens &#8211; mehr ist nicht mehr drin, und auch das muss sich sozusagen erst in mir entwickeln. Aber f&#252;r sie hebe ich das eine Mal wirklich gern auf, und zum Gl&#252;ck reagiere ich eigentlich genauso auf sie wie sie auf mich.&lt;br class='autobr' /&gt;
Und sie schafft auch dazwischen eine Atmosph&#228;re, die mich sozusagen in Spannung h&#228;lt. Weil es ja die Minibars in den Hotelzimmern nicht mehr gibt, die sich wohl nicht mehr lohnen und &#252;berhaupt viel zu teuer waren, bringt sie zu unseren Treffen immer selbst ein Getr&#228;nk mit, und zwar eine Flasche Champagner. Obwohl das nur der von Aldi oder Lidl ist, oder wo es den billig gibt, denkt sie daran, auch an ein paar Chips und feine Schokolade, die ja auch die Libido f&#246;rdern soll. Das ist ihr Beitrag zu unseren Treffen. Sie wei&#223; schon, wie ich wieder in Schwung komme. Ich bezahle das Hotelzimmer und sie die Garnitur. F&#252;r mich bedeutet das, erst recht gut f&#252;r die Unterst&#252;tzung des Chors zu verhandeln und an einem Tag in der Woche mittags zufrieden und immer ein bisschen angetrunken nach Hause zu fahren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; &lt;/p&gt;
&lt;h2 class=&#034;spip&#034;&gt;IV. Ein anderes Thema aufgreifen&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Ich fahre gerade einen hohen Gang und singe ein tiefes C. Jedenfalls meine ich, dass es dieser Ton sein m&#252;sste. Ich hoffe, h&#246;chstens um einen Halbton danebenzuliegen. Manchmal habe ich in einer solchen Situation schon mein Smartphone herausgeholt und mit einer dieser Tuning-Apps geschaut, welchen Ton ich da genau singe. Das ist n&#228;mlich ein Manko von mir, wenn es denn eins sein kann: Dass ich eben &lt;i&gt;nicht&lt;/i&gt; das absolute Geh&#246;r besitze. Zwar gebe ich nichts darauf, aber man kommt nicht drumherum: Wer als Musiker richtig gro&#223; ist, hat das absolute Geh&#246;r, behauptet das zumindest. Karajan etwa, oder Barenboim, bei denen das ja auch noch mit Genie assoziiert wird &#8211; Genie, ach was! Egomanische Perfektionisten, die immer einen unter sich brauchen, damit sie gro&#223; erscheinen k&#246;nnen. Ich selbst achte immer darauf, eine lockere Atmosph&#228;re zu schaffen, damit sich jeder frei entwickeln kann.&lt;br class='autobr' /&gt;
Als ob es auf das absolute Geh&#246;r ank&#228;me! Worauf es ankommt, ist die F&#228;higkeit zu h&#246;ren, wie sich ein Ton neben dem anderen verh&#228;lt: Der Falkensteiner vom Tenor etwa &#8211; der ist immer noch nicht sicher darin, wirklich eine Terz &#252;ber dem Bariton zu singen und das zu halten, also durchzuhalten!&lt;br class='autobr' /&gt;
Gerade als ich daran denke, doch mal eben den Ton zu bestimmen, den ich gerade singe, klingelt mein Handy. Leider geht das nun nicht zusammen, auf das Gespr&#228;ch zu antworten und mir meinen Ton zu merken. Aber ich halte an, ohne den Gang zu wechseln.&lt;br class='autobr' /&gt;
Conni ist dran. Jetzt hei&#223;t es, cool zu sein, um f&#252;r danach Ruhe zu haben.&lt;br class='autobr' /&gt;
Wo ich sei, fragt sie. Im B&#252;ro h&#228;tte ich mich verabschiedet, habe meine Sekret&#228;rin gesagt. Wo ich denn bleibe!&lt;br class='autobr' /&gt;
Die Gedanken rasen mir durch den Kopf wie vor einem Auftritt. Wieso ruft sie &#252;berhaupt an, frage ich mich, es gibt doch keinen Grund daf&#252;r. Ich habe gesagt, wo ich bin und dass ich rechtzeitig zu Hause sein werde. Wie Maria vom Sopran, kommt es mir pl&#246;tzlich in den Sinn, die zwar wirklich gut singen kann, aber ohne Partitur manchmal irgendwo reinquakt.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Ich bin bald zur&#252;ck&#8220;, sage ich und versuche, unaufgeregt zu klingen. &#8222;Aber ich muss noch mal los, zum Musikhaus, um die Partitur von Mozarts &lt;i&gt;Ave verum corpus&lt;/i&gt; zu kaufen, unserem neuen St&#252;ck.&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
Warum ich mir das nicht schicken lasse, will sie wissen. Warum so umst&#228;ndlich?&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Ach, jetzt kritisier mich doch nicht schon wieder&#8220;, antworte ich, weil ich wei&#223;, dass ich auf diese Weise ablenken kann.&lt;br class='autobr' /&gt;
Es ist zwar nicht fair, diese Karte auszuspielen, aber ich muss jetzt einfach ein anderes Thema aufgreifen, schon um Zeit zu schinden, schon um meine Gedanken zu ordnen. Ich will doch noch zu &lt;i&gt;ihr&lt;/i&gt;. Ich habe seit Tagen meine ganzen Gef&#252;hle f&#252;r sie aufbewahrt.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich solle nicht so empfindlich sein, sagt Conni beleidigt. Sie wolle nur wissen, ob das nachher klappt.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Was klappt?&#8220;, frage ich &#252;berrascht und h&#246;re prompt, ich solle mal jetzt nicht so tun. Alzheimer wie bei meinem Vater sei das ja wohl noch nicht.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Haha!&#8220;, mache ich &#8211; und mache eine Pause.&lt;br class='autobr' /&gt;
Conni wei&#223; sehr wohl, dass ich eins nicht leiden kann: Wenn sie mich mit meinem Vater vergleicht, oder wenn sie sogar behauptet, dies oder das h&#228;tte ich von meinem Vater.&lt;br class='autobr' /&gt;
Nun kann ich aber leicht wieder auf unser Thema kommen und sage beherrscht emp&#246;rt: &#8222;Wenn ich jetzt kurz losfahre und die Partituren selbst besorge, verliere ich damit keine Zeit und kann gleich weiterarbeiten.&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
Weiterarbeiten, fragt Conni und macht eine sehr lange Pause. Dann sagt sie nur noch, ich solle jedenfalls rechtzeitig zur&#252;ck sein, rechtzeitig. Ich k&#246;nne ja wohl jetzt mal an &lt;i&gt;sie&lt;/i&gt; denken!&lt;br class='autobr' /&gt;
Aufgelegt!&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich atme durch und denke an das eingestrichene C, das ich vorher wohl auf dem gr&#246;&#223;ten Ritzel hatte.&lt;br class='autobr' /&gt;
Was war das jetzt f&#252;r eine Szene, &#252;berlege ich und merke, wie es mich nun erst recht zu &lt;i&gt;ihr&lt;/i&gt; dr&#228;ngt. Ich kann vor Erregung kaum richtig auf den Sattel steigen. Ist das eine &#220;bersprungshandlung, frage ich mich kurz. Eigentlich wollte ich genie&#223;en, was ansteht, ganz in Ruhe, aber irgendwas kommt im Leben immer dazwischen. Schon deswegen kann es keinen perfekten Mord geben, ist klar. Konstantin, mein Freund, ist der Einzige, mit dem ich mich austauschen kann, wenn es um &lt;i&gt;sie&lt;/i&gt; geht. Er behauptet immer, &lt;i&gt;jede&lt;/i&gt; Aff&#228;re w&#252;rde irgendwann auffliegen. Mit einem Mord hat er das aber auch nicht verglichen.&lt;br class='autobr' /&gt;
Dass ich jetzt doch in Eile bin! Ehrlich gesagt, dachte ich, der Tag heute &#8211; der k&#246;nnte mal so richtig entspannt sein. Ein bisschen Arbeit, ein bisschen Liebe &#8211; und dann zu Hause relaxen. Ich f&#252;hle mich eigentlich immer noch so, will mich so f&#252;hlen: Diesen Tag mal sozusagen einen guten Mann sein lassen. &lt;br class='autobr' /&gt;
Haben sich denn die Italiener diesen Begriff ohne Absicht ausgedacht: &lt;i&gt;Dolce far niente&lt;/i&gt;? Darauf muss man erst mal kommen. Darin verbirgt sich der ganze kulturelle Unterschied zu uns Deutschen. Wozu ist das Leben da: Schaffe, schaffe, H&#228;usle baue? Sch&#246;n arbeiten, auch um seiner selbst willen? Wozu ist das Leben da? Das s&#252;&#223;e Nichtstun! Das ist auch eine Kultur, in Jahrhunderten als Lebenseinstellung erarbeitet! Das will ich mir heute mal g&#246;nnen, auch wenn jetzt leider etwas dazwischengekommen ist. Aber das liegt ganz an mir, oder eher: An meinen Hormonen? Aber ich will die Schuld nicht delegieren. Ein Dirigent muss wissen, dass ihm so ein vorlauter Tenor dazwischenhauen kann. Das muss man bei den Proben kl&#228;ren. Da muss man so einen, wie diesen Falkensteiner, in seiner Geltungssucht mal dr&#252;cken, auch wenn man das nat&#252;rlich nicht laut sagen darf.&lt;br class='autobr' /&gt;
