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Text- und Hörprobe zu „Wilkes Tag“

Donnerstag 18. Juli 2019, von Andreas Venzke

Andreas Venzke: Wilkes Tag

1. Irgendwas mit Voice over IP

Ich, Wilke, überlege: „Willke“ hat der da gestern zu mir gesagt! So einer, der bestimmt in den Tag hineinlebt, sich nur treiben lässt, sich keinen einzigen eigenen Gedanken macht. Ich habe ihn sofort korrigiert, sofort! Aber der wiederholte das am Telefon noch ein paar Mal, als wäre der begriffsstutzig.
Für die meisten plätschert eben alles nur so dahin! Als könnte man nicht ganz leicht mal ein paar Steine aufschichten und das Wasser umleiten. Man kann doch selbst gestalten! Man kann doch auch mal zuhören!
Dieser Anruf hat mich ziemlich beschäftigt. Sonst ruft ja kaum noch jemand an, also normal, am Telefon. Alle chatten nur noch, oder twittern oder ... na ja, whatsapp, das mache ich inzwischen auch. Als ob ich sowas nicht könnte!
Ich heiße Wilke, für den von gestern: Herr Wilke bitteschön, gesprochen „Wihlke“, und bestimmt nicht „Willke“, worauf ich Wert lege. „Willke“ sagen meistens die, die sowieso kein Empfinden für die deutsche Sprache haben. Ist so ein Telefonfritze nicht angehalten, gut zuzuhören – wenn schon das Deutsch zu wünschen überlässt? Aber selbst nachdem ich noch einmal laut gesagt hatte, „Ick heiße Wilke“, hat der nur geantwortet: „Ich verstehe, Herr Willke.“
Ich habe es dann gesteckt, den noch einmal zu korrigieren. Bei dem hatte es einfach keinen Sinn, auf der richtigen Aussprache meines Namens zu bestehen. Man muss halt der Welt manchmal ihre Not lassen. So wie dem am Telefon, der bestimmt nichts gelernt hat und deswegen eine solche Arbeit machen muss, bei der es doch trotzdem auf Sprache ankommt oder gerade auf Sprache. Der würde vielleicht „Gras“ noch „Grass“ aussprechen, wobei das mit dem ja wieder seine eigene Bewandtnis hatte: Schon dass der in seinem Namen das gute alte SZ zu Doppel-S geändert hat, geradezu symbolisch, wie er auch sonst seine Vergangenheit ... Aber das auch noch gedanklich zu fassen, würde gerade zu weit führen. Ist ja alles schon so lange her. Da ist nun auch Gras drüber gewachsen ... Ich freue mich über diesen kleinen Kalauer, den aber bestimmt keiner schätzen würde, meine Frau zumal nicht, wie so vieles.
Gute Schriftsteller haben die Deutschen ja auch keine mehr, hatten sie vielleicht auch nie, Goethe mal ausgenommen, auch Brecht, durchaus auch Brecht: Mal abgesehen davon, wie der sich politisch verirrt hatte – der hatte noch ein Gespür für Sprache, für die deutsche Sprache, für gutes Deutsch. Wiederum hatten die ja auch nur eine Bedeutung, weil man damals noch irgendwie darauf gehört hat, was solche Künstler sagen. Heute löst sich ja alles im Einheitsgeplapper auf. Wer bleibt denn da noch standhaft? Ich selbst, als einer der wenigen, auf den aber auch keiner mehr hören will, meine Frau vorweg.
Wie mein Name so gesprochen wird – was habe ich daran schon alles feststellen können! Wie sich die Leute überhaupt so ausdrücken! Wer kann denn noch richtig Deutsch? Da wollen sie die Sprache verändern und damit natürlich gleich das Denken, diese Gleichheitsapostel, und schreiben: MitgliederInnen wie dieser eine Auszubildende damals bei mir im Betrieb. Und als ich ihn auf seinen Fehler aufmerksam gemacht hatte, korrigierte der das grinsend und schrieb: Mitglieder und Mitgliederinnen. Da habe ich laut aufgelacht, was heute natürlich gar nicht mehr geht. Vielleicht hatte ich sogar Glück, dass der deswegen nicht den Betriebsrat oder die Gewerkschaft eingeschaltet hat. Zum Glück bin ich da jetzt raus. Heute würde dieser Auszubildende, der jetzt wahrscheinlich selbst ausbildet, das bestimmt mit Sternchen schreiben.