Obwohl mich Corinnas Anruf nun unter Druck gesetzt hat, bin ich gerade wie berauscht. Ich sp&#252;re, wie mich zweierlei beherrscht: Einmal das Gef&#252;hl, in einer wirklich brenzligen Situation cool reagiert zu haben, eigentlich wie ein Stoiker, und andererseits: Doch die Hormone.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; &lt;/p&gt;
&lt;p&gt; &lt;/p&gt;
&lt;h2 class=&#034;spip&#034;&gt;6. Die Leberwurst dick aufgetragen&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Ich w&#252;rde mir, als ich mich hinter meinem Fr&#252;hst&#252;cksteller aufrichte, gern M&#252;he geben, positiv zu wirken, eine optimistische Stimmung auszustrahlen, ja, irgendwie eine Dynamik zu verk&#246;rpern. Doch als mein Blick &#252;ber den Tisch wandert, f&#252;hle ich mich dadurch wie gefangen. Hier das Fr&#252;hst&#252;cksei, dort die Kaffeekanne, die Butter in Reichweite &#8211; und die Leberwurstschrippe schon geschmiert.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Alles recht?&#8220;, fragt meine Frau. &#8222;Guten Morgen!&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Morgen!&#8220;, gebe ich mit fester Stimme zur&#252;ck, die aber noch ein wenig br&#252;chig wirkt. Ich muss mich erst noch r&#228;uspern, um den Hals freizubekommen, tue das auch, nur bleibt sofort die Frage, was ich weiter noch sagen soll. Ich gie&#223;e mir selbst von dem Kaffee ein und lege die Zeitung neben mich, die noch nicht einmal angelesen ist. Dabei ist meine Frau doch schon l&#228;nger wach. Typisch.&lt;br class='autobr' /&gt;
Nur die Zeitung kann mich aus meinem Gefangenenstatus befreien &#8211; das wei&#223; ich. Alle anderen Gegenst&#228;nde auf dem Tisch sind sozusagen seit Jahren besprochen, seit Jahrzehnten: Jeder ein Stein in der Gef&#228;ngnismauer, so kommt es mir pl&#246;tzlich vor. Das Fr&#252;hst&#252;cksei ist bestimmt wieder zu weich, was daher kommt, dass meine Frau die Eier unn&#246;tigerweise im K&#252;hlschrank aufbewahrt. Wenn sie die dann sechs Minuten kocht, sind das halt keine &lt;i&gt;richtigen&lt;/i&gt; sechs Minuten. Da fehlt eben die entscheidende Minute, die das Ei braucht, um sozusagen auf Betriebstemperatur zu kommen. Doch ich will deswegen nicht wieder eine Grundsatzdiskussion anfangen.&lt;br class='autobr' /&gt;
Was mich jedoch irritiert, ist die schon geschmierte Leberwurstschrippe. Was denkt sich denn meine Frau dabei, die schon fertig zu machen? Das hat sie noch nie gemacht. Sie wei&#223; doch gar nicht, wieviel Butter und Leberwurst ich genau nehme. Sie streicht bestimmt nur so eine feine Schicht Leberwurst auf das Br&#246;tchen, f&#252;r den Geschmack, wie sie wohl sagen w&#252;rde. Aber in diesem Fall, in diesem wirklich besonderen Fall muss die Leberwurst mal opulent aufgetragen werden. &lt;i&gt;Das&lt;/i&gt; ist es, was eine Leberwurstschrippe zum Fr&#252;hst&#252;ck ausmacht: Dass man da reinbei&#223;t und sp&#252;rt, wie sich die Wurst sofort zwischen den Z&#228;hnen verteilt.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich hebe kurz die obere Br&#246;tchenh&#228;lfte an und sehe mich best&#228;tigt: Zwar ist die Leberwurst dick aufgetragen, aber auch die Butter, die damit den Geschmack der Leberwurst fast wieder neutralisiert.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich lege das Br&#246;tchen zur Seite und nehme mir die Zeitung.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Kein Leberwurstbr&#246;tchen?&#8220;, fragt meine Frau, und in ihrer Stimme ist die Entt&#228;uschung eindeutig herauszuh&#246;ren.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Nein, heute doch nicht&#8220;, sage ich und f&#252;ge noch an, um sie nicht zu beleidigen: &#8222;Ich nehme heute lieber von der Mortadella.&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
Meine Frau atmet durch. Sie atmet noch einmal tief durch und guckt dann aus dem Fenster.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich kenne die Situation zur Gen&#252;ge: Was haben wir uns eigentlich noch zu sagen? Es ist wirklich &lt;i&gt;alles&lt;/i&gt; geredet. Auch deswegen muss ich diesen Tag benutzen, um das Hamsterrad zu stoppen, oder besser: Es vorsichtig auslaufen zu lassen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; &lt;/p&gt;
&lt;h2 class=&#034;spip&#034;&gt;7. Nur noch wegen der Fu&#223;ballergebnisse&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Ich nehme mir die Zeitung und &#252;berschlage die ersten Seiten. Ich suche nach dem Sportteil, der mir an so einem Samstag immer am wichtigsten ist. Nat&#252;rlich kenne ich in der Zwischenzeit die Fu&#223;ballergebnisse von gestern, weil die ja immer gleich aufblinken, wenn man nur auf sein Handy sieht. Manchmal gebe ich mir M&#252;he, die irgendwie zu &#252;berlesen, wenn ich nur mal sehen will, ob sich bei diesem Whatsapp jemand gemeldet hat, Corinna vielleicht, meine Schwiegertochter. Aber auch wenn es bei der die ganze Zeit ping macht, wenn sie wirklich mal zu Besuch ist, schreibt sie mir kaum mal, nicht mal eine Zeile, obwohl das doch heute so leicht ist. Sogar ein Rechtschreibprogramm ist da eingebaut. Wenn ich nur an fr&#252;her denke, was ja gar nicht so lange her ist: Da musste man einen Bogen Papier nehmen, darauf schreiben, mehr als einen Satz, noch den Duden dazunehmen &#8211; &lt;i&gt;ich&lt;/i&gt; ja eigentlich nicht -, dann einen Umschlag finden, eine Briefmarke, und musste nat&#252;rlich auch noch zum Postkasten gehen &#8211; heute reicht ein mit den Fingerkuppen getippter Satz, und selbst dazu sind sich die Leute zu bequem geworden. Und wenn meine Schwiegertochter sich wirklich mal dazu herabl&#228;sst, schreibt sie wem? Meiner Frau.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich lese die &lt;i&gt;S&#252;ddeutsche&lt;/i&gt; eigentlich nur noch wegen der Fu&#223;ballergebnisse. Da k&#246;nnen die Redakteure noch mal so richtig aus dem Vollen sch&#246;pfen und zeigen, wozu sie in der Lage sind. Denn das k&#246;nnen einige von ihnen doch, wenigstens bei der &lt;i&gt;S&#252;ddeutschen&lt;/i&gt;: Schreiben. In der Hinsicht ist im Lokalblatt ja alles zu sp&#228;t. Da nehmen sie inzwischen wohl nur noch diejenigen als Volont&#228;re, die gut plappern k&#246;nnen. Wegen &lt;i&gt;dem&lt;/i&gt; werden die dann &#252;bernommen.&lt;br class='autobr' /&gt;
Im Sportteil gibt es noch diese Momente, wo man merkt, was Redakteure eigentlich k&#246;nnten, wenn sie d&#252;rften: Mit feiner Feder zu schreiben, und dabei zwar nur dieses Fu&#223;ballgesch&#228;ft zu analysieren, aber eigentlich das politische System zu meinen.&lt;br class='autobr' /&gt;
Sonst findet das ja nicht mehr statt. Gleich auf der ersten Seite ist da wieder so eine &#220;berschrift: &#8222;Das Mittelmeer als der nasse Friedhof unseres Wohlstands.&#8220; Da wei&#223; man schon im voraus, was f&#252;r eine Art Journalismus man zu erwarten hat. Da geht es nicht mehr um die Fakten, etwas aus feiner Feder, sondern darum, auf grobem Klotz uns das Weltbild dieses Schreiberlings einzubl&#228;uen. Wird man da informiert? Nein, belehrt wird man!&lt;br class='autobr' /&gt;
Wie sich das &#252;berhaupt gewandelt hat! Gab es in diesem Land nicht vor kurzem noch eine Willkommenskultur? Ausgerechnet bei den Deutschen? Was haben die Politiker, Industriebosse und die sogenannten Aktivisten da auf die Tr&#228;nendr&#252;se gedr&#252;ckt! Diese Gesellschaft braucht billige Arbeitskr&#228;fte, ganz einfach ist das. &lt;i&gt;Deswegen&lt;/i&gt; gingen pl&#246;tzlich die Grenzen auf und &lt;i&gt;deswegen&lt;/i&gt; hatte Deutschland pl&#246;tzlich eine Willkommenskultur. Ist ja auch in Ordnung, dass man die alle aufgenommen hat. War ja auch eine tolle Geste angesichts der deutschen Vergangenheit. Aber n&#252;chtern betrachtet: Wer will denn in diesem Land noch den M&#252;ll wegfahren oder die Pakete austragen oder den Alten den Hintern abwischen? Ich stocke und verziehe das Gesicht.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Was ist?&#8220;, fragt mich meine Frau irgendwie teilnahmslos. &#8222;R&#252;cken?&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Ja&#8220;, st&#246;hne ich. &#8222;Das auch. Aber nicht der Rede wert. Ich halte das aus. Ich halte das alles aus.&#8220;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; &lt;/p&gt;
&lt;h2 class=&#034;spip&#034;&gt;8. Mal die Sau rauslassen&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Ich bezwinge die Leere des Schweigens, indem ich anfange, aufmerksam &#252;ber Bayern M&#252;nchen zu lesen.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Millionen bezahlen sie jetzt f&#252;r den&#8220;, sage ich zu meiner Frau, die mir geradezu nachl&#228;ssig und ohne fragenden Blick noch eine zweite Scheibe Mortadella auf mein Br&#246;tchen legt, &#8222;obwohl der in England doch nur noch auf der Bank sa&#223;. Millionen!&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Die haben's halt!&#8220;, sagt sie.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Danke, zwei Scheiben reichen&#8220;, sage ich und gebe mir M&#252;he, das nicht nur so nebenher dahinzunuscheln. &#8222;Allerdings brauchen wir nun mal &lt;i&gt;so&lt;/i&gt; einen Verein, auch Dortmund mit seiner Aktiengesellschaft. Was hat denn Deutschland sonst noch vorzuzeigen im Fu&#223;ball? Da kauft man sich halt die, die gut sind, wenn sie's denn sind. Das war ja mit den Fl&#252;chtlingen auch nicht anders. Da muss man eben auch gucken, wen das Land gebrauchen kann. Allein schaffen wir das doch nicht mehr. Wann spielt denn eigentlich Bayern wieder? Aha, am 16., also &#252;bermorgen erst.&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Dann ist heute der 14., nicht wahr?&#8220;, sagt meine Frau pl&#246;tzlich.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Genau&#8220;, antwortet ich nur und wundere mich.&lt;br class='autobr' /&gt;
Als k&#246;nnte ich nicht rechnen! F&#252;r einen Augenblick sehe ich wieder den Begriff Alzheimer vor mir und die Frage, ob meine Frau wohl anfangen k&#246;nnte, mich darauf zu testen.&lt;br class='autobr' /&gt;
Als ich umbl&#228;ttere, sagt sie pl&#246;tzlich noch: &#8222;Donnerstag, der 14. Juli. Aber das ist ja auch egal.&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Nat&#252;rlich ist das im Grunde egal&#8220;, brumme ich und stutze wieder.&lt;br class='autobr' /&gt;
Vielleicht hat sie recht, &#252;berlege ich. Es ist wirklich egal, welcher Tag es ist. Mir d&#228;mmert, was meine Frau eigentlich sagen will, weil doch Frauen nie direkt damit herauskommen, was sie wirklich wollen. Doch ich habe verstanden und schlage die Zeitung zusammen. Ich sp&#252;rt nun wieder den K&#228;mpfer in mir.&lt;br class='autobr' /&gt; Langsam und deutlich sage ich: &#8222;Aber auch so ein Tag ist doch was Besonderes. Man muss nur etwas besonderes daraus machen.&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Genau&#8220;, antwortet sie ziemlich laut und l&#228;chelt seltsam.&lt;br class='autobr' /&gt;
Warum muss mich meine Frau immer so herausfordern? Aber vielleicht passt das auch gerade, vielleicht muss das gerade so sein. Habe ich mir nicht extra vorgenommen, auch aus diesem Tag mal etwas Besonderes zu machen, erst recht etwas Besonderes?&lt;br class='autobr' /&gt;
Wenn sie nur leicht zu begeistern w&#228;re! Aber sie geht immer nur mit, immer irgendwie mit Widerstand. &lt;i&gt;Ich&lt;/i&gt; muss immer derjenige sein, der ihren Lauf lenkt. Nur muss ich mir nichts vormachen: Es sind nicht &lt;i&gt;alle&lt;/i&gt; in der Lage, ihr Leben wirklich selbst zu gestalten. Manchen reicht es, wenn sie mitgezogen werden. Trotzdem sp&#252;re ich manchmal wirklich schwer die Verantwortung, die deswegen auf mir lastet.&lt;br class='autobr' /&gt;
Auf einmal lache ich sie an. Als h&#228;tte sie mir zum zweiten Mal auf die Spr&#252;nge geholfen, weil sie mit mir &#252;ber Fu&#223;ball geredet hat, rufe ich laut: &#8222;Heute Abend ist ja Fu&#223;ball, hier bei uns, meine ich, also Fu&#223;ball auf dem Platz! Da gehe ich hin!&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich freue mich so &#252;ber diesen Einfall, dass ich mir vor Begeisterung auf die Schenkel schlage.&lt;br class='autobr' /&gt;
Meine Frau l&#228;chelt, guckt kurz aus dem Fenster und nickt mir dann zu.&lt;br class='autobr' /&gt;
Sie hat verstanden. Und auf dem Fu&#223;ballplatz kann ich in Ruhe einen Schnaps trinken. Da werde ich f&#252;r mich sein und muss mir von ihr deswegen nichts anh&#246;ren.&lt;br class='autobr' /&gt;
Damit wird der Tag schon mal zu etwas Besonderem werden! Ein wenig erschrecke ich jedoch: Denn wie konnte ich so etwas vergessen? Doch, ich wei&#223; weswegen: Weil das ein Nachholspiel ist, heute am Donnerstag. Nicht dass nun der ganze Tag von diesem Fu&#223;ballspiel bestimmt w&#252;rde &#8211; so viel bedeutet es mir nun wieder nicht. Aber es gibt dem Tag sozusagen von sich aus eine Perspektive, eine Wegmarke, auf die sich zusteuern l&#228;sst. Es gibt die Freiheit, den Tag ganz locker zu gestalten, weil ich wei&#223;, dass der ganze Nachmittag nicht extra geplant werden muss.&lt;br class='autobr' /&gt;
Gewiss ist ein Besuch auf dem Fu&#223;ballplatz nichts an sich Besonderes angesichts des Entschlusses, dass ich mir etwas Besonderes vornehme. Fu&#223;ball ist nat&#252;rlich f&#252;r die Masse, f&#252;r das allgemeine Volk. Ins Stadion etwa w&#252;rde ich nie gehen. H&#246;chstens gehe ich eben mal auf den &#246;rtlichen Fu&#223;ballplatz, wie jetzt, um f&#252;r die Lokalelf zu schreien. Ja, ich schreie dann. Immerhin kann man da mal die Sau rauslassen, obwohl ich sonst gewiss nicht ordin&#228;r bin. Aber es ist einfach eine M&#246;glichkeit zu toben und nicht in der Masse zu stehen.&lt;br class='autobr' /&gt;
Zu diesen Fu&#223;ballspielen gehe ich allein, weil meine Frau, die vom Fu&#223;ball sowieso nichts versteht, nichts verstehen &lt;i&gt;will&lt;/i&gt;, erst gar nicht sehen soll, wie ich &lt;i&gt;auch&lt;/i&gt; sein kann. Man muss doch Haltung bewahren. Das hat die Deutschen immer ausgezeichnet.&lt;br class='autobr' /&gt;
Das Fu&#223;ballspiel vor Augen gewinne ich an Stimmung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; &lt;/p&gt;
&lt;h2 class=&#034;spip&#034;&gt;9. Eine pure Luxus-Handlung&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Ich strahle &#252;ber das ganze Gesicht. Als w&#252;rden die Ideen pl&#246;tzlich nur so aus mir heraussprudeln, kommt mir gleich die zweite, und ich lehne mich durchatmend zur&#252;ck. Ich muss kurz innehalten, um die Idee sozusagen manifest werden zu lassen und sie dann in Ruhe zu transformieren.&lt;br class='autobr' /&gt;
Mit manchen Dingen darf man nicht einfach so herauspoltern. Das ist wie mit einem Geschenk: Warum wird das wohl eingepackt, obwohl daf&#252;r so viel aufwendig bedrucktes Papier verschwendet wird? Um die Vorfreude zu erh&#246;hen!&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich sage meiner Frau, die wieder aus dem Fenster guckt und wohl ihrerseits &#252;berlegt: &#8222;Ich habe eine &#220;berraschung.&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich sage es laut und ich sage es in einem Ton, der bestimmt alarmierend klingt, so dass man eigentlich den Kopf herumrei&#223;en m&#252;sste. Aber meine Frau dreht den Kopf nur wie in Zeitlupe zu mir.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich wiederhole: &#8222;Ich habe eine &#220;berraschung!&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Ja?&#8220;, sagt sie und hebt kaum die Stimme.&lt;br class='autobr' /&gt;
Wieviel M&#252;he muss ich mir geben, um sie zu begeistern? Manchmal kommt mir jede ihrer Reaktionen mir gegen&#252;ber wie ein Vorwurf vor: Was habe ich denn jetzt schon wieder gemacht? Was habe ich denn jetzt schon wieder Falsches gesagt?&lt;br class='autobr' /&gt;
Doch ich habe nun mal das Eheversprechen gegeben. Ich werde meine Frau nie im Stich lassen. Ich werde immer zu ihr stehen, auch oder gerade in den schlimmsten Zeiten!&lt;br class='autobr' /&gt;