Wie soll man denn diesen Leuten die Feinheiten der Sprache näherbringen? Sie kennen ja nicht einmal die Regeln! Doch all das lohnt nicht, es sich jetzt so vor Augen zu führen. Man muss sich ja beschränken und auf den Punkt kommen, wie manche das nie verstehen werden, vor allem nicht solche des weiblichen Geschlechts. Aber auch das lohnt jetzt nicht ...
Und den am Telefon habe ich dann seinen ganzen Sermon herunterbeten lassen, irgendwas mit Voice over IP, was mir sowieso zu viel war – zu viel, nicht zu hoch! Wie können die nur so mit den Technikbegriffen um sich schmeißen? Protokolle, Gateways, Service Provider! Soll man davon als Kunde beeindruckt sein? Ich will nur weiter ganz normal telefonieren können.
Das habe ich dem noch gesagt – und hinzugefügt, dass ich selbst über mein Telefon bestimme und mit wem ich spreche und dass ich es im Grunde auch gar nicht nötig habe ...
Da hat mich dieser Fritze doch unterbrochen und ziemlich langsam gesprochen und gesagt, sie als Telefongesellschaft müssten einen Anschluss für jeden Kunden herstellen, auch wenn sich das bei manchen nicht wirklich lohnen würde.
Nicht wirklich! Da musste ich mich wirklich sehr beherrschen, dem nicht wirklich die Meinung zu sagen. Nur hat der dann auch wieder angefangen zu sprechen wie ein Automat, immer höflich, immer sehr höflich, dass nun mal das ganze System umgestellt werden muss, aber dafür alles schneller ... und die Übertragungsgeschwindigkeit ... und die neue Technik ... so viel besser, Herr Willke!
Da habe ich nur noch geantwortet: „Dann tun Sie halt! Sie können ja gar nicht anders.“
Für einen Moment war er tatsächlich still, ehe er noch sagte: „Das tue ich dann also, Herr Wolke!“
Er selbst hat dann aufgelegt, noch ehe ich das tun konnte.
Mich hat das durcheinandergebracht, weil das doch eigentlich nicht den Gepflogenheiten entspricht. Der Kunde hat doch das Gespräch zu beenden. Und dass er sagte: Herr Wolke ...
Ich mache die Augen auf und rufe zu meiner Frau in der Küche: „Weißt du, der gestern am Telefon, der kann doch nur das machen, was ihm gesagt wird. Und wenn der von der Arbeit kommt, lebt der bestimmt nur so in den Tag hinein. So einer weiß natürlich immer, was er sagt und tut ...“
„Na, bist du jetzt wach?“, ruft meine Frau zurück. „Dann steh mal auf, damit das ein besonderer Tag wird.“
Ich stutze und merke, wie mein Puls ansteigt. Was will sie mir denn damit sagen? Als hätte ich so lange geschlafen! Das kann ich doch mal! Schließlich bin ich jetzt in Rente.
Dann ruft sie noch: „Und jetzt vergiss mal den vom Telefon! So wichtig ist das doch nicht.“
Da muss ich mich sehr beherrschen, meine Laune nicht zu verlieren, die doch eigentlich gut ist – zumindest war. Ich sehe den neuen Tag vor mir, mitbestimmt von meiner Frau, sonst nichts. Plötzlich sehe ich eine große Leere vor mir.
Doch dann durchfährt es mich so, als wäre es fast eine Eingebung: Ein besonderer Tag! Das ist es! Ein ganz besonderer Tag, ein wirklich besonderer! Das nehme ich mir vor, einen ganz besonderen Tag zu erleben, besser gesagt, sich den Tag ganz besonders zu gestalten. Denn der Tag soll von mir abhängen, nicht ich vom Tag. Ich hänge von keinem ab. Ich doch nicht! Außerdem verbringe ich im Grunde immer besondere Tage. Der vom Telefon, dieser Willke-Sager, sollte das mal erleben können, wie man seine Welt gestaltet, wie man nicht nur das Wasser ist.
Und meiner Frau muss ich auch mal wieder zeigen, was sie überhaupt an mir hat.