Immerhin wird sie nun l&#228;cheln, wenn ich meinen erweiterten Plan vor ihr ausbreite. Es wird sie freuen, dass sie an diesem Tag von einer Aufgabe befreit ist. Sie kann sich mal wieder verw&#246;hnen lassen.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich verhaspele mich beinahe, als ich sage: &#8222;Mir ist &lt;i&gt;noch&lt;/i&gt; eine Idee gekommen: Vor dem Fu&#223;ball gehen wir zusammen essen!&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
Doch meine Frau wei&#223; Gesten nicht mehr zu sch&#228;tzen. Auch f&#252;r sie ist vieles schon zu selbstverst&#228;ndlich geworden. Als ob es nicht etwas wirklich Besonderes w&#228;re, Essen zu gehen! Sie l&#228;chelt, aber ihr L&#228;cheln ist m&#252;de.&lt;br class='autobr' /&gt;
Zwar ist es keine so gro&#223;e Aufgabe, ein Essen f&#252;r zwei zu machen, ein paar Kartoffeln zu kochen und zum Beispiel ein Schnitzel zu braten, Teller hinzustellen, Brot zu schneiden &#8211; das k&#246;nnte ich auch selbst, so wie ich mir ja auch selbst mein Bier aufmache. Doch umgekehrt wird ein Schuh daraus: Mein Angebot ist eben deswegen etwas Besonderes, weil wir also essen gehen, &lt;i&gt;ohne&lt;/i&gt; dass dies eine so gro&#223;e Erleichterung f&#252;r sie bedeuten w&#252;rde. Ich erlaube mir damit eine pure Luxus-Handlung &#8211; etwas, was mir ja wohl auch einmal geg&#246;nnt sein muss!&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Das haben wir lange nicht mehr gemacht&#8220;, sage ich, immer noch begeistert: &#8222;Ein bisschen besser essen gehen, in ein gutes Restaurant, mal ein bisschen mehr Geld ausgeben, sich mal was g&#246;nnen. Das ist es doch, was das Leben ausmacht. Und du musst nicht kochen. Wir gehen zum Italiener. Der ist nicht ganz so teuer.&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
Endlich l&#228;chelt sie ein wenig. Ich sehe es an ihrem Mund. Doch die wahre Begeisterung bleibt aus, auch wenn sie sagt: &#8222;Das ist ja eine phantastische Idee!&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
Es ist nicht immer leicht, denke ich, eine Ehe zu f&#252;hren. Nach all den Jahren reicht es manchmal auch nicht mehr, etwas Besonderes zu planen. Immerhin k&#228;mpfe ich jeden Tag darum, die Ehe frisch zu halten. Ich immerhin &lt;i&gt;k&#228;mpfe&lt;/i&gt; darum! Andere gehen auch da den bequemen Weg und suchen sich mal eben einen neuen Partner, wie man sich ein neues Tellerservice aussucht. Eine Ehe l&#228;sst sich aber nicht in den Keller bringen wie ein gebrauchtes Tellerservice und sp&#228;ter auf dem Flohmarkt f&#252;r ein paar Euro verh&#246;kern! Diese Leute haben dann vier Ehefrauen gehabt und wundern sich, dass es eine f&#252;nfte nicht mehr gibt. Am &lt;i&gt;Ende&lt;/i&gt; wird die Zeche bezahlt. Deswegen kann man durchaus trinken, aber nicht durcheinander und nicht zu viel. Das &lt;i&gt;Erwachen&lt;/i&gt; ist mit Kopfschmerzen verbunden.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich sehe meine Frau an und wei&#223;, sie wird es mir am Ende danken, dass ich zu ihr gehalten und ihr jeden Tag etwas Besonderes geboten habe. Auch wenn sie es manchmal nicht erkennen kann.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich schiebe meinen Teller ein St&#252;ck zur Seite, damit sie wei&#223;, dass ich mit Fr&#252;hst&#252;cken fertig bin, und stehe wortlos auf. Bin ich einigerma&#223;en gut gestimmt, dr&#228;ngt es gleich in mir.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; &lt;/p&gt;
&lt;h2 class=&#034;spip&#034;&gt;10. Das &#220;berfl&#252;ssigste, was es gibt&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Ich gehe ins Bad und schlie&#223;e ab. Ich m&#252;sste zwar nicht abschlie&#223;en, weil meine Frau wei&#223;, dass ich gerade tue, aber es gibt mir Sicherheit. Ich muss dabei einfach f&#252;r mich sein &#8211; wie ein Elefant, der zum Sterben auch allein sein will. Schlie&#223;lich geht es durchaus um ein St&#252;ck Kultur.&lt;br class='autobr' /&gt;
Doch obwohl ich die gerade in eigener Weise zelebrieren will und ich mich sogar darauf freue, dass es bei mir nach dem Fr&#252;hst&#252;ck gleich tut, ich mich sogar auf das Gef&#252;hl freue, wenn es dann passiert, habe ich pl&#246;tzlich wieder eine Hemmung, als ich sitzend doch zur Seite blicke. Sie haben doch da tats&#228;chlich ein Bidet eingebaut. Da zieht sich bei mir wieder alles zusammen, und ein Gedanke prescht derart vor, dass er auch nicht mit Gewalt zu stoppen w&#228;re: Das habe ich den Italienern zu verdanken, oder irgendwelchen Italophilen! Denn irgendjemand muss das Badezimmer ja bewusst so eingerichtet haben!&lt;br class='autobr' /&gt;
In Italien habe ich immer wieder diese Bidets gesehen. So verachtend, wie ich das Bidet angucke, wei&#223; ich doch, dass es sich in Deutschland untergr&#252;ndig verbreitet, wie Klee, wenn der sich einmal im Rasen festgesetzt hat. Ich hasse es. Ein Bidet ist wie eine Bedrohung. Die Anwesenheit eines Bidets stellt st&#228;ndig die Frage, wozu es wohl genau benutzt wird. Es kommt mir vor wie ein Angriff auf meine Reinlichkeit, als w&#252;rde es unterstellen, dass ich nicht wirklich sauber w&#228;re. Ich verdamme es geradezu.&lt;br class='autobr' /&gt;
Beim Stichwort Bidet kann ich nicht anders, als laut vor mich hin zu sprechen: &#8222;Ein Bidet? Die nehme ich immer, um mir darin die Fu&#223;n&#228;gel zu schneiden.&#8220; Bei diesem Witz m&#252;ssen doch alle garantiert lachen, alle Deutschen. Denn so denken ja wohl die meisten, von meiner Schwiegertochter und meinem Herrn Sohn nat&#252;rlich mal abgesehen: Ein Bidet ist das &#220;berfl&#252;ssigste, was es gibt. Wenn man wirklich f&#252;r so etwas noch Platz im Bad hat, kann man doch ein zweites Waschbecken montieren, oder gleich ein Pinkelbecken f&#252;r die M&#228;nner. So ein Ding ist sowieso f&#252;r die Frauen, und die nehmen eher einen Waschlappen, wenn &#252;berhaupt. Ich werde jedenfalls weiterhin nur Klopapier nehmen. Nein, ein Bidet ist etwas Fremdartiges. Schon deswegen sind mir die Italiener nicht ganz geheuer, obwohl sie sonst schon etwas von Kultur verstehen &#8211; das muss man ihnen lassen. Nur mit ihren Bidets bedrohen sie das Selbstverst&#228;ndnis der Deutschen. Als h&#228;tten die Deutschen keine Kultur! Am liebsten w&#252;rde ich das Bidet in meiner Wohnung abrei&#223;en lassen. Das lie&#223;e sich jedoch nur mit gro&#223;em Aufwand verwirklichen, also mit hohen Kosten. Es ist ja schon dahin gekommen, dass ich meine Frau im Verdacht habe, das Bidet selbst zu benutzen. Ich habe es schon ein paar Mal feucht vorgefunden. Einmal war ich kurz davor, durchs Schl&#252;sselloch zu gucken. Aber da habe ich mich doch zusammengerissen. Ich will mich in das Bidet-Problem nicht hineinsteigern. Nur verdirbt es mir im Bad regelm&#228;&#223;ig die Laune, und nicht nur das.&lt;br class='autobr' /&gt;
Als ich mir die H&#228;nde gewaschen habe und zur&#252;ck ins Wohnzimmer schlurfe, &#228;rgere ich mich aus vielerlei Gr&#252;nden, vor allem aber, weil es mir nicht gelungen ist, einen einfachen Gedanken niederzuhalten, und weil dieser Gedanke mir dann verwehrt hat, richtig zu tun, so dass man danach wirklich erleichtert ist. Denn &lt;i&gt;ich&lt;/i&gt; zelebriere das im Bad bestimmt nicht. Ich brauche dort keine Romane oder Comic-Hefte oder was bei anderen Leuten da so als Lekt&#252;re liegt. Als Lekt&#252;re! Ich setze mich auf die Sch&#252;ssel und tue und fertig. Aber nun haben mir das wieder die Italiener vermasselt. Ihr komisches Bidet ist im Grunde mitschuld an meinen Verdauungsproblemen, dass ich &lt;i&gt;deswegen&lt;/i&gt; auch noch diese gelben Tabletten nehmen muss.&lt;br class='autobr' /&gt;
Da f&#228;llt es mir schwer, nicht gereizt zu sein und wieder runterzukommen &#8211; gar kein schlechter Ausdruck, denke ich, auch wenn ich mich sonst dagegen wehre, in diese neudeutsche Gossensprache zu verfallen. Denn wenn man einmal auf einen Berg gestiegen ist, wie ich das in gewisser Weise so oft tue, kommt man eben nicht so schnell wieder runter.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&#169; Andreas Venzke&lt;/p&gt;&lt;/div&gt;
		
		</content:encoded>


		

	</item>
<item xml:lang="de">
		<title>Kap. 10 [Wilke spricht]</title>
		<link>https://andreas-venzke.de/wilkes-tag/text-und-horproben/article/aus-aktuellem-anlass-zum-thema-klopapier-kap-10-text-und-horprobe-wilke-spricht</link>
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		<dc:date>2020-03-28T14:10:21Z</dc:date>
		<dc:format>text/html</dc:format>
		<dc:language>de</dc:language>
		<dc:creator>Andreas Venzke</dc:creator>



		<description>
&lt;p&gt;Vielleicht ist ja die Geschichte vom ollen Wilke dazu bestimmt, Entwicklungen vorauszusehen. Das hatte sich immerhin eindringlich am Skandal um die Wurstwaren des namensgleichen Betriebs gezeigt. Auch Wilkes Leberwurstbr&#246;tchen war ja offensichtlich hygienisch nicht ganz in Ordnung &#8230; &lt;br class='autobr' /&gt;
Und in diesen ver-r&#252;ckten Zeiten des Fr&#252;hlings 2020 hat in Deutschland pl&#246;tzlich das Klopapier eine ungeheure Bedeutung bekommen. Auch dazu hat nun allerdings Wilke schon Bedeutendes beigetragen. Wer es noch (&#8230;)&lt;/p&gt;


-
&lt;a href="https://andreas-venzke.de/wilkes-tag/text-und-horproben/" rel="directory"&gt;Text- und H&#246;rproben&lt;/a&gt;