2. Ordentlich frühstücken

Ich strecke den Rücken durch und nehme die entstehenden Schmerzen auf mich, wie ... fast wie Jesus, was vielleicht nur etwas übertrieben ist. Denn ich muss meine Schmerzen ja jeden Tag aufs Neue ertragen. Trotzdem halte ich sie aus. Als ob man sich immer beklagen müsste!
Dann drehe ich mich im Bett auf die Seite und werde nun erst einmal ordentlich frühstücken, mit Schrippen und Leberwurst. Mit Leberwurst habe ich zwar am Tag vorher auch gefrühstückt, und davor ebenfalls, doch hatte ich die Tage ja nicht besonders geplant. Deswegen hatte ich auch das Frühstück, und also die Schrippen und die Leberwurst, nicht als etwas Besonderes wahrgenommen.
Stöhnend richte ich mich auf und rufe: „Frau, warste schon einkoofen?“
Meine Frau ruft aus der Küche zurück: „Brötchen sind da, frische Leberwurst auch.“
Das macht mich nun aber wütend. Wie kommt sie dazu, einfach von sich aus Leberwurst zu kaufen? Als ob ich die jedes Mal zum Frühstück will! Ich esse zwar meistens Leberwurst zum Frühstück, aber nur deswegen, weil die nun mal da ist. Sonst aber kann ich wohl immer noch gefragt werden, ob ich Leberwurst haben will! Ich bin auch mit Mortadella zufrieden, oder einer anderen Wurst. Als ob ich mich deswegen so haben würde! Ich habe sogar schon so einen vegetarischen Brotaufstrich gegessen, den Conni mitgebracht hatte, meine Schwiegertochter. Das schmeckte eigentlich ganz ähnlich, gar nicht so schlecht.
Vor allem soll meine Frau nicht über mich bestimmen und von sich aus Leberwurst kaufen.
So fängt der Tag schon mal nicht gut an.

3. Eine wirklich saubere Schnittfläche

Ich lasse die Beine aus dem Bett fallen. Ein erster Elan ist dahin. Ich drücke mich mit beiden Händen von den Knien ab und stelle mich auf. Mein Atem geht schwer, weil erst einmal der Kreislauf in Schwung kommen muss. Das ist bei einem Auto ja auch nicht anders, wenn die Batterie nicht mehr neu ist. Aber wenn der Motor einmal läuft, kann man trotzdem gleich losfahren.
Es fällt mir nicht mehr so leicht, meine Füße zu sehen, wenn ich stehe. Dabei sehe ich mir eigentlich gern meine Füße an. Die sind nicht platt und nicht gespreizt und modisch verformt, oder richtig: wegen der Mode verformt wie bei meiner Schwiegertochter, und sie sind überhaupt, nicht nur für mein Alter, schön.
Dass mein Bauch vorhängt, ärgert mich durchaus, aber ich werde den noch wegbekommen! Schließlich hat kaum einer so einen Willen wie ich. Vielleicht werde ich schon an diesem Abend damit anfangen und kein Bier trinken. Wiederum habe ich es nicht nötig, den Bauch sofort wegzubekommen. So sehr stört er mich nicht und ich kann damit warten, bis ich dann selbst knallhart entscheide: Ich will, dass der Bauch wegkommt, und also kommt er weg!
Als ich durch den Flur schlurfe, stoppe ich plötzlich. Meine Frau, die in der Küche das Frühstück macht, steht dort gerade im Türrahmen, Rücken zu mir. Sie ist anscheinend ganz in Gedanken versunken. Und ich grüße sie noch nicht, offiziell meine ich, weil mir Umgangsformen doch wichtig sind. Da will ich nicht nur durch den Flur rufend oberflächlich ein Guten Morgen wünschen. Das hat auch mit Respekt zu tun. Bloß wundere ich mich, wie meine Frau dort mit dem schweren Fleischmesser steht und es irgendwie abwägend betrachtet. Sie hat bestimmt in dem Messerblock danebengegriffen, denke ich und richtig: Plötzlich schreckt sie hoch und geht an ihren Platz in der Küche zurück.
Sie hat den Messerblock als Geschenk eigentlich auch nie zu schätzen gewusst. Was der gekostet hat! Und wenn sie nun das Fleischmesser in der Hand hatte, ist das im Grunde bezeichnend. Sie weiß eben immer noch nicht, was der Unterschied zu dem Brotmesser ist. Das hat ja eine ganz andere Klinge, nämlich eine gewellte. Damit hat man vor allem erst mal einen Ansatzpunkt, um beim Schrippenaufschneiden nicht abzurutschen. Außerdem bleibt durch den Wellenschliff nichts so leicht an der Klinge haften. So hat man eine wirklich saubere Schnittfläche. Aber auch hier habe ich es aufgegeben, ihr das auseinanderzusetzen. Die Küche ist nun mal ihr Bereich, ihre eigene Welt. Ich kann da höchstens mal Gast sein, zum Beispiel zum Abtrocknen, und als solcher geziemt es sich nicht, dem Gastgeber gute Ratschläge zu erteilen.
Ich räuspere mich kurz, um sie darauf aufmerksam zu machen, dass ich nun aufgestanden bin, und gehe ins Badezimmer.
Sie ruft: „Mach nicht so lang!“
„Ja ja“, murmele ich nur. „Mach ich, mach ich nicht!“

© Andreas Venzke