		</description>


 <content:encoded>&lt;img src='https://andreas-venzke.de/sites/venzke/local/cache-vignettes/L99xH150/arton72-1c8db.jpg?1678947060' class='spip_logo spip_logo_right' width='99' height='150' alt=&#034;&#034; /&gt;
		&lt;div class='rss_texte'&gt;&lt;p&gt;&lt;i&gt;Vielleicht ist ja die Geschichte vom ollen Wilke dazu bestimmt, Entwicklungen vorauszusehen. Das hatte sich immerhin eindringlich am Skandal um die Wurstwaren des namensgleichen Betriebs gezeigt. Auch Wilkes Leberwurstbr&#246;tchen war ja offensichtlich hygienisch nicht ganz in Ordnung &#8230;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Und in diesen ver-r&#252;ckten Zeiten des Fr&#252;hlings 2020 hat in Deutschland pl&#246;tzlich das Klopapier eine ungeheure Bedeutung bekommen. Auch dazu hat nun allerdings Wilke schon Bedeutendes beigetragen. Wer es noch nicht kennt, kann es hier gern lesen oder sich anh&#246;ren ...&lt;/i&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; &lt;/p&gt;
&lt;h2 class=&#034;spip&#034;&gt;&lt;strong&gt;Andreas Venzke: Wilkes Tag&lt;/strong&gt;&lt;/h2&gt;&lt;div class=&#034;spip_document_125 spip_document spip_documents spip_document_audio spip_document_avec_legende player&#034; data-legende-len=&#034;66&#034; data-legende-lenx=&#034;xx&#034;
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&lt;figcaption class='spip_doc_legende'&gt; &lt;div class='spip_doc_titre crayon document-titre-125 '&gt;&lt;strong&gt;Das &#220;berfl&#252;ssigste, was es gibt
&lt;/strong&gt;&lt;/div&gt; &lt;div class='spip_doc_credits crayon document-credits-125 '&gt;Andreas Venzke/Wilkes Tag (2020)
&lt;/div&gt;
&lt;/figcaption&gt;&lt;div class=&#034;base64javascript199955709969de2c7a09ff47.80055071&#034; title=&#034;PHNjcmlwdD4gdmFyIG1lanNwYXRoPSdwbHVnaW5zLWRpc3QvbWVkaWFzL2xpYi9tZWpzL21lZGlhZWxlbWVudC1hbmQtcGxheWVyLm1pbi5qcz8xNjc4ODk1MzM0JyxtZWpzY3NzPSdwbHVnaW5zLWRpc3QvbWVkaWFzL2xpYi9tZWpzL21lZGlhZWxlbWVudHBsYXllci5taW4uY3NzPzE2Nzg4OTUzMzMnOwp2YXIgbWVqc2xvYWRlcjsKKGZ1bmN0aW9uKCl7dmFyIGE9bWVqc2xvYWRlcjsidW5kZWZpbmVkIj09dHlwZW9mIGEmJihtZWpzbG9hZGVyPWE9e2dzOm51bGwscGx1Zzp7fSxjc3M6e30saW5pdDpudWxsLGM6MCxjc3Nsb2FkOm51bGx9KTthLmluaXR8fChhLmNzc2xvYWQ9ZnVuY3Rpb24oYyl7aWYoInVuZGVmaW5lZCI9PXR5cGVvZiBhLmNzc1tjXSl7YS5jc3NbY109ITA7dmFyIGI9ZG9jdW1lbnQuY3JlYXRlRWxlbWVudCgibGluayIpO2IuaHJlZj1jO2IucmVsPSJzdHlsZXNoZWV0IjtiLnR5cGU9InRleHQvY3NzIjtkb2N1bWVudC5nZXRFbGVtZW50c0J5VGFnTmFtZSgiaGVhZCIpWzBdLmFwcGVuZENoaWxkKGIpfX0sYS5pbml0PWZ1bmN0aW9uKCl7ITA9PT1hLmdzJiZmdW5jdGlvbihjKXtqUXVlcnkoImF1ZGlvLm1lanMsdmlkZW8ubWVqcyIpLm5vdCgiLmRvbmUsLm1lanNfX3BsYXllciIpLmVhY2goZnVuY3Rpb24oKXtmdW5jdGlvbiBiKCl7dmFyIGU9ITAsaDtmb3IoaCBpbiBkLmNzcylhLmNzc2xvYWQoZC5jc3NbaF0pO2Zvcih2YXIgZiBpbiBkLnBsdWdpbnMpInVuZGVmaW5lZCI9PQp0eXBlb2YgYS5wbHVnW2ZdPyhlPSExLGEucGx1Z1tmXT0hMSxqUXVlcnkuZ2V0U2NyaXB0KGQucGx1Z2luc1tmXSxmdW5jdGlvbigpe2EucGx1Z1tmXT0hMDtiKCl9KSk6MD09YS5wbHVnW2ZdJiYoZT0hMSk7ZSYmalF1ZXJ5KCIjIitjKS5tZWRpYWVsZW1lbnRwbGF5ZXIoalF1ZXJ5LmV4dGVuZChkLm9wdGlvbnMse3N1Y2Nlc3M6ZnVuY3Rpb24oYSxjKXtmdW5jdGlvbiBiKCl7dmFyIGI9alF1ZXJ5KGEpLmNsb3Nlc3QoIi5tZWpzX19pbm5lciIpO2EucGF1c2VkPyhiLmFkZENsYXNzKCJwYXVzaW5nIiksc2V0VGltZW91dChmdW5jdGlvbigpe2IuZmlsdGVyKCIucGF1c2luZyIpLnJlbW92ZUNsYXNzKCJwbGF5aW5nIikucmVtb3ZlQ2xhc3MoInBhdXNpbmciKS5hZGRDbGFzcygicGF1c2VkIil9LDEwMCkpOmIucmVtb3ZlQ2xhc3MoInBhdXNlZCIpLnJlbW92ZUNsYXNzKCJwYXVzaW5nIikuYWRkQ2xhc3MoInBsYXlpbmciKX1iKCk7YS5hZGRFdmVudExpc3RlbmVyKCJwbGF5IixiLCExKTsKYS5hZGRFdmVudExpc3RlbmVyKCJwbGF5aW5nIixiLCExKTthLmFkZEV2ZW50TGlzdGVuZXIoInBhdXNlIixiLCExKTthLmFkZEV2ZW50TGlzdGVuZXIoInBhdXNlZCIsYiwhMSk7Zy5hdHRyKCJhdXRvcGxheSIpJiZhLnBsYXkoKX19KSl9dmFyIGc9alF1ZXJ5KHRoaXMpLmFkZENsYXNzKCJkb25lIiksYzsoYz1nLmF0dHIoImlkIikpfHwoYz0ibWVqcy0iK2cuYXR0cigiZGF0YS1pZCIpKyItIithLmMrKyxnLmF0dHIoImlkIixjKSk7dmFyIGQ9e29wdGlvbnM6e30scGx1Z2luczp7fSxjc3M6W119LGUsaDtmb3IoZSBpbiBkKWlmKGg9Zy5hdHRyKCJkYXRhLW1lanMiK2UpKWRbZV09alF1ZXJ5LnBhcnNlSlNPTihoKTtiKCl9KX0oalF1ZXJ5KX0pO2EuZ3N8fCgidW5kZWZpbmVkIiE9PXR5cGVvZiBtZWpzY3NzJiZhLmNzc2xvYWQobWVqc2NzcyksYS5ncz1qUXVlcnkuZ2V0U2NyaXB0KG1lanNwYXRoLGZ1bmN0aW9uKCl7YS5ncz0hMDthLmluaXQoKTtqUXVlcnkoYS5pbml0KTtvbkFqYXhMb2FkKGEuaW5pdCl9KSl9KSgpOzwvc2NyaXB0Pg==&#034;&gt;&lt;/div&gt; &lt;/figure&gt;
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&lt;p&gt; &lt;/p&gt;
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&lt;p&gt;Ich gehe ins Bad und schlie&#223;e ab. Ich m&#252;sste zwar nicht abschlie&#223;en, weil meine Frau wei&#223;, dass ich gerade tue, aber es gibt mir Sicherheit. Ich muss dabei einfach f&#252;r mich sein &#8211; wie ein Elefant, der zum Sterben auch allein sein will. Schlie&#223;lich geht es durchaus um ein St&#252;ck Kultur.&lt;br class='autobr' /&gt;
Doch obwohl ich die gerade in eigener Weise zelebrieren will und ich mich sogar darauf freue, dass es bei mir nach dem Fr&#252;hst&#252;ck gleich tut, ich mich sogar auf das Gef&#252;hl freue, wenn es dann passiert, habe ich pl&#246;tzlich wieder eine Hemmung, als ich sitzend doch zur Seite blicke. Sie haben doch da tats&#228;chlich ein Bidet eingebaut. Da zieht sich bei mir wieder alles zusammen, und ein Gedanke prescht derart vor, dass er auch nicht mit Gewalt zu stoppen w&#228;re: Das habe ich den Italienern zu verdanken, oder irgendwelchen Italophilen! Denn irgendjemand muss das Badezimmer ja bewusst so eingerichtet haben!&lt;br class='autobr' /&gt;
In Italien habe ich immer wieder diese Bidets gesehen. So verachtend, wie ich das Bidet angucke, wei&#223; ich doch, dass es sich in Deutschland untergr&#252;ndig verbreitet, wie Klee, wenn der sich einmal im Rasen festgesetzt hat. Ich hasse es. Ein Bidet ist wie eine Bedrohung. Die Anwesenheit eines Bidets stellt st&#228;ndig die Frage, wozu es wohl genau benutzt wird. Es kommt mir vor wie ein Angriff auf meine Reinlichkeit, als w&#252;rde es unterstellen, dass ich nicht wirklich sauber w&#228;re. Ich verdamme es geradezu.&lt;br class='autobr' /&gt;
Beim Stichwort Bidet kann ich nicht anders, als laut vor mich hin zu sprechen: &#8222;Ein Bidet? Die nehme ich immer, um mir darin die Fu&#223;n&#228;gel zu schneiden.&#8220; Bei diesem Witz m&#252;ssen doch alle garantiert lachen, alle Deutschen. Denn so denken ja wohl die meisten, von meiner Schwiegertochter und meinem Herrn Sohn nat&#252;rlich mal abgesehen: Ein Bidet ist das &#220;berfl&#252;ssigste, was es gibt. Wenn man wirklich f&#252;r so etwas noch Platz im Bad hat, kann man doch ein zweites Waschbecken montieren, oder gleich ein Pinkelbecken f&#252;r die M&#228;nner. So ein Ding ist sowieso f&#252;r die Frauen, und die nehmen eher einen Waschlappen, wenn &#252;berhaupt. Ich werde jedenfalls weiterhin nur Klopapier nehmen. Nein, ein Bidet ist etwas Fremdartiges. Schon deswegen sind mir die Italiener nicht ganz geheuer, obwohl sie sonst schon etwas von Kultur verstehen &#8211; das muss man ihnen lassen. Nur mit ihren Bidets bedrohen sie das Selbstverst&#228;ndnis der Deutschen. Als h&#228;tten die Deutschen keine Kultur! Am liebsten w&#252;rde ich das Bidet in meiner Wohnung abrei&#223;en lassen. Das lie&#223;e sich jedoch nur mit gro&#223;em Aufwand verwirklichen, also mit hohen Kosten. Es ist ja schon dahin gekommen, dass ich meine Frau im Verdacht habe, das Bidet selbst zu benutzen. Ich habe es schon ein paar Mal feucht vorgefunden. Einmal war ich kurz davor, durchs Schl&#252;sselloch zu gucken. Aber da habe ich mich doch zusammengerissen. Ich will mich in das Bidet-Problem nicht hineinsteigern. Nur verdirbt es mir im Bad regelm&#228;&#223;ig die Laune, und nicht nur das.&lt;br class='autobr' /&gt;
Als ich mir die H&#228;nde gewaschen habe und zur&#252;ck ins Wohnzimmer schlurfe, &#228;rgere ich mich aus vielerlei Gr&#252;nden, vor allem aber, weil es mir nicht gelungen ist, einen einfachen Gedanken niederzuhalten, und weil dieser Gedanke mir dann verwehrt hat, richtig zu tun, so dass man danach wirklich erleichtert ist. Denn &lt;i&gt;ich&lt;/i&gt; zelebriere das im Bad bestimmt nicht. Ich brauche dort keine Romane oder Comic-Hefte oder was bei anderen Leuten da so als Lekt&#252;re liegt. Als Lekt&#252;re! Ich setze mich auf die Sch&#252;ssel und tue und fertig. Aber nun haben mir das wieder die Italiener vermasselt. Ihr komisches Bidet ist im Grunde mitschuld an meinen Verdauungsproblemen, dass ich &lt;i&gt;deswegen&lt;/i&gt; auch noch diese gelben Tabletten nehmen muss.&lt;br class='autobr' /&gt;
Da f&#228;llt es mir schwer, nicht gereizt zu sein und wieder runterzukommen &#8211; gar kein schlechter Ausdruck, denke ich, auch wenn ich mich sonst dagegen wehre, in diese neudeutsche Gossensprache zu verfallen. Denn wenn man einmal auf einen Berg gestiegen ist, wie ich das in gewisser Weise so oft tue, kommt man eben nicht so schnell wieder runter.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&#169; Andreas Venzke&lt;/p&gt;&lt;/div&gt;
		
		</content:encoded>


		

	</item>
<item xml:lang="de">
		<title>Kap. XIV+XV: &#034;Live&#034; [Ben spricht]</title>
		<link>https://andreas-venzke.de/wilkes-tag/text-und-horproben/article/kap-xiv-xv-ben-spricht</link>
		<guid isPermaLink="true">https://andreas-venzke.de/wilkes-tag/text-und-horproben/article/kap-xiv-xv-ben-spricht</guid>
		<dc:date>2020-03-28T14:03:56Z</dc:date>
		<dc:format>text/html</dc:format>
		<dc:language>de</dc:language>
		<dc:creator>Andreas Venzke</dc:creator>



		<description>
&lt;p&gt;Andreas Venzke: Wilkes Tag &lt;br class='autobr' /&gt;
Hier zum Anh&#246;ren und als Download &lt;br class='autobr' /&gt;
XIV. Eine sehr gute Stil&#252;bung &lt;br class='autobr' /&gt;
Was allein der Empfang ausmacht! Wie oft habe ich schon im Kulturausschuss angemahnt, die Sitzreihen in unserem Konzerthaus endlich auszutauschen. Wie f&#252;hlt es sich denn an, wenn man als zahlender Gast das Gef&#252;hl hat, man m&#252;sste sich auf quietschenden Holzbohlen niederlassen? Nat&#252;rlich musste mir da jemand entgegenhalten, in einer Art Sessel w&#252;rden die Leute doch nur alle Spannung verlieren. Da (&#8230;)&lt;/p&gt;


-
&lt;a href="https://andreas-venzke.de/wilkes-tag/text-und-horproben/" rel="directory"&gt;Text- und H&#246;rproben&lt;/a&gt;


		</description>


 <content:encoded>&lt;img src='https://andreas-venzke.de/sites/venzke/local/cache-vignettes/L120xH150/arton74-ac726.jpg?1678947060' class='spip_logo spip_logo_right' width='120' height='150' alt=&#034;&#034; /&gt;
		&lt;div class='rss_texte'&gt;&lt;h2 class=&#034;spip&#034;&gt;&lt;strong&gt;Andreas Venzke: Wilkes Tag&lt;/strong&gt;&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt; &lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Hier zum Anh&#246;ren &lt;a href='https://andreas-venzke.de/sites/venzke/IMG/mp3/xiv-xv.mp3' class=&#034;spip_in&#034; type='audio/mpeg'&gt;und als Download&lt;/a&gt;&lt;/p&gt;
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&lt;figcaption class='spip_doc_legende'&gt; &lt;div class='spip_doc_credits crayon document-credits-130 '&gt;Andreas Venzke/Wilkes Tag (2019)
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&lt;/div&gt;
&lt;p&gt; &lt;/p&gt;
&lt;h2 class=&#034;spip&#034;&gt;XIV. Eine sehr gute Stil&#252;bung&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Was allein der Empfang ausmacht! Wie oft habe ich schon im Kulturausschuss angemahnt, die Sitzreihen in unserem Konzerthaus endlich auszutauschen. Wie f&#252;hlt es sich denn an, wenn man als zahlender Gast das Gef&#252;hl hat, man m&#252;sste sich auf quietschenden Holzbohlen niederlassen? Nat&#252;rlich musste mir da jemand entgegenhalten, in einer Art Sessel w&#252;rden die Leute doch nur alle Spannung verlieren. Da ist sogar was dran. Doch haben wir nun mal als zahlende G&#228;ste vor allem das Bildungsb&#252;rgertum, das altgewordene. Denen muss man es bequem machen, in jeglicher Hinsicht. Die wollen das, was sie kennen, goutieren, daran h&#246;chstens noch ihren Geschmack verfeinern. Ich will da nicht mehr rebellisch sein. Ich sehe das inzwischen ganz pragmatisch.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich habe mich das Treppenhaus hochgeschleppt wie ein Bergsteiger auf dem Weg zum Gipfel. Es ist hei&#223;, und ich merke mal wieder, dass ich den Sommer eigentlich nicht mag. Er ist &#252;bertrieben und k&#252;ndigt auch immer schon an, dass alles nun wieder ins Gegenteil umschl&#228;gt. Ich mag es jung und frisch.&lt;br class='autobr' /&gt;
Als ich die T&#252;r zur Praxis mit einiger Wucht aufdr&#252;cke, betrete ich geradezu eine andere Welt. Ich sp&#252;re ein wohliges Kribbeln angesichts der Tatsache, dass ich sozusagen wieder in der Zivilisation bin. Es ist angenehm k&#252;hl. Alles ist hier sauber, nichts riecht unangenehm, leise h&#246;re ich Vivaldis &lt;i&gt;Die Vier Jahreszeiten&lt;/i&gt;: nichts so Originelles, aber doch herrlich vertraut.&lt;br class='autobr' /&gt;
Die Arzthelferin hinter dem Schalter rei&#223;t erstaunt die Augen auf, als sie mich sieht.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Wir haben eigentlich schon geschlossen&#8220;, sagt sie ziemlich emp&#246;rt.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Ich hatte einen Unfall&#8220;, entgegne ich.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Ich dachte, die T&#252;r w&#228;re zu.&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Ich hatte einen Unfall&#8220;, wiederhole ich und versuche, meine Stimme wirklich leidend klingen zu lassen.&lt;br class='autobr' /&gt;
Mit einer Hand halte ich mich am Schalter fest, mit der anderen halte ich mein Knie.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Da m&#252;ssten sie sp&#228;ter ...&#8220;, sagt die Helferin und schaut mit schnellen Blicken an meinem verdreckten und zerrissenen Jackett entlang.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich mache zwei Schritte zur&#252;ck, damit sie mein Gesamtbild begutachten kann.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Was ist?&#8220;, ert&#246;nt pl&#246;tzlich eine Stimme laut.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ein Mann in wei&#223;em Kittel kommt aus dem Zimmer hinter dem Schalter. Er ist sehr gepflegt gekleidet, die Haare sorgf&#228;ltig gescheitelt, die Brille, rahmenlos, kaum sichtbar, &#252;ber Unterkiefer und Kinn zieht sich eine sorgf&#228;ltig rasierte Linie Bart. Sein ver&#228;rgerter Gesichtsausdruck bekommt schnell einen Zug ins Neugierige, oder sogar Sp&#246;ttische.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich habe gerade das Gef&#252;hl, nicht l&#228;nger stehen zu k&#246;nnen, weil es mir vor Schmerz das Blut aus dem Kopf zieht. Ich humpele nach vorn und halte mich mit beiden H&#228;nden am Schalter fest.&lt;br class='autobr' /&gt;
Sofort ist der Arzt bei mir und st&#252;tzt mich. Er riecht dezent nach Rasierwasser, aus dem Mund nach Kaffee.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Helfen Sie mit!&#8220;, sagt er laut zu der Arzthelferin, die allerdings ihren emp&#246;rten oder sogar angewiderten Gesichtsausdruck nicht ablegt.&lt;br class='autobr' /&gt;
Er f&#252;hrt mich durch eine T&#252;r in ein Behandlungszimmer. Als ich mich auf einem Stuhl niederlasse, kommen mir fast die Tr&#228;nen.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Beruhigen Sie sich!&#8220;, sagt der Arzt und macht zu der Helferin eine kurze Handbewegung, dass sie sich entfernen k&#246;nne.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Der Fr&#252;hling!&#8220;, entf&#228;hrt es mir. &#8222;Das ist eigentlich das sch&#246;nste Motiv.&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Fr&#252;hling?&#8220;, fragt der Arzt. &#8222;Ich w&#252;rde sage, es ist gerade Hochsommer.&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Der von den &lt;i&gt;Vier Jahreszeiten&lt;/i&gt;&#8220;, erkl&#228;re ich. &#8222;Wie hier die Stimmen der Natur nachgeahmt werden, das ist k&#252;nstlerisch wirklich sch&#246;n nachgebildet, auch wenn es sozusagen nur eine sehr gute Stil&#252;bung ist.&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
Der Arzt nickt mir irgendwie erstaunt zu und sagt nur: &#8222;Aha, ich verstehe.&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich kann gerade nicht anders, als mich dem herrlichen Gef&#252;hl meiner Rettung zu &#252;berlassen, und schlie&#223;e die Augen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt; &lt;/p&gt;
&lt;h2 class=&#034;spip&#034;&gt;XV. Ein paar Binsen &#252;ber die Klassische Musik&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Der Arzt ist vielleicht doch nur ein Schaumschl&#228;ger, was jedenfalls die Musik angeht. Da wollen ja so viele mitreden. Und warum? Weil sie mit ihren Musikkenntnissen beeindrucken wollen. Meinem Vater schwellt ja die Brust, wenn er die Bedeutung der klassischen Musik betont, f&#252;r ihn immer gleichbedeutend mit Bach, Mozart, Beethoven, also dem deutschen Anteil daran, diesem &#252;beraus bedeutenden Anteil. Wagner spart er aus, weil der vielleicht &#252;ber seinen Horizont geht. Dabei ist Wagners Musik doch eigentlich die Verk&#246;rperung des deutschen Kleinb&#252;rgerideals, n&#228;mlich alles seelenhaft zu verbinden und unter ein Leitmotiv zu stellen, und das mit R&#252;ckgriff auf irgendwelche mystischen Stoffe, germanische, damit Gegenwart und Zukunft gar nicht erst ins Blickfeld geraten und das zu bewahrende Gesamtkunstwerk so sch&#246;n hervortritt. Aber vielleicht ist sogar &lt;i&gt;ihm&lt;/i&gt; das zu pathetisch.&lt;br class='autobr' /&gt;
Doch die deutsche klassische Musik an und f&#252;r sich hat f&#252;r ihn all das Tiefe, hat sich aus der Seele Bahn gebrochen, in einem sch&#246;pferischen Akt &#8211; im Unterschied zu Verdi, der ja nur an der Oberfl&#228;che sch&#246;pfte und die Geschmackserwartungen des Publikums bediente. Den Gefangenenchor h&#246;rt er trotzdem gern, weil der nun mal, wie er es so ergriffen sagen kann, den tiefen Glauben an die Freiheit so ber&#252;hrend ausdr&#252;ckt. Das Dreiviertelgeschunkel der Streicher im Hintergrund d&#252;rfte ich ihm gegen&#252;ber aber gar nicht erw&#228;hnen. Dann w&#252;rde sich wieder etwas ganz anderes aus seiner Seele Bahn brechen.&lt;br class='autobr' /&gt;
Und Vivaldi? Da sieht er wirklich nur die Effekthascherei und das oberfl&#228;chliche Spiel mit der Form &#8211; womit er nicht mal Unrecht hat. Trotzdem ist Vivaldis Musik wunderbar melodisch und in einer Art verfeinert, dass sein Spiel mit der Form nun mal k&#252;nstlerisch ist. Kunst halt!&lt;br class='autobr' /&gt;
Und der Arzt erkennt nicht einmal, dass im Akt des Fr&#252;hlings gleich mal drei Geigen erklingen, fein aufeinander abgestimmt, eigentlich ein sch&#246;ner Ausdruck f&#252;r den Geist des aufgekl&#228;rten B&#252;rgertums, wenn n&#228;mlich alle Stimmen sich gleichberechtigt zu Wort melden d&#252;rfen und gleiches Gewicht haben.&lt;br class='autobr' /&gt;
F&#252;r diesen Arzt dient also diese Art Musik nur dazu, sozusagen ein Zeichen zu setzen: In meiner Praxis geht es absolut seri&#246;s zu. Hier wird ernsthaft gearbeitet. Der P&#246;bel hat hier nichts zu suchen.&lt;br class='autobr' /&gt;
Die klassische Musik dient als Distinktionsmerkmal. Verstehen tun sie die wenigsten, die Immobilienspekulanten und Aktiengewinnler schon mal gar nicht, auch nicht so ein Mediziner, der sich wahrscheinlich strebsam aus seinem kleinb&#252;rgerlichen Elternhaus befreit hat.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#220;ber Musik muss man mit demjenigen Publikum reden, das es sich erlauben kann, ruhig &#252;ber dem hektischen Lauf der Dinge zu stehen, weil man sich auf den jahrhundertelang vererbten Familienbesitz sozusagen ausruhen kann &#8211; oder weil man als Ehefrau sich auf die erspekulierten Millionen seines Mannes verlassen kann, um hier ein Beispiel zu nehmen, das, politisch korrekt, wahrscheinlich so nicht mehr konstatiert werden darf. In diesen F&#228;llen muss man die Mu&#223;e nicht erst bem&#252;hen. Sie steht sozusagen st&#228;ndig im Raum. Und ohne sie kann man nun mal nicht zu den Feinheiten der Musik vordringen. Wie soll das einer bewerkstelligen, der nach der Arbeit auch mal f&#252;r die Familie kochen soll oder dem Kleinen das Fahrrad flicken muss oder endlich das versprochene Gartenh&#228;uschen zu bauen hat? In der Hinsicht, wirklich nur in dieser, sollte man solchen Kreisen doch ihre Art lassen. Sie tragen die Musik, meine Musik sozusagen.&lt;br class='autobr' /&gt;
Und nun versucht dieser Arzt, die Untersuchung mit mir bewusst locker zu gestalten, indem er ein paar Binsen &#252;ber die klassische Musik verbreitet. Ich aber will wissen, was mit meinem Knie los ist.&lt;br class='autobr' /&gt;
Wie das passiert sei, fragt er zum zweiten Mal, und ich versuche ihm in den schl&#228;frigen Passagen des zweiten Satzes zu erkl&#228;ren, dass ich wie gegen eine Wand gefahren bin.&lt;br class='autobr' /&gt;
Mit dem Knie gegen eine Wand, will er wissen, mal wieder in so ein Gewittergrummeln hinein, und streckt mein Knie leicht, sodass ich unwillk&#252;rlich aufschreie.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Nein Mist&#8220;, entf&#228;hrt es mir, &#8222;gegen eine verdammte Autot&#252;r von so einer Dummbratze!&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
Der Arzt sieht mich verwundert an, ehe er wieder an meinem Bein dreht und fragt, warum ich denn nicht die Polizei und einen Arzt gerufen h&#228;tte.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;So schlimm ist das doch nicht&#8220;, sage ich und versuche zu l&#228;cheln.&lt;br class='autobr' /&gt;
Der Arzt kneift die Augen zusammen und sieht mich, unterlegt von der klagenden Geige des zweiten Satzes, nun irgendwie verd&#228;chtig an.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich m&#252;sse doch H&#246;llenschmerzen gehabt haben, da im Knie bestimmt B&#228;nder gerissen seien oder die Kniescheibe eine Fraktur habe.&lt;br class='autobr' /&gt;
Er f&#228;ngt an, mein Knie mit einer Mullbinde zu umwickeln und erkl&#228;rt, ich m&#252;sse sofort in die Klinik, um das genauer untersuchen zu lassen. Da m&#252;sse ein MRT gemacht werden. Au&#223;erdem m&#252;sse man doch in diesem Fall die Polizei informieren, weil ja hier die Verkehrsregeln verletzt worden seien und au&#223;erdem Schmerzensgeld zu fordern sei &#8211; und wie ich &#252;berhaupt hei&#223;e und wo ich wohne.&lt;br class='autobr' /&gt;
&#8222;Der Sommer geht mir wirklich auf die Nerven&#8220;, sage ich. &#8222;So abrupt m&#252;ssen doch die anderen Streicher nicht auf das M&#252;ckengequitsche der Violine antworten, und au&#223;erdem l&#228;uft das viel zu schnell. Ist bestimmt Karajan.&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
Der Arzt starrt mich an wie einen Irren.&lt;br class='autobr' /&gt;
Dann murmelt er: &#8222;Aber sie haben recht: Es ist Karajan.&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
Er befestigt schnell eine Klemme an der Mullbinde.&lt;br class='autobr' /&gt;
Er k&#246;nne mehr nun nicht tun, sagt er ziemlich langsam und f&#228;hrt sich mit zwei Fingern einmal seine ganze Bartlinie entlang.&lt;br class='autobr' /&gt;
Mit dem Ende des zweiten Satzes steht er ziemlich schnell auf, geht durch die T&#252;r und sagt im Flur laut zu der Arzthelferin, sie solle die pers&#246;nlichen Daten aufnehmen und sich danach erkundigen und eine &#220;berweisung f&#252;r das Krankenhaus machen und auch die Polizei anrufen.&lt;br class='autobr' /&gt;
Ich bleibe wie erstarrt auf meinem Stuhl sitzen. Die Hitze ist unertr&#228;glich geworden. Da kann man kaum richtig nachdenken. Ich h&#246;re, wie der dritte Satz anf&#228;ngt und springe auf, als m&#252;sste ich Schutz suchen. Eigentlich ist es wunderbar anarchisch, wie Vivaldi den dritten Satz gestaltet hat: Kein Thema mehr, alles l&#228;uft durcheinander, hoch und runter, jeder kann alles aus seinem Instrument rausholen.&lt;br class='autobr' /&gt;
Polizei, wiederhole ich innerlich, als ich in dem Gewitter die Stimme der Helferin h&#246;re, die sagt: &#8222;Hier ist die Orthop&#228;diepraxis Schuhmacher, ja, Schuhmacher, Arzt, Or-tho-p&#228;-die! Wir haben hier einen Patienten ...&#8220;&lt;br class='autobr' /&gt;
Da st&#252;rme ich schon an ihr vorbei. Der Verband h&#228;lt mein Knie gut in Form. Ich kann fast normal laufen und bin schon durch die T&#252;r und st&#252;rme das Treppenhaus hinunter, wie Luther angesichts seines Gewittererlebnisses. Nur habe ich die M&#246;glichkeit zu entkommen.&lt;br class='autobr' /&gt;
Hinter der Pergola steht noch mein gut verstecktes Fahrrad. Ich schwinge mich darauf und bin schon &#252;ber alle Berge. Die Hitze ist stark. Der Sommer ist kaum ertr&#228;glich. Aber ich h&#246;re schon die fr&#246;hlichen Stimmen des Herbstes.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&#169; Andreas Venzke&lt;/p&gt;&lt;/div&gt;
		
